DGB-Studie: Jeder vierte neue Erwerbslose rutscht sofort in Hartz IV

Der Deutsche Gewerkschaftsbund schlägt Alarm. Immer mehr Beschäftigte, die ihren Job verlieren, sind sofort auf staatliche Grundsicherung angewiesen. Der Grund: Ihre Beschäftigungszeit war zu kurz oder ihr Verdienst zu niedrig. Die Gewerkschafter warnen vor einem "Zweiklassensystem".

Jobcenter in Erfurt: "Zweiklassensystem der Arbeitsmarktpolitik" Zur Großansicht
DPA

Jobcenter in Erfurt: "Zweiklassensystem der Arbeitsmarktpolitik"

Saarbrücken/Nürnberg - Wer heute seinen Job verliert, kann sich immer seltener auf die gesetzliche Arbeitslosenversicherung verlassen. Nach einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) ist inzwischen jeder vierte Betroffene sofort auf Hartz IV angewiesen, wie die "Saarbrücker Zeitung" berichtet. Entweder waren die Beschäftigten zu kurz angestellt, damit sie einen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Oder aber sie verdienten so wenig, dass ihr geringes Arbeitslosengeld mit Hartz IV aufgestockt werden muss.

Nach Angaben des Gewerkschaftsbunds waren allein im vergangenen Jahr von den knapp 2,8 Millionen neu registrierten Arbeitslosen 736.000 unmittelbar auf staatliche Grundsicherung angewiesen. Das waren 135.000 mehr Erwerbslose als 2007.

Laut Bundesagentur für Arbeit standen im vergangenen Monat rund 909.000 Arbeitslosen im Versicherungssystem knapp zwei Millionen arbeitslose Hartz-IV-Empfänger gegenüber. In dem DGB-Papier wird dieser Zustand als "Zweiklassensystem der Arbeitsmarktpolitik" kritisiert. Denn mit dem Bezug von Versicherungsleistungen seien auch bessere Förderchancen verbunden, wieder eine Arbeit zu finden, wie es weiter heißt.

Der Gewerkschaftsbund fordert deshalb mittelfristig laut "Saarbrücker Zeitung" ein Mindestarbeitslosengeld in Höhe der Hartz-IV-Bedürftigkeitsgrenze. Reicht das Arbeitslosengeld nicht zum Lebensunterhalt aus, soll nach dem Willen des DGB die Arbeitslosenversicherung einspringen. Diese soll den Aufstockungsbetrag vom Bund aus Steuermitteln erstattet bekommen. Nach Angaben der Gewerkschafter ist derzeit etwa jeder zehnte Empfänger von Arbeitslosengeld zusätzlich auf Hartz IV angewiesen.

Zudem will der DGB die Bedingungen für den Bezug von Arbeitslosengeld abmildern. Nach geltendem Recht muss ein Arbeitnehmer in den letzten zwei Jahren mindestens zwölf Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen sein, um Arbeitslosengeld I zu bekommen. Der DGB will diese Frist auf drei Jahre verlängern - so wie es bis Anfang 2006 der Fall war. Außerdem sollen kurzzeitig Beschäftigte schon nach einem halben Jahr Beitragszahlung Anspruch auf drei Monate Arbeitslosengeld haben.

Die Bundesagentur für Arbeit reagierte skeptisch. Vorstandsmitglied Raimund Becker sagte dem Blatt, wenn Arbeitslose mehr Zeit hätten, nach einer geeigneten Stelle zu suchen, könne die "Suchintensität abnehmen" und sich der Verbleib in der Arbeitslosigkeit verlängern. Die hinter dem Mindestarbeitslosengeld steckende Idee, Arbeitslose mit ergänzendem Hartz-IV-Bezug durch das Versicherungssystem betreuen zu lassen, teile er aber "im Grundsatz". Diese Personengruppe sei sehr nah am Arbeitsmarkt.

