Kramp-Karrenbauer und Spahn Duell um Merkels Erbe

Jens Spahn kommt als Minister ins Kabinett, Annegret Kramp-Karrenbauer darf die Partei neu ausrichten. Zwischen diesen beiden wird sich entscheiden, wer die CDU in die Nach-Merkel-Ära führt.

Jens Spahn, Annegret Kramp-Karrenbauer
DPA

Jens Spahn, Annegret Kramp-Karrenbauer

Ein Kommentar von


Sie hat es tatsächlich getan. Angela Merkel holt ihren prominentesten Kritiker ins Kabinett. Widersacher einzubinden, um die Gefahr, die von ihnen ausgeht, zu entschärfen, das war eigentlich nie Merkels Taktik. Normalerweise straft sie Illoyalität mit Missachtung, gönnt ihren Kontrahenten, wenn es irgendwie geht, kein Stück von der Macht.

Nun aber, im Frühwinter ihrer Kanzlerschaft, war der Druck auf Merkel zu groß. Hätte die CDU-Chefin Spahn diesmal übergangen, hätte es Ärger gegeben. Nicht nur am Montag auf dem GroKo-Sonderparteitag, auch in den kommenden Jahren und Monaten. Spahn und seine Anhänger hätten Merkel keine Ruhe gelassen.

Trotzdem hat die Kanzlerin überlegt, sich auch diesmal treu zu bleiben. Hätte die Union das Finanzministerium behalten, wäre Spahn womöglich geblieben, was er ist: Staatssekretär.

Dass es nun anders kommt, liegt vor allem an Annegret Kramp-Karrenbauer, der künftige Generalsekretärin der CDU. Erst Kramp-Karrenbauers Mut, die saarländische Beschaulichkeit gegen den Parteijob in Berlin einzutauschen, versetzte Merkel in die Lage, über die Beförderung Spahns nachzudenken (lesen Sie hier ein SPIEGEL-Porträt über Spahn).

Die saarländische Ministerpräsidentin gibt ihr Staatsamt auf, um der CDU-Zentrale, die unter Merkel zur Außenstelle des Kanzleramts wurde, endlich wieder mehr Bedeutung zu geben. Merkel hat keinen Hehl daraus gemacht: Kramp-Karrenbauer folgte nicht etwa dem Ruf der Vorsitzenden, sie bot sich selbst für den Posten an.

Fotostrecke

7  Bilder
CDU-Minister für GroKo: Merkels Wunschtruppe

Merkels Glück

Kramp-Karrenbauer, deren überraschende Nominierung nun wie ein Coup der Kanzlerin aussieht, steht im Grundsatz für Merkels Mitte-Kurs. Aber mit ihren gesellschaftspolitisch konservativen Positionen, mit ihrer völlig anderen Biografie und Sozialisation, mit ihrem politischen Gewicht, das sie dem Amt durch ihren selbstbestimmten Wechsel gibt, kann sie der ermatteten CDU neues Leben einhauchen. Die neue Parteimanagerin darf bei ihrer Wahl mit einem Top-Ergebnis rechnen.

Da kann Merkel es sich sogar erlauben, einem wie Spahn einen Karriereschritt zu gewähren. Merkels Personalentscheidungen dieser Tage sind also nicht unbedingt ein Zeichen besonderer Stärke oder Souveränität. Sie hat nur die Gelegenheiten, die sich ihr boten, genutzt. Sie hat Glück gehabt.

So fügt es sich nun, dass etwas geschieht, was vor ein paar Wochen kaum jemand absehen konnte: Es zeichnet sich ein Übergang in die Nach-Merkel-Ära ab. Zwischen der Sozialkatholikin Kramp-Karrenbauer und dem konservativen Spahn dürfte sich entscheiden, wer die CDU dann - nach vielleicht 22 Jahren Merkel an der Parteispitze - in die Zukunft führen wird.

Im Vorteil ist - Stand heute - die Generalsekretärin. Wenn Merkel es ernst meint mit der Neuausrichtung der Partei, dann muss sie Kramp-Karrenbauer mehr Freiraum lassen. Und wenn Kramp-Karrenbauer heute darauf verweist, dass sie einst wegen Heiner Geißler in die Partei eingetreten sei, dann wird sie diesen Freiraum nutzen wollen.

Geißler nannte sich "geschäftsführender Parteivorsitzender". Man darf davon ausgehen, dass AKK so etwas niemals über sich sagen wird. Aber es kann gut sein, dass sie irgendwann de facto genau das sein wird: eine geschäftsführende Parteichefin.

Stimmenfang #40 -- CDU - Umbau oder Umsturz?

