S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Tschuldigung, Frau Petry!

Der Jahreswechsel ist eine gute Gelegenheit, in sich zu gehen: Wem hat man Unrecht getan, wo muss man sich entschuldigen? Fünf Adressen, bei denen der Autor Abbitte leisten muss, weil er sich geirrt hat.

Eine Kolumne von


Frauke Petry

Im Juli habe ich über Frauke Petry geschrieben, dass die Vorsitzende der AfD immer so kalt wirke, als ob sie die Nacht im Gefrierfach verbracht habe. Das war nicht nur gemein, das war auch falsch. Ausgerechnet die Eiskönigin der Rechten überraschte Freund und Feind mit der Nachricht, dass sie in der Familienpolitik lieber dem Herzen folge als den Grundsätzen ihrer Partei. Im Frühsommer verließ Petry heimlich Mann und Kinder für eine neue Liebe, im Oktober machte sie den Schritt öffentlich.

Dem privaten Glück steht nur noch die ungeklärte Wohnsituation entgegen. Wie man "welt.de" entnehmen konnte, ist Petry seit längerem vergeblich auf Wohnungssuche , weil alle Vermieter von einer Vermietung Abstand nehmen, wenn sie erfahren, wer sich bei ihnen einmieten will.

Parteiintern hat das Bekenntnis zum Patchwork-Leben ebenfalls Spuren hinterlassen: Als neuer Shootingstar der Bewegung gilt jetzt der Gymnasiallehrer Björn "crazy" Höcke, der immer so redet, als ob er zu oft "Triumph des Willens" geguckt hat. So schnell kann sich das Glück in der Politik wenden: Eben noch den Vorgänger als zu lasch abgemeiert - und schon steht man selber im Verdacht, nicht standfest genug zu sein.

Die Griechen

Gerade mal sechs Monate ist es her, da hatte uns die Griechenlandkrise fest im Griff. Kein Tag, an dem die Syriza-Brüder die Welt nicht mit ihren Winkelzügen in Atem hielten. Die Lage in Griechenland hat sich trotz des Rettungspakets nicht wirklich verbessert. Nach wie vor fehlt hinten und vorne das Geld - wenn es um Reformen geht, sind alle Zusagen nur so viel wert wie das Papier, auf dem sie stehen.

Aber was Europa angeht, sind die wahren Stinker nicht die Griechen, sondern die Polen.

Als eine der ersten Amtshandlungen verbannte die neue Regierung in Warschau europäische Flaggen. Mit Merkel-Karikaturen hält man sich hier nicht auf, über dieses Stadium ist man in Polen längst hinaus. Sogar die eigene Verfassung ist für die Nationalisten um Jaroslaw Kaczynski nicht mehr als ein Stück Papier, mit dem man sich die Nase schnäuzt.

Schauspieler in der Politik sind immer eine problematische Sache, wie man weiß. Kaczynski war zu allem Überfluss auch noch Kinderschauspieler. Dass Menschen, die in jungen Jahren zu Ruhm kamen, später im Leben Anpassungsschwierigkeiten haben, ist zur Genüge bewiesen. Noch zwei Monate mit den polnischen Eisenfressern, und wir werden uns nach den lustigen Griechen zurücksehnen.

Die Grünen

Was haben sich alle über den Beschluss der Grünen lustig gemacht, in Parteitagsanträgen künftig an die Stelle des Binnen-I den "Gender-star" zu setzen, um die Grenze zwischen den Geschlechtern fließend zu machen. Auch ich war versucht, dies als Beispiel für die Weltfremdheit der grünen Partei zu deuten. Ganz falsch: In einer Zeit, in der es heißt, man solle mit seinem Leben einfach weiter machen, weil man sich vom Terror nicht einschüchtern lassen dürfe, ist der Geschlechterstern kein Symbol für Weltabgewandtheit, sondern ein Zeichen für stillen Heroismus.

Wenn bereits ein Kaffee um die Ecke als Widerstandsakt gilt, kann man nur sagen: Hut ab, Grüne. In puncto heroische Gelassenheit macht euch so schnell keiner was vor.

Alle Schwaben

Kein Wort mehr über die Schwaben beziehungsweise die Badener, die keine Schwaben sein wollen. Das hatte ich mir fest vorgenommen. Seit ich Wolfgang Schäuble aus Versehen einen Schwaben genannt habe (digitaler SPIEGEL 31/2015), obwohl er in Freiburg geboren wurde, weiß ich, dass man einem Badener keinen größeren Tort antun kann, als ihn landsmannschaftlich falsch zuzuordnen.

Und dann? Dann sah ich die letzte Sendung von Günther Jauch, in der Wolfgang Schäuble zu Gast war. Und wovon sprach Schäuble? Von seinem "schwäbischen Landsmann Hölderlin"! Womit alle guten Vorsätze wieder zum Fenster raus sind. Bleibt die Frage: Wem habe ich jetzt eigentlich Unrecht getan? Offenbar den Schwaben.

