S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Occupy the bedroom!

In den Feuilletons sucht man wieder mal nach dem richtigen Weg, um den Kapitalismus in die Knie zu zwingen. Dabei ist die Lösung so einfach: Wir müssen nur mehr schlafen. Die eigentliche Revolte besteht im gezielten Nichtstun.

Eine Kolumne von


Jakob Augstein empfiehlt Farbbeutel. Das Geheimnis liegt im Mischungsverhältnis, schreibt er in seinem neuen Buch "Sabotage": Man muss die Farbe sehr konzentriert in einen Luftballon füllen, bevor man ihn an den Wasserhahn klemmt. Augstein hat auch mit Eiern und Glühbirnen experimentiert. Glühbirnen sind als Wurfgeschoss überraschend gut geeignet, wie er berichtet. Wenn man am Gewinde ein kleines Loch bohrt, lässt sich die Farbe mit einer Kanüle einführen. Aber nichts geht über einen gut gefüllten Luftballon: 30 Meter fliegt so eine Wasserbombe bei geübter Schultermuskulatur.

Man kann Augstein nicht vorwerfen, den Dingen nicht auf den Grund zu gehen. Nach eigener Aussage hat er bei seinen Versuchen, die ideale Farbbombe zu basteln, eine ziemliche Schweinerei in Badezimmer und Küche veranstaltet. Aber das ist ein geringer Preis angesichts der Entscheidungen, vor denen wir stehen. Denn diesmal geht es ums Ganze.

Es ist recht lange her, dass jemand in Deutschland zum bewaffneten Kampf aufrief, und sei es mit dem Luftballon als Waffe. Aber wenn ich "Sabotage" richtig verstanden habe, sind Politik und Wirtschaft moralisch so verkommen, dass uns nur noch der Aufstand der Anständigen bleibt.

Bei der Verteidigung der Demokratie ist Widerstand oberste Bürgerpflicht. Oder wie es in den glorreichen Siebzigern hieß, als in Deutschland schon einmal die Straße brannte: Revolte ist machbar, Herr Nachbar!

Verarmung der geistigen Verhältnisse

Fast so alt wie der Kapitalismus sind die Versuche, ihn abzuschaffen. Kein anderes Wirtschaftssystem kann vergleichbare Erfolge vorweisen, aber das hindert die Kritiker nicht daran, seinen Untergang herbeizubeten. Man könnte auch sagen, der Untergangswunsch gehört zum System wie die Krise, die es in regelmäßigen Abständen durchschüttelt.

Selbst im Feuilleton der "FAS" träumen sie dieser Tage von einem heißen Sommer, und damit ist nicht die Außentemperatur gemeint. Mit erkennbarem Ekel notieren die Chronisten der Merkel-Zeit, wie das Volk, angeführt von seiner Kanzlerin, den Urlaub genießt, statt sich über die Zumutungen der Gegenwart zu erregen. Vom fröhlichen Ostseestrand wandert der Blick sehnsuchtsvoll nach Brasilien und die Türkei, wo die Bürger ihre Fäuste gegen die Regierungen recken. Man mag es für einen Zufall halten, dass ein Buch mit der Jahreszahl 1913 im Titel die Bestsellerlisten anführt. Man kann es aber auch als Zeichen des Kommenden deuten. Auch im Sommer 1913 war man in den Kaffeehäusern und Redaktionsstuben des Landes vor Überdruss und Langeweile so erschöpft, dass man sich die metallische Aufregung eines Gewittersturms wünschte.

Wer genau den Aufstand diesmal anführen soll, ist schon schwerer zu sagen. Die Kommentatoren, die zur Revolte aufrufen, fallen als Barrikadenstürmer in der Regel aus: Die geübte Schultermuskulatur für den gezielten Wurf ist bei Intellektuellen eher unterentwickelt. Früher ruhte die Hoffnung, in guter marxistischer Tradition, auf der organisierten Arbeiterschaft. Aber seit die revolutionäre Avantgarde nach 1968 kläglich bei dem Versuch scheiterte, die Arbeiter bei Opel gegen das System aufzuwiegeln, weiß man auf der Linken, dass man dem Proletariat nicht trauen kann: zu satt, zu korrumpiert von 35-Stunden-Woche und gewerkschaftlich ausgehandelten Lohnanpassungen.

Schlaf als ultimative Widerstandsform

Das revolutionäre Subjekt der Stunde sind jetzt die Jugendlichen aus den Randbezirken der Großstädte, die es zum Plündern auf die Straße treibt. Jede zersplitterte Fensterscheibe gilt als Fanal des Aufbruchs. Dass die Aufständischen nichts anderes im Kopf haben als den einfachsten Weg zum nächsten Plasmafernseher, darf man ihnen nicht anlasten. Die völlige Verarmung der geistigen Verhältnisse zeigt nur, wie es um die gesellschaftlichen Zustände bestellt ist. Leider findet der Protest über das Spektakel selten hinaus, wo jedes politische Bewusstsein fehlt. Die simpelste Form der Aufstandsbekämpfung ist die ausreichende Versorgung der marodierenden Massen mit Alkohol und Elektrogut.

