Zapfenstreich für Bundespräsident Gauck Abschied mit Tränchen

Am Ende wurde Joachim Gauck dann doch wieder emotional: Mit einem Choral, einem DDR-Hit und einem Freiheitslied verabschiedete sich der elfte Bundespräsident. Er wird vielen fehlen - aber er geht im richtigen Moment.

Präsident Gauck, Partnerin Schadt
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Präsident Gauck, Partnerin Schadt

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Ach, hatte er gesagt. Diesmal, da war sich Joachim Gauck sicher, würde er nicht weinen. Von der Wehmut um ihn herum, bei den Mitarbeitern in Schloss Bellevue und dem Bundespräsidialamt, wollte sich das scheidende Staatsoberhaupt auch beim Zapfenstreich nicht anstecken lassen.

Leicht gesagt. Er hält bis zum zweiten Lied durch an diesem Freitagabend.

Kalt und windig ist es im Park von Bellevue, als die Fackelträger aufziehen. Der Große Zapfenstreich, wie es korrekt heißt, ist die höchste militärische Abschiedszeremonie für deutsche Spitzenpolitiker. Nicht jeder kann mit diesem Ritual etwas anfangen, aber Gauck wollte auf traditionelle Weise Adieu sagen. Nun steht er auf einem roten Podest, links neben ihm Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen mit dickem Schal, rechts Generalinspekteur Volker Wieker.

Es ist eine schön-schaurige Kulisse, kerzengerade hört Gauck dem Volkslied "Freiheit, die ich meine" zu, das er ebenso ausgesucht hat wie die folgenden zwei Stücke. Als nächstes spielen die Bundeswehrmusiker den Schlager "Über sieben Brücken musst du gehen" von der DDR-Band "Karat", im Westen berühmt geworden durch Peter Maffay. Und da schimmert es plötzlich in seinen Augen, er lächelt - und muss ein Tränchen verdrücken. Es folgt ein Choral, danach gibt es noch einen Empfang für die geladenen Gäste, erst einen Tag später um null Uhr endet seine Amtszeit.

Aber: Das war es. Der Moment, in dem die Präsidentschaft vorbei ist.

Es ist ja ein langer Weg, den Gauck zurückgelegt hat. Und irgendwie auch eine schöne Pointe der deutsch-deutschen Geschichte, dass mit ihm nun ausgerechnet ein langjähriger DDR-Bürger das Amt des Bundespräsidenten repariert hat. Denn als der frühere Pastor und langjährige Chef der Stasiunterlagenbehörde im März 2012 zum elften Staatsoberhaupt der Republik gewählt wurde, war es schwer ramponiert. Nach dem Abgang von Vorgänger Christian Wulff, der wiederum dem zurückgetretenen Horst Köhler nachgefolgt war, wurde sogar ernsthaft darüber debattiert, ob die Funktion des Bundespräsidenten nicht ganz und gar verzichtbar sei.

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Bundespräsident: Gauck mit Großem Zapfenstreich feierlich entlassen

Darüber spricht fünf Jahre später niemand mehr. Und das alleine kann das scheidende Staatsoberhaupt Joachim Gauck als großen Verdienst mitnehmen.

Natürlich werden die ganz Linken und die ganz Rechten froh sein, dass sie diesen Bundespräsidenten endlich los sind. Mit den Extremisten auf beiden Seiten des politischen Spektrums konnte schon der Bürger Gauck nichts anfangen, was er sie auch als Präsident hat regelmäßig wissen lassen - wobei er sich in der letzten Phase seiner Amtszeit vor allem mit den Rechtspopulisten bis -Radikalen angelegt hat. Aber die bürgerliche Mitte wird Gauck schon sehr vermissen.

Wobei: Ein bürgerlicher Langeweiler ist er nicht gewesen. Das zeigte sich schon an jenem Sonntag vor gut fünf Jahren, als ihn die Regierungs- und CDU-Chefin Angela Merkel und die Spitzen von CSU, Grünen und FDP ins Kanzleramt riefen, weil sie sich auf ihn als gemeinsamen Bundespräsidentenkandidaten verständigt hatten. Gauck kam, gerade gelandet, direkt vom Flughafen. "Ich bin noch nicht einmal gewaschen", sagte er damals zum Amüsement seiner Unterstützer und der Öffentlichkeit. "Das schadet auch nichts, Sie sehen, dass ich überwältigt und auch ein wenig verwirrt bin."

Das Amt hat ihn rasch eingehegt - aber nicht ganz

Ein bisschen unkonventionell ist er auch in Schloss Bellevue geblieben, wobei das Amt ihn schon rasch und mehr eingehegt hat, als das dem Bürger Gauck vorher bewusst gewesen war. Er hat das akzeptiert. Vielleicht auch, wegen seines fortgeschrittenen Alters. "Wäre ich erst etwa 50 gewesen - wer weiß", sagte er kürzlich in seinem letzten großen Interview der "Bild am Sonntag".

Gauck hat die Deutschen zu Beginn seiner Amtszeit ziemlich getriezt, weil er ihnen einerseits Mut machen wollte, andererseits aber zu fühlen glaubte, dass es sich viele zu bequem gemacht hatten in dieser Republik. Aus diesem Gefühl heraus entstand seine Münchener Rede, in der er mehr deutsches Engagement und Verantwortung in der Welt forderte, auch militärisch. Je länger der Präsident allerdings kreuz und quer durch Deutschland reiste, umso mehr engagierte Menschen lernte er kennen. Am Ende hat ihn die Präsidentschaft auch mit seinen Landsleuten versöhnt. Und manche seiner Gegner mit ihm. Über Freiheit hat er immer weniger gesprochen, der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Integration wurden sein Thema.

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Bundespräsident: Gauck gesehen - exklusiv für den SPIEGEL

Die Versöhnung mit Menschen an all den Orten in Europa, an denen die Deutschen während des Dritten Reichs furchtbarste Verbrechen begangen haben, bleibt als außenpolitische Leistung. Auch da hat er manche Träne vergossen, die Wirkung war umso größer.

Nun geht er in die "Rente mit 77" (O-Ton Gauck). Erst mal will er wirklich nur chillen, wie das wohl seine Enkel ausdrücken würden: Lesen, viel Zeit in der mecklenburgischen Heimat verbringen, wo seine Schwester in Wustrow ein Häuschen besitzt und Gauck mit seiner Partnerin Daniela Schadt auch in den vergangenen fünf Jahren Urlaub machte, spazieren gehen an der Ostsee.

Es gibt schon einige Pläne

Aber: Auch wenn Gauck es nicht wahrhaben will: Es gibt schon eine ganze Menge Pläne für den Altpräsidenten. Manche der zig Einladungen zu Auftritten hat er bereits angenommen, zudem deutet sich eine akademische Aufgabe an, auch weitere Buchprojekte sind nicht ausgeschlossen.

Aber jetzt ist Gauck erst mal froh, dass es vorbei ist. Wer den Bundespräsidenten zuletzt traf, erlebte einen Menschen, der wirklich mit sich im Reinen ist. Es reicht. Ihm. Und dem Land.

Am Ende des Zapfenstreichs spaziert er Arm in Arm mit Daniela Schadt zum Schloss hinüber, auf der Hälfte des Wegs drehen sie sich um und schauen noch mal zurück auf den Park und die Gästetribünen davor.

Diese Präsidentschaft ist gelungen. Sein Nachfolger Frank-Walter Steinmeier wird sich anstrengen müssen.

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