Jürgen Todenhöfer

Vor drei Wochen rief mich Jürgen Todenhöfer an. Es sei besser für uns beide, wenn ich nicht wüsste, wo er sich aufhalte, sagte er. Dann bat er mich, klarzustellen, dass er den "Islamischen Staat" in seinem Buch "Inside IS" nicht verherrlicht habe, wie ich geschrieben hätte. Tatsächlich verhalte es sich genau umgekehrt: Seit Veröffentlichung seines Buches gehöre er zu den vom IS am meisten gehassten Menschen. Ich versuchte ihm zu erklären, dass er meine Kolumne falsch verstanden hatte. Aber bevor ich das Missverständnis aufklären konnte, brach die Verbindung ab. Da er sich von einem geheimen Ort aus gemeldet hatte, konnte ich nicht zurückrufen.

Ich kann nicht beurteilen, wie weit oben Todenhöfer auf der Liste derjenigen steht, mit denen der IS noch ein Hühnchen zu rupfen hat. In jedem Fall muss ich aber meinen professionellen Respekt bekunden: Wenn es etwas gibt, was ich bewundere, dann ist es der vorurteilsfreie Besuch bei Leuten, über die alle anderen den Stab gebrochen haben. Ich habe im November Akif Pirinçci in seinem Haus in Bonn aufgesucht. Pirinçci ist seit seinem Pegida-Auftritt in Dresden so etwas wie der deutsche Taliban.

Todenhöfer hat es nicht mit einem Taliban aufgenommen, sondern mit Tausenden! Von dieser Stelle deshalb ein herzliches Salam alaikum, Efendi Todenhöfer. In dieser wie der anderen Welt gilt: Gott ist mit den Standhaften!

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 152 Beiträge
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Seite 1
nixkapital 29.12.2015
1. Na ja...
...wie so oft irrt J. Fleischhauer - gerade beim Thema Griechenland. die Griechen kommen nicht voran nicht obwohl sie sich der Troika unterworfen haben, sondern weil sie sich gebeugt haben. Das (deutsche) Spardiktat hat die Not in Griechenland verschärft und nachhaltig Wachstum verhindert. Aber dafür die steht die schwarze Null Schäuble ja auf Platz 1 des Spiegel Politiker-Ranking. Herzlichen Glückwunsch!
Haetschelhans 29.12.2015
2. @nixkapital
"ie Griechen kommen nicht voran nicht obwohl sie sich der Troika unterworfen haben, sondern weil sie sich gebeugt haben." Selbstverständlich! Griechenland ist Opfer und hat mit der eigenen Situation nichts zu tun. Es waren - wie immer - die Deutschen. Hilfe kann nur fortgesetzter Konsum auf Kosten anderer brigen. Diese müssen allerdings selbst sparen, damit die Griechen ihre eigene Wirtschaft wieder an die Weltspitze herankonsumieren können.
badscooter 29.12.2015
3. mein ironiedetektor...
...ist kaputt und ich bin verwirrt. gelacht hab ich trotzdem. grüße aus dem schwabenländle :-)
Hörbört 29.12.2015
4.
"Ich versuchte ihm zu erklären, dass er meine Kolumne falsch verstanden hatte." Yo, das sagt der Höcke auch immer. Nie will er das gemeint haben, was er sagte.
lupo44 29.12.2015
5. das war ein Rundumschlag....
Herr Fleischhauer das Sie auf Grund ihrer Stellung nutzen könnenwann Sie wollen und wie Sie es wollen.Das ist gelebte Demokratie. Leider ist uns Forum-Teilnehmern dieses Priveleg genommen worden durch die Redaktion von Spiegel Online.Das bedauere ich sehr .Verständlich ist es aus der Sicht der Erklärung von Spiegel Online.Aber der Normalo der auch mal etwas sagen möchte zur politischen Diskussion in Deutschland ,der kommt nicht mehr zu Wort.Grund sind Teilnehmer die einfach nicht die demokratischen Richtlinien einhalten und sicher sehr umstrittende Beiträge geliefert haben.Aber hier hätte ja die Redaktion die Möglichkeit diese Teilnehmer zu verwarnen und im Widerholungsfall zu streichen. Aber alle Teilnehmer unter diesen Beteiligten "bluten "zu lassen fide ich sehr nachdenklich und es ist ärgerlich. Ansonsten ist der Beitrag von Herrn Fleischhauer OK.Als Tatsachenbericht und Einschätzung gut. Das Jahr 2016 wird nuns Alle sehr viel abverlangen.Alle Probleme von 2015 werden wieder die Schlagzeilen füllen,weil alle Probleme nicht gelöst sind. Die Griechenlandkrise,Die Ukraine krise und die Flüchtlingskrise. Dazu kommem die Terroralarme Weltweit die Armutszunahme,die Klimaproblematik. Eigentlich können wir Alle als Menschen daran etwas ändern.Unsere Politiker sprich bei uns die 620 Abgeordneten niemals.Hoffen wir auf 2016 das es friedlich bleibt in der Welt und die Menschen in Frieden leben können.
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