Spahn kann auch noch warten - wenn er will

Merkel hat angekündigt, weitere vier Jahre durchzuziehen. Und sie sagt, Vorsitz und Kanzlerschaft gehörten für sie in eine Hand. Um den Übergang zu organisieren, wird sie aber praktisch loslassen müssen - auch wenn sie formal den Parteivorsitz behält.

Es dürfte schwer werden für Spahn, wenn Merkel Kramp-Karrenbauer machen lässt. Aus dem Kabinett heraus sind parteiinterne Attacken nicht so einfach. Und anders als Kramp-Karrenbauer muss er sich die Anerkennung in weiten Teilen der Partei und des Wahlvolks erst noch erarbeiten. Das Ministeramt kann ihm dabei helfen. Allerdings: Als Gesundheitsminister ist man nicht unbedingt der Star des Kabinetts.

Gut möglich, dass Spahn Kramp-Karrenbauer die Führungsrolle gar nicht streitig machen wird. Er ist jetzt 37. Er kann noch warten. Vielleicht will er das aber nicht.

Im Video: Vorurteile gegen junge Politiker

SPIEGEL ONLINE


insgesamt 113 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
melnibone 25.02.2018
1. Glaube ich nicht.
Das ist mir zu einfach ... zu billigst. Den Staffelstab können Die alle beide nur aus versehen bei vorzeitigem Merkelschen Exitus ( ... politischen Ex.) erhalten. Wenn ein echter Erbhof übergeben werden soll wird es wohl ein besserer Kandidat/Kandidatin der/die sich erst noch entpuppen muss. Schmetterlinge werden zunehmend seltener. Aber es muss schon ein Schmetterling sein; die Konservativen in diesem Lande brauchen eine glaubhafte geerdete Person ... die eindeutig unter FÜNFZIG sein sollte. Eine greise Person ... wer will das noch. Alte Politiker ... die nie irgerndetwas anderes gemacht haben, außer Beschissene Politik.
g.raymond 26.02.2018
2. Hat Merkel nicht noch über 50 % Zustimmung ?
Die ganzen Abgesänge über Merkel scheinen mir zu früh zu kommen. Immerhin hat sie angeblich noch über 50 % Zustimmung in der deutschen Bevölkerung. Und gibt es schon ernstzunehmende Konkurrenten in der CDU ? Spahn, da bin ich sicher, würde, wenn er hypothetisch ihr Nachfolger würde, auf Anhieb CDU-Wähler verlieren, weil sein enger Begriff von konservativ, sein falscher Vorwurf offener Grenzen oder der nebulose Aufruf nach neuem Aufbruch keine breite Resonanz in der Bevölkerung finden würde. Als quängelnde Einzelstimmer vermag er vielleicht ein bestimmtes politisches Klientel an die CDU binden. Der komplexe und zugleich logische Ansatz von Merkel, ob in der zentralen Flüchtlingsfrage -- Aussengrenzen sichern, Ursachen in Afrika etc bekämpfen, Abschiebungen und zugleich christliche Reaktion auf Kriegsflüchtlinge oder neues Einwanderungsgesetz für Qualifizierte -- oder in den anderen Fragen zur EU und Weltpolitik, dieser komplexe Ansatz ist von Spahn gar nicht zu leisten. Sein Weltbild scheint mir viel zu reduktiv und deshalb kaum Mehrheitsbeschaffer zu sein. Warten wir es mal ab.
GlobalerOptimist 26.02.2018
3. AKK gewinnt,
Spahn ist nur ein Gernegroß mit flotter Zunge. Nun kriegt er erstmalig eine richtige Arbeit und wird entzaubert. Amen.
zurbuntenkuh 26.02.2018
4. Lieber SPON...
... in letzter Zeit versucht ihr euch immer wieder in Prophezeiungen („Schulz wird Außenminister“, „Nahles wird am Dienstag kommissarische Parteichefin“, „der-und-der wird Minister“), obwohl in diesen Wochen bereits mangels SPD-Mitgliedervotum nich gar nichts gewiss ist. Jetzt also „zwischen diesen beiden entscheidet sich die Nachfolge“... Ihr habt gerade an anderer Stelle eine Umfrage zur Glaubwürdigkeit klassischer Medien gemacht... Ich liebe den SPIEGEL eigentlich... aber besinnt euch doch wieder auf eure Kernkompetenzen, und hetzt nicht dem Nachrichten-Zeitgeist der großen Überschriften hinterher, und ganz besonders bitte bitte lasst doch dieses Weissagen, das ihr euch in letzter Zeit angewöhnt habt. Den mit jedem prophetischen Fehltritt macht ihr euch unglaubwürdiger...
rimaldo 26.02.2018
5. sehr weit hergeholt
Jens Spahn ist doch kein potentieller Nachfolger für Merkel - eher wird der HSV Deutscher Meister.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.