Petition gegen Gesundheitsminister Spahn trifft sich mit Kritikerin

Mehr als 190.000 Menschen fordern von Gesundheitsminister Jens Spahn, einen Monat lang selbst von Hartz IV zu leben. Den Aufruf hatte eine Mutter per Petition gestartet. Nun wird sie den CDU-Politiker treffen.

Jens Spahn (CDU)
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Jens Spahn (CDU)


Sandra Schlensog ist 40 Jahre alt, hat einen kleinen Sohn - und lebt von Hartz IV. Auch sie hat die vieldiskutierte Aussage von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) umgetrieben. Der hatte behauptet, ein Leben mit Hartz IV bedeute keine Armut, sondern sei die Antwort der Solidargemeinschaft auf Armut. "Dieser Satz tat mir weh", sagt Schlensog. Nun wird sie den Politiker persönlich zur Rede stellen können: Am 28. April wollen sich die beiden in Karlsruhe treffen.

Dann könnte Schlensog auch ihre Forderung an Spahn wiederholen, für die sie bereits mehr als 190.000 Unterstützer gefunden hat. In einer Petition ruft sie den 37-Jährigen dazu auf, einen Monat lang selbst von Hartz IV zu leben. "Mit seinen Aussagen verstärkt Herr Spahn das Bild, das viele Menschen von Menschen wie mir haben: 'Das sind doch Schmarotzer!', 'Die leben von meinen Steuergeldern!', 'Die soll doch einfach arbeiten gehen!'", schrieb Schlensog zur Beschreibung der Petition.

Spahn hatte schon in einer Diskussionsrunde von Frank Plasberg öffentlich gesagt, er wolle sich mit Schlensog treffen. Die wollte ihn an ihrem Alltag mit kleinem Kind und geringem Budget teilnehmen lassen.

Auch die Krankenschwester Jana Langers rechnete schon öffentlichkeitswirksam mit dem Minister ab, der erst wenige Wochen im Amt ist. "Bevor mir der Kragen platzt, bekommt erst mal Herr Spahn einen Brief", beginnt ein Schreiben Langers, das in den sozialen Medien schon mehr als 70.000 Mal geteilt wurde. Der Autorin geht es dabei nicht um Hartz IV, sondern die prekäre Situation in der Pflege.

Langer schreibt von einem "menschenunwürdigen System" und spricht Spahn direkt an: "Nach Ihren Aussagen der letzten Wochen, denke ich, können Sie sich nicht hineinversetzen, was es bedeutet, qualifizierte pflegerische Leistungen zu erbringen, vor allem nicht zu den derzeitigen Bedingungen!"

Spahn hat noch eine zweite Einladung bekommen: Bei "Hart aber Fair" hatte ihn eine Zuschauerin in eine Krankenhaus-Notaufnahme zitiert. Dort strandeten all diejenigen Menschen, die im aktuellen System keinen Termin beim Facharzt bekämen.

Nimmt der CDU-Politiker auch diese Einladung an, kann er damit zumindest die Kritik von Katrin Göring-Eckardt kontern; die Grünen-Fraktionschefin hatte ihm bei Twitter Untätigkeit vorgeworfen.

