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Jean Ziegler bei Gegengipfel: Gottesdienst der G-8-Kritik

Von Ingo Arzt, Rostock

Er ist einer der Topstars der G-8-Kritiker: Jean Ziegler, Professor und Uno-Sonderberichterstatter. Zur Eröffnung des Gegengipfels wurde er heute gefeiert - als revolutionärer Prediger, der dem Rostocker Protest nach der Gewalt am Wochenende wieder Sinn verleiht.

An der kalkweißen Wand der Kirche hängt eine zwei Meter große Jesus-Statue mit ausgebreiteten Armen. Der Prediger, ein kleiner, 73-jähriger Herr mit sanftem Schweizer Akzent, zitiert Karl Marx: "Der Revolutionär muss das Gras wachsen hören", sagt Jean Ziegler und zeigt mit seinem Finger in die Zuschauermenge, die revolutionäre. Hunderte jubeln ihm frenetisch zu, johlen, immer wieder an diesem Abend, dem Auftakt des Gegengipfels der Globalisierungskritiker.

Ziegler in der Rostocker Nikolaikirche: "Der gewaltlose Zug ist unterwegs"
DDP

Ziegler in der Rostocker Nikolaikirche: "Der gewaltlose Zug ist unterwegs"

Jean Ziegler ist eigentlich kein Prediger, er ist Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Außerdem ist er Idol der Globalisierungskritiker und Autor mehrer scharfzüngiger Sachbücher. Ziegler ist nicht nur charismatisch, er genießt in der Bewegung auch den Ruf absoluter Glaubwürdigkeit, ein klarer, weit gereister Intellektueller.

Bis 2002 war er Professor für Soziologie an der Universität Genf. Wenn er von der Verarmung nigerianischer Bauern wegen einer vom Internationalen Währungsfonds geforderten Privatisierung spricht, dann hat er mit den Betroffenen Viehzüchtern persönlich gesprochen.

Werben für die "planetare Zivilgesellschaft"

Mit seiner Eröffnungsrede in der Rostocker Nikolaikirche scheint er geradezu religiöse Hoffnungen bei den Anwesenden zu wecken. Seine Heilsbotschaft ist klar, einfach, er zitiert Rousseau, Che Guevara, Willy Brandt, und liest aus der Uno-Menschenrechtscharta wie aus der Heiligen Schrift. Seine Worte hallen in der Kirche unter dem hohen Kreuzgewölbe wieder. Das Gotteshaus ist nicht einfach nur voll, es quillt über. Alle Stühle sind besetzt, der Boden, die Empore, die Treppenaufgänge, auf dem Vorplatz der Kirche stehen Menschen und lauschen der Rede über Lautsprecher.

Der Alternativegipfel ist die wichtigste Gegenveranstaltung der Globalisierungskritiker, hier wollen sie beweisen, dass sie nicht nur blockieren und demonstrieren, Motto: "Globalisierung anders denken." Bevor sie sich in den kommenden Tagen in kleine Workshops zurückziehen und über die Grüne Revolution, Bildungspolitik oder die "Renaissance der Schiene" sprechen, beseelt sie der kleine Herr mit dem schwarzen Anzug und dem kahlen Haupt mit dem Geist der Revolution.

Die "planetare Zivilgesellschaft" wachse überall auf dem Planeten, sagt Ziegler enthusiastisch. Ein großer Terminus für etwas ganz großes Neues, und in der Kirche ist man Teil davon, von Anfang an dabei. "Der gewaltlose Zug der Aufständischen ist unterwegs", sagt Ziegler - tosender Beifall.

"Unsere Feinde können den Frühling nicht aufhalten"

Ziegler bei Eröffnungsrede: "Gott hat keine anderen Hände als die unsrigen"
AP

Ziegler bei Eröffnungsrede: "Gott hat keine anderen Hände als die unsrigen"

Er beginnt seine Rede wie ein Staatsanwalt. Die Angeklagten heißen Welthandelsorganisation, Internationaler Währungsfonds, G8 und die "kapitalistischen Oligarchen". Zieglers Beweiskette gegen sie: 2,7 Milliarden Menschen, die in extremer Armut leben, alle vier Sekunden ein verhungerter Mensch, und weil die Welt eigentlich genug Nahrung für alle produziert, sei Hunger eigentlich Mord.

Dann wird es persönlich: Während der zwei Stunden der Veranstaltung in der Rostocker Kirche, sagt Ziegler, werden 176 Kinder unter sechs Jahren verhungern: "Das könnten Ihre Kinder sein oder meine. Sie sind nicht einfach eine demografische Kurve. Sie sterben."

Wie eine Achterbahnfahrt wechselt der Prediger der Antiglobalisierung vom großen Gedanken zur konkreten Forderungen. Sprüche wie "Gott hat keine anderen Hände als die unsrigen, entweder wir verändern die Welt, oder niemand wird es tun" wechseln sich mit Anekdoten über die Situation armer Bauern in Afrika ab, die ihre Produkte wegen europäischer Agrarsubventionen nicht verkaufen können.

Ziegler ist der radikale Intellektuelle, der den Globalisierungskritikern endlich ihre heiß ersehnten Inhalte bringt, sie wegführt von den Debatten über Gewalt der vergangenen Tage. Er teilt die Welt in Böse und Gut, in einfache Formeln und Bilder: "Unsere Feinde können alle Blumen ausreißen, den Frühling können sie nicht aufhalten." Sagt er zum Schluss in seinen Schweizer Dialekt.

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