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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Warum uns der Islam Angst macht

Eine Kolumne von

Viele Deutsche fürchten den Islam. Die Provokation liegt nicht in Verschleierung oder Polygamie, die als Symbole der fremden Religion gelten - in einer ungläubigen Welt reicht der Glaube an sich.

Der AfD-Politiker Konrad Adam hat einen Traum. Darin fährt ein christliches Heer wie ein Schwert durch die Reihen der muslimischen Feinde, lässt ihre Schiffe kentern, verheert ihre Ordnung und bringt ihnen Tod und Verderben. "Wie die Christen schon einmal die Türken schlugen" ist der Traum betitelt, den Adam für die Sonntagsausgabe der "Frankfurter Allgemeinen" aufgeschrieben hat und in dem er den Sieg der Heiligen Liga über die Streitmacht des osmanischen Großadmirals Ali Pascha im Jahre 1571 wiederbelebt.

Jetzt wissen wir immerhin, was dem AfD-Funktionär vor Augen steht, wenn er in der Militärgeschichte Trost sucht. Die Belgier stellten die Schlacht von Waterloo nach, wenn sie sich von den Franzosen gedemütigt fühlten. Die Veteranen des Zweiten Weltkriegs schlugen in Gedanken noch einmal die Panzerschlacht von Kursk. Der Parteiführer bei der AfD denkt an Lepanto. Die Lage muss dramatisch sein, wenn man nachts wach liegt und sich zur Beruhigung eine Seeschlacht ausmalt, in der die Flotte der Türken so vernichtend geschlagen wurde, dass zur Feier in Europa die Glocken läuteten.

Was macht am Islam solche Angst?

Rund vier Millionen Menschen muslimischen Glaubens leben in Deutschland. Sollen wir annehmen, dass sie uns gewaltsam zu ihrem Glauben bekehren wollen, wenn sie die Macht dazu haben? Dass auch in Berlin, Köln und Hamburg demnächst die Gesetze der Scharia gelten, wenn wir nicht rechtzeitig Vorkehrungen dagegen treffen, und die Monogamie durch die Vielweiberei ersetzt wird, so wie es Michel Houellebecq in seinem neuen Roman für Frankreich als Zukunftsvision entwirft?

Niemand, der seine Sinne beisammen hat, kann ernsthaft meinen, dass uns der Muselmane mit dem Krummdolch in der Hand zu Leibe rücken will, um in Deutschland das Kalifat auszurufen. Von den Schauergeschichten, die eine schleichende Islamisierung der deutschen Gesellschaft beweisen sollen, entpuppen sich die meisten als Humbug.

Es mussten auch in diesem Jahr keine Weihnachtsmärkte abgesagt werden, weil die Behörden den Protest muslimischer Zuwanderer fürchteten, wie man sich das in den Foren erzählt. In deutschen Schlachtereien darf weiterhin Schweinefleisch verkauft werden, die Banken halten immer noch Sparschweine bereit, um Kinder an die traditionelle Geldanlage heranzuführen, und in der Kantine wacht niemand darüber, ob das Essen für alle Mitarbeiter halal ist.

Was macht am Alltags-Islam also solche Angst? Die Provokation liegt nicht in der Verschleierung oder der Polygamie, die vielen als Symbole der fremden Religion gelten: Als Provokation reicht der Glaube an sich. In einer Gesellschaft, in der schon das sonntägliche Kirchengeläut als Störung empfunden wird, muss eine Versammlung von Menschen, für die Gott nicht Chiffre, sondern lebendige Realität ist, Beklemmung auslösen. Jede Glaubensrichtung, die sich zu markant äußert, taugt heute zum Skandal; da macht der Katholizismus keine Ausnahme, wie die hysterische Beschäftigung mit dem Opus Dei zeigt. Erst wenn sich eine Religion wie der Protestantismus so weit säkularisiert hat, dass sie nahezu unsichtbar geworden ist, gilt sie als gesellschaftlich verträglich.