vks/dpa



insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
freizeitverkaeufer 05.04.2018
1. Man muss die Dinge wieder beim Namen nennen dürfen. ...
...das ist die Voraussetzung für jeglichen gesellschaftlichen Diskurs. Natürlich soll Hartz IV keine Hängematte sein. Die Betroffenen sollen da raus wollen. Und, wenn ein Hartzer zum anderen sagt, uns geht's aber schlecht, ist das damit noch nicht erwiesen. Selbst wenn das in den Socialmedia 200.000 oder 2 Millionen mal geliked wird.
kain1 05.04.2018
2. Ein Wunsch
Wahrscheinlich dürfte es als Minister recht einfach sein mit 400 € einen Monat zu bestreiten. Der Dienstwagen wird vom Chauffeur getankt, den Einkauf macht die Frau und zum Essen wird man ja von den Industrievertretern eingeladen... Im Ernst wäre es schön wenn der Spiegel Herrn Spahn den Monat begleitet....vielleicht kann findet der gute Herr ja in irgendeiner Form eine Bodenhaftung .
Suppenelse 05.04.2018
3.
Wer sich allen Ermstes eine Petition einhandelt, weil er oder sie die Wahrheit sagt, wird sich beim nächsten Mal dann lieber den Politikern anschließen, die lieber Phrasen dreschen, als sich festzulegen. Dann ist das Geschrei aber wieder groß... Es ist ganz einfach: Entweder man tritt für eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Hartz-IV-Sätze ein (falls es dann trotzdem noch Leute gibt, die das trotz deutscher Rekordabgaben mit ihren Steuern zu bezahlen bereit sind). Oder: Jens Spahn hat recht. Alles andere ist unlogisch.
Hagbard 05.04.2018
4.
Zitat von freizeitverkaeufer...das ist die Voraussetzung für jeglichen gesellschaftlichen Diskurs. Natürlich soll Hartz IV keine Hängematte sein. Die Betroffenen sollen da raus wollen. Und, wenn ein Hartzer zum anderen sagt, uns geht's aber schlecht, ist das damit noch nicht erwiesen. Selbst wenn das in den Socialmedia 200.000 oder 2 Millionen mal geliked wird.
Man durfte die Dinge immer beim Namen nennen. Man darf sogar sagen, dass man die Dinge nicht beim Namen nennen darf. Hartz ist kein Hängematte. Ein Freund von mir ist Hartzler. Gauben Sie mir, das ist kein Spaß. Ich halte die Ansage des Herrn Spahn für ziemlich anmaßend. Da er (anscheinend mangels Einfühlungsvermögen) nicht beurteilen kann, was ein Leben mit H4 bedeutet, halte ich es für durchaus zielführend, wenn er diese Erfahrung selber macht.
DoctorG 05.04.2018
5. Spahn hat doch nicht unrecht
Natürlich kann (und muss man immer wieder) über den immensen Nachweisdruck, das Problem mit den Schonvermögen oder auch die Höhe von Transfergeldern sprechen. Wer allerdings mal eine Weile in Ländern ganz ohne Krankenversicherung, Sozialsystem ... ganz zu schweigen von Pflegeversicherung etc. unterwegs ist - das gibt es nämlich sehr wohl in der Welt - kann Spahns Spruch vielleicht besser einordnen. Denn natürlich sind diese sozialen Auffangnetze immer Antworten einer Solidargemeinschaft - was denn sonst? Hartz IV ist doch nicht das Böse in der Welt. Das ist so ähnlich schräg als würde man Krankenhäuser für sämtliche Schmerzen verantwortlich machen, nur weil man sie an diesen Ort tatsächlich oft hat. Schöner wäre es natürlich, man würde weder Transfergelder noch Krankenhäuser brauchen und immer einfach so reich und gesund sein. Wenn einen das echte Leben aber mal fies erwischt, kann man schon froh sein, dass man in Deutschland ist, solche Systeme überhaupt existieren und sie weitgehend jedem zur Verfügung stehen. Und natürlich ist es bei sämtlichen Formen der Hilfe doch wohl so, dass sie nicht bezwecken die Empfänger über die Helfenden zu stellen. Die Höhe solcher Gelder muss selbstverständlich auch aus der Perspektive derer abgeschätzt werden, die sie aufbringen - wohl wissend, dass genau diese Sätze im Bedarfsfall auch ihnen zur Verfügung stehen, nicht mehr und nicht weniger. Es sind gar nicht so selten dieselben Bürger, die sich über zu wenig Netto aufregen und gleichzeitig über die schlechten Transfersysteme beklagen. Ein Bashing von Empfängern hat Spahn - soweit ich das mitbekommen habe - nicht betrieben, oder? Ich weiß zumindest nur von dem Aufreger um diese Aussage. Soweit der Faktenteil aus meiner Sicht. Was jetzt Herrn Spahn wiederum reitet, solche Trivialitäten so auszusprechen, dass sie wie ein Ruf nach Ärger klingen, weiß wohl nur er selbst. Will er da etwas reformieren? Warum stößt er dazu eine Diskussion an? Ist ein Fall von "der Ton macht die Musik". Spahn beherrscht hier wohl die Kunst trivial Richtiges so zu sagen, dass es wie eine Kriegserklärung rüberkommt. Was ich davon halten soll, weiß ich noch nicht so recht.
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