Janis, 12 Jahre, München "Manchmal habe ich Hunger"

Milch, Eier, Butter - nur dafür reicht das Geld der achtköpfigen Familie von Janis. Dank einer privaten Initiative gibt es Essen, Nachhilfe und Klavierunterricht. Der intelligente Junge hat sich schon bis auf die Realschule gekämpft - er will einmal Rechtsanwalt werden.


"Manchmal habe ich Hunger. Vor allem in der Schule, weil ich keine Brotzeit dabei habe. Dafür reicht unser Geld nicht. Wir kaufen nur Milch, Eier und Butter vom Familiengeld. Von der Caritas bekommen wir jeden Mittwoch Kartoffeln, Brot, Zwiebeln, Salat, Salami und Joghurt. Manchmal auch Obst. Damit kommen wir eine Woche hin.

Janis, 12, aus München: "Ich strenge mich jetzt an in der Schule, damit ich später einen guten Job habe."
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Janis, 12, aus München: "Ich strenge mich jetzt an in der Schule, damit ich später einen guten Job habe."

Wir, das sind meine Eltern, meine dreijährige Schwester, meine elfjährigen Zwillingsbrüder und mein großer Bruder, der ist 14. Meine 17-jährige Schwester ist zu meiner Oma nach Griechenland gezogen, weil die eine schwere Operation am Bein hatte und nun Hilfe braucht. Ich bin in Saloniki geboren, seit 1999 bin ich in Deutschland. Mein Vater kam ein Jahr früher hierher und organisierte alles für uns. Er arbeitet sehr hart: sechs Nächte pro Woche in einer Großbäckerei als Verpacker.

Ohne den Münchner Verein ghettokids aber würden wir es kaum schaffen. Jeden Samstag treffen wir uns da mit etwa 40 anderen sozial benachteiligten Kindern in der Wohnung von Susanne Korbmacher. Sie ist die Vorsitzende von ghettokids. Dort gibt es Essen. Meine Familie darf auch was mit nach Hause nehmen, wenn wir nichts mehr haben. Wir bekommen Klamotten und manchmal Spielzeug für meine kleine Schwester. Auch Medikamente: Jetzt im Winter sind wir natürlich öfter krank, aber Nasenspray zahlt die Krankenkasse nicht. Da hilft dann Frau Korbmacher. Wenn ein Kind Geburtstag hat, darf es ins Schwimmbad gehen, ins Kino oder zum Essen.

Die Samstage bei 'ghettokids' sind super. Ich habe da kostenlosen Klavier- und Schauspielunterricht. Oder ich spiele Gitarre und wir trommeln in der Gruppe. Es sind auch immer Lehrer oder Studenten da, die Nachhilfe geben. Und wir helfen uns selbst: Ich übe mit den Jüngeren Lesen. Weil ich so gute Noten in der Schule habe, habe ich ein Keyboard zum Üben nach Hause bekommen. Ich spiele so Lieder wie 'Lemon Tree' von Fool's Garden oder 'Hit the Road Jack' von Ray Charles.

Wir von den ghettokids treten regelmäßig auf, machen Konzerte. Zum Beispiel am 12. Dezember in der Allerheiligen-Hofkirche in München, auf einem Benefiz-Konzert gemeinsam mit dem zypriotischen Musiker Aris Aristofanous. Den darf ich bei zwei Stücken auf der Trommel begleiten. Vom Erlös kaufen wir dann Essen oder auch U-Bahn-Fahrkarten.

Ich bin in der sechsten Klasse auf der Hauptschule. Aber neulich habe ich zwei Tests in Mathe und Physik-Chemie-Biologie in der Neunten mitgemacht. Da war ich so gut, dass ich jetzt vorzeitig in die siebte Klasse versetzt werde. Und wenn alles gut läuft, kann ich noch im Dezember auf die Realschule wechseln.

Von ghettokids habe ich einen Paten vermittelt bekommen, den ich einmal in der Woche besuche. Er ist ein Rechtsanwalt und lernt mit mir für die Schule. Zum Beispiel Englisch: Er sagt 'Tisch' und ich muss 'table' sagen. Und so weiter. Neulich hatte ich am Tag danach einen Test in der Schule – und hatte gleich einen Einser. Er erklärt mir auch, wie man Rechtsanwalt wird. Das ist mein Traumberuf! Weil man da anderen Menschen, also Schwächeren helfen kann. Wenn sie Probleme haben, kann ich die dann später lösen.

Ich strenge mich jetzt an in der Schule, damit ich später einen guten Job habe. Das sage ich auch den anderen bei ghettokids immer: Strengt Euch an! Klar ist es in der Schule nicht immer einfach, aber nicht wegen dem Unterricht: Einige andere haben Markenklamotten. Manchmal bin ich traurig, dass die bessere Sachen haben als ich. Gerade jetzt, wo ich eine neue Hose brauche, wir sie aber im Moment nicht bezahlen können. Aber da kann man nichts ändern, damit muss ich leben. Ich schaue dann einfach nicht darauf, was die anderen tragen."

Aufgezeichnet von Sebastian Fischer



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