heb

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 175 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Lustig!
magetasalex 01.09.2012
Zitat von sysopDer Deutsche Gewerkschaftsbund schlägt Alarm. Immer mehr Beschäftigte, die ihren Job verlieren, sind sofort auf staatliche Grundsicherung angewiesen. Der Grund: Ihre Beschäftigungszeit war zu kurz oder ihr Verdienst zu niedrig. Die Gewerkschafter warnen vor einem "Zweiklassensystem". Jeder vierte neue Erwerbslose rutscht sofort in Hartz IV (DGB) - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,853316,00.html)
Gewerkschafter waren es, die Hartz 4 ins Leben riefen (fast alle Bundestagsabgeordnete sind bekanntlich Mitglied einer Gewerkschaft) und nun warnen sie vor einem "Zweiklassensystem". Ja doch, sie tun schon viel für ihre Mitglieder...
2. Aufgrund von Schrödes Agenda 2010 wurden 100 000 neue Jobs geschaffen...
tronx 01.09.2012
...ich habe 3 davon....
3.
Plasmabruzzler 01.09.2012
Zitat von sysopDer Deutsche Gewerkschaftsbund schlägt Alarm. Immer mehr Beschäftigte, die ihren Job verlieren, sind sofort auf staatliche Grundsicherung angewiesen. Der Grund: Ihre Beschäftigungszeit war zu kurz oder ihr Verdienst zu niedrig. Die Gewerkschafter warnen vor einem "Zweiklassensystem".
Tja, wenn man heutzutage nicht selten 6-Monats-Verträge bekommt, kann so etwas schnell passieren, s. auch: Hier sollte aber noch hinzugefügt werden, dass Studienabgänger (ob mit oder ohne Abschluss), die mind. 2 Jahre studiert haben, ebenso unmittelbar in ALG II rutschen!
4. Die Geister die ich ( Gewerkschaften ) rief
herr_kowalski 01.09.2012
Zitat von sysopDer Deutsche Gewerkschaftsbund schlägt Alarm. Immer mehr Beschäftigte, die ihren Job verlieren, sind sofort auf staatliche Grundsicherung angewiesen. Der Grund: Ihre Beschäftigungszeit war zu kurz oder ihr Verdienst zu niedrig. Die Gewerkschafter warnen vor einem "Zweiklassensystem". Jeder vierte neue Erwerbslose rutscht sofort in Hartz IV (DGB) - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,853316,00.html)
ich werd sie nicht mehr los. Den Gewerkschaften gehen die zahlenden Deppen aus. Deshalb wird jetzt Stimmung gemacht, obwohl man selbst die Verantwortung für den Hartz-Mist trägt. Realitätsverdrängung könnte man es auch nennen.
5. Ist doch alles in Butter
stephan@mcsteph.com 01.09.2012
SO geht Kapitalismus, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, Maximierung von Profit - wie Marx es in Reinform definiert hat. Soziale Marktwirtschaft? Ein Märchen!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Hartz IV
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 175 Kommentare
  • Zur Startseite
Wer bekommt Hartz IV?
Die Politik führt eine heftige Debatte über die Weiterentwicklung von Hartz IV - doch wer bezieht die Arbeitslosenhilfe eigentlich? SPIEGEL ONLINE hat demografische Merkmale zusammengetragen.
Schulbildung
Schulabschluss Anteil in Prozent
Noch Schüler 4,2
Schule beendet ohne Abschluss 8,4
Sonder-/ Förderschule 1,2
Hauptschule 47,2
Realschule 29
Fachhochschule 1,9
Abitur 7,5
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Berufsbildung
Berufsbildung Anteil in Prozent
Schüler an allgemeinbildender Schule 4,4
Kein beruflicher Abschluss 37,5
Anlernausbildung, Hilfsjob 4,3
Lehre, betriebliche Ausbildung 36,6
Berufsfachschule 6,4
Meister, Techniker 3,2
Berufsakademie 0,8
Diplom (FH), Bachelor 2,2
Diplom (Uni) oder BA 3,0
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Migrationshintergrund
Migrationshintergrund Anteil in Prozent
Kein Migrationshintergrund 60
Selbst zugezogen 29,8
Mindestens ein Elternteil zugezogen 6,1
Mindestens ein Großelternteil zugezogen 2,2
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Behinderung
Behinderung Anteil in Prozent
Amtlich festgestellt 10,3
Nicht amtlich festgestellt 86,7
Antrag gestellt 2,9
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung
Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung Anteil in Prozent
Ja 27,8
Nein 71,9
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Verweildauer
Viele Arbeitslose beziehen laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung über einen längeren Zeitraum Hartz IV. Im Dezember 2007 waren demnach 78 Prozent der Leistungsempfänger mindestens zwölf Monate ununterbrochen im Leistungsbezug. Bei rückläufigen Empfängerzahlen sank die Zahl der Langzeitbezieher kaum. ssu

Die Hartz-Reformen
Arbeitslosengeld I
Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.
Arbeitslosengeld II
Nach dem Arbeitslosengeld I bekommt man das Arbeitslosengeld II (ALG II) - eine Grundsicherung für erwerbsfähige Arbeitsuchende. Sie ersetzte 2005 die frühere Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe, sofern es sich um erwerbsfähige hilfsbedürftige Personen handelt. Nichterwerbsfähige oder in sogenannten Bedarfsgemeinschaften lebende Hilfsbedürftige erhalten das geringere Sozialgeld. ALG II und Sozialgeld sind Sozialleistungen, keine Versicherungsleistungen. Sie werden aus Bundesmitteln finanziert.
Hartz IV/SGB II
Mit Hartz IV wird das "Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" bezeichnet, das zum 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Die Grundsicherung wird durch das Zweite Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) geregelt, das am 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Beide zusammen regeln das Arbeitslosengeld - im Volksmund wird das Arbeitslosengeld II "Hartz IV" genannt.
ARGE/Jobcenter
Die Arbeitsgemeinschaften (Argen) sind ein Zusammenschluss der Arbeitsagenturen und kommunaler Träger. Sie werden auch Jobcenter genannt und sind für die Betreuung der Hartz-IV-Empfänger zuständig.
Peter Hartz
Peter Hartz wurde 2002 von der damaligen Bundesregierung unter Gerhard Schröder mit der Erarbeitung von Reformen für den Arbeitsmarkt beauftragt.