Der Blick in ein schwarzes Loch des Unwissens

"Kampf der Kulturen" hieß das Buch, in dem der Harvard-Professor Samuel Huntington vor 18 Jahren die These vertrat, dass nach dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr ideologische oder wirtschaftliche Auseinandersetzungen die Weltpolitik bestimmen würden, sondern Konflikte zwischen den großen Kulturkreisen. Der Titel wurde als Prophezeiung verstanden, dabei war Huntington, was den Westen anging, eher pessimistisch. Wenn es kulturelle Werte und Überzeugungen sind, die eine Gesellschaft stark und auch wehrfähig machen, hielt er den Niedergang unserer Welt für wahrscheinlich. "Welchen Platz soll in einer Ära, in der Völker sich in kulturellen Begriffen definieren, eine Gesellschaft ohne kulturellen Kern einnehmen, die sich allein durch ein politisches Credo definiert", schrieb Huntington mit Blick auf die USA und Europa.

Man muss sich nur den traurigen Haufen ansehen, der sich die Verteidigung des Abendlandes auf seine Fahnen geschrieben hat, um zu dem Schluss zu kommen, dass Huntington möglicherweise recht hatte. Alles, was von der heiligen Allianz, von der Leute wie Adam träumen, übrig geblieben ist, sind ein paar Tausend Leute in Funktionsjacken, die ihre Weihnachtslieder vom Blatt ablesen müssen, wenn ihr Anführer zum Singen aufruft. Wer die Rede auf Mysterien wie die Dreifaltigkeit oder die Jungfrauengeburt bringt, die vor einem Jahrhundert noch jedem Christenmenschen ein Begriff waren, blickt in ein schwarzes Loch des Unwissens.

Viele werden Michel Houellebecqs neues Buch "Unterwerfung" als düstere Fabel über die drohende Machtübernahme des Islam lesen. Aber es ist bezeichnend, dass die Kritik an der eigenen Kultur mindestens so vernichtend ausfällt wie die an der islamischen Ordnung, die der Autor auf die Fünfte Republik folgen lässt. Wenn im Jahr 2022 ein Muslimbruder in Frankreich die Präsidentschaft übernimmt, ist dies für Houellebecq die Folge eines Niedergangs, der lange vorher begonnen hat.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 423 Beiträge
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1. Angst?
Waldpinguie 06.01.2015
Mir macht der Islam keine Angst. Wenn schon diejenigen welche diesen Glauben für ihre Ziele missbrauchen.
2.
Robert_Rostock 06.01.2015
Hut ab. Einen langen Artikel schreiben und nicht einmal den momentan naheliegendsten Grund für diese Angst nennen: Den IS, bei dem auch etliche Deutsche an vorderster Front und/oder führenden Positionen mitmorden, -vergewaltigen, -versklaven. Doch, ein radikalisierter Muslim mit einem Schwert (ob krumm oder nicht) ist für einen Ungläubigen wie mich schon eine relativ reale Angstvorstellung.
3.
p.donhauser, 06.01.2015
punktgenau der beitrag,danke.
4. Angst
jokohu 06.01.2015
müssen uns nur die machen, die den Islam für verbrecherische Zwecke missbrauchen. Dies gilt aber für alle Religionen und Ideologien, vom Christentum bis zum Sozialismus/Kommunismus.
5. Jetzt Islam, davor andere Religionen und Menschen
raber 06.01.2015
Vor 80 Jahren machten die Juden den Deutschen Angst, Zigeuner und schliesslich Zugereiste und Asylbewerber. Deutschland hat immer vor dem Unbekannten, und besonders wenn es nicht hausgebacken ist, Angst. Brauner Sumpf wird da schon eher geduldet und verharmlost. Sehr interessant ist die These von S. Huntington über die Ursache wegen der grundlegenden Konflikte zwischen den großen Kulturkreisen. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass Banken und die grossen Firmen das grosse Weltgeschehen bestimmen und die Politiker als "Volksvertreter" und Minister nur Mittelsleute sind um es schmackhaft zu machen oder aufzuerwingen. Dazwischen wird wohl die Realität liegen. Der Islam wäre wohl noch viel stärker wenn nicht die ewigen internen Zankereien ihre Bemühungen schwächen würden. Es ist nicht nur die Religión Islam die Angst macht, sondern alles was rundherum angeblich mitkommt. Da ist die katholische Kirche (RKK) mit schwindender Mitgliederzahl auch von dieser Seite her schwach. Die Trennung von Protestanten und anderen katholischen Gruppen auf diesem "Schachbrett" ermöglicht auch keine einheitliche Front.
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Jan Fleischhauer

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