Aber vielleicht ist es ohnehin eine Schnapsidee, die Überwindung des Kapitalismus vom Aufruhr zu erwarten. Vielleicht liegt der richtige Weg ganz im Gegenteil im Nichtstun. Dass in der Trägheit die eigentliche revolutionäre Tat steckt, ist eine Idee, die der Brite Tom Hodgkinson schon seit längerem verfolgt. Hodgkinson unterhält sogar ein eigenes Magazin zum Thema, das "The Idler" heißt und jede Menge Tipps enthält, wie man am besten den Tag vertrödelt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, Faulenzen als politische Tätigkeit zu betrachten, aber das macht die Sache natürlich ungemein attraktiv. Außerdem vermeidet man so Sauereien im Bad.

Der amerikanische Kunsthistoriker Jonathan Crary hat den Gedanken des revolutionären Nichtstuns jetzt noch weiter getrieben und empfiehlt den Schlaf als ultimative Widerstandsform. "Der große Teil unseres Lebens, den wir im Schlaf verbringen, ist bis heute einer der großen menschlichen Affronts gegen die Gefräßigkeit des modernen Kapitalismus", schreibt Crary in seinem gerade erschienenen Buch "24/7". Darauf muss man erst einmal kommen: das Schlafzimmer als Widerstandsnest. Oder wie es Comrade Evgeny Mozorov gleich als Kampfslogan formulierte: "Occupy the bedroom".

Ich will kein Spielverderber sein. Doch wie ich den Kapitalismus kenne, wird er auch diese Attacke aussitzen. In Japan haben sie bereits angefangen, den Angestellten einen Kurzschlaf während der Mittagspause zu verordnen. Irgendwie ist der Kapitalismus seinen Kritikern immer einen Schritt voraus.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 144 Beiträge
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Seite 1
stapsiponti 08.08.2013
1. Ja, das ist es
Zitat von sysopDagmar MorathIn den Feuilletons sucht man wieder mal nach dem richtigen Weg, um den Kapitalismus in die Knie zu zwingen. Dabei ist die Lösung so einfach: Wir müssen nur mehr schlafen. Die eigentliche Revolte besteht im gezielten Nichtstun. Jan Fleischhauer zu Kapitalismuskritik: Occupy im Schlafzimmer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jan-fleischhauer-zu-kapitalismuskritik-occupy-im-schlafzimmer-a-915518.html)
Gerne würde ich Ihre Systemkritik und das, was Sie darüber schreiben, kommentieren, aber Ihr Ratschlag ist so überzeugend, dass ich darüber eingeschlafen bin. Sorry, vielleicht ein andermal. Chrrrr, chrrrr, chchchrrr;-))
rockmadroll 08.08.2013
2. Schön,
dass man das hier mal so pauschal lesen kann. Der Ansatz ist richtig. Umgesetzt währe dies allein jedoch nur ein Strohfeuer. Zum gezielten Nichtstun sollte noch kommen: - die Abschaffung des Zinssystems, - so wenig wie möglich neu zu kaufen sondern lieber Waren zu tauschen, - nicht mehr wählen zu gehen (denn egal welche Farbe - jede Partei ist abhängig vom Arbeitsplatzerhalt des einzelnen Bürgers)
frubi 08.08.2013
3. .
Zitat von sysopDagmar MorathIn den Feuilletons sucht man wieder mal nach dem richtigen Weg, um den Kapitalismus in die Knie zu zwingen. Dabei ist die Lösung so einfach: Wir müssen nur mehr schlafen. Die eigentliche Revolte besteht im gezielten Nichtstun. Jan Fleischhauer zu Kapitalismuskritik: Occupy im Schlafzimmer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jan-fleischhauer-zu-kapitalismuskritik-occupy-im-schlafzimmer-a-915518.html)
Endlich mal ein nicht so verbohrter Beitrag von Herrn F. VIele Menschen in Deutschland wollen den Kapitalismus nicht abschaffen sondern reformieren. Wir leben ja auch schon lange nicht mehr in freien Märkten. Unternehmen, besonders Großkonzerne, werden subventioniert ohne Ende, Banken sozialisieren ihre Verluste und Steuerhinterzieher werden behandelt wie rohe Eier. Das wollen viele einfach nicht mehr hin nehmen. Es muss also gar kein neues Wirtschaftssystem her sondern lediglich die Löcher im alten System müssen repariert werden. Wobei ich mitlerweile glaube, dass uns nur noch ein riesiger Crash hilft, plus das Chaos im nachhinein, damit der deutsche und europäische Bürger etwas ändern will.
grommeck 08.08.2013
4. Das....
wäre dann die typisch deutsche Lösung des Problems Kapitalismus - wenn es denn eines ist . Wir würden allerdings wieder einmal als Verlierer eines "Krieges?" erwachen, der vielleicht eine Art Evolution der Gesellschaft bringen könnte, was eine positive Seite des Kapitalismus darstellt - oder?....;-)
einlebenlang 08.08.2013
5. Der erste Satz des Herren F.
der wirklich stimmt. " Die völlige Verarmung der geistigen Verhältnisse zeigt nur, wie es um die gesellschaftlichen Zustände bestellt ist." Kann ich voll und ganz unterschreiben. Aber wer produziert sowas, wenn nicht die kapitalistischen Verhältnisse.
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