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Bundespräsident über Integration: Gauck fordert mehr Verständnis für Einwanderer

"Unser Land braucht Einwanderung": Bundespräsident Gauck hat die Deutschen aufgefordert, Zuwanderer als Bereicherung zu verstehen. Aber auch Probleme bei der Integration spricht er an.

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Staatsoberhaupt Gauck: "Offen sein ist anstrengend"

Berlin - Bundespräsident Joachim Gauck ruft die Deutschen zu mehr Verständnis für Zuwanderer auf. "Unser Land braucht Einwanderung", sagte Gauck am Donnerstag auf einer Festveranstaltung zum Grundgesetz im Schloss Bellevue. "Wir verlieren uns nicht, wenn wir Vielfalt akzeptieren." Zwar habe Deutschland in der Integration "eine große Wegstrecke bereits zurückgelegt", sagte das Staatsoberhaupt. Doch müsse er feststellen: "Nicht allen gefallen alle Begleiterscheinungen der Einwanderungsgesellschaft."

Gauck bescheinigte seinen Landsleuten einen mitunter verkrampften Umgang mit Zuwanderern. "Eine junge Frau aus einer vietnamesischen Familie wird in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien ohne weiteres als Amerikanerin oder Britin akzeptiert. In Deutschland hingegen wird sie mit einiger Wahrscheinlichkeit befragt, woher sie denn 'eigentlich' stamme", sagte er weiter.

Die Themen Integration und Zuwanderung hatten in den vergangenen Wochen an Bedeutung gewonnen. Am Wochenende dürften mehrere rechtspopulistische Parteien, etwa der französische Front National oder die britische Ukip, den Sprung ins Europaparlament schaffen.

Im Europawahlkampf greifen auch etablierte Parteien Ängste vor Einwanderern auf. Anfang des Jahres warnte die CSU vor einem vermeintlichen "Sozialmissbrauch" durch Ausländer. Aktuell spricht sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gegen eine "Sozialunion" in Europa aus. EU-Bürger, die in Deutschland Arbeit suchen, sollten kein Hartz IV erhalten.

Deutschland ist das zweitbeliebteste Einwanderungsland der Welt. Die Euro-Krise treibt Hunderttausende Einwanderer aus den anderen EU-Ländern nach Deutschland.

"Ghettobildung und Jugendkriminalität"

Parallel sorgt ein für Samstag geplanter Auftritt von Recep Tayyip Erdogan in Köln für Unmut. Es herrscht die Befürchtung, der umstrittene Ministerpräsident wolle den Termin für seinen heimischen Wahlkampf nutzen. In Deutschland leben etwa 1,3 Millionen Türken.

Gauck forderte nun, man dürfe die Probleme einer Einwanderungsgesellschaft nicht verschweigen. Dazu gehörten "Ghettobildung und Jugendkriminalität, patriarchalische Weltbilder und Homophobie, Sozialhilfekarrieren und Schulschwänzer", sagte er weiter. "Ja, es gibt Familien, deren Mitglieder Dauergäste bei Polizei und Justiz sind", so Gauck. Einwanderer seien ebenfalls in der Pflicht, einen Willen zur Integration zu zeigen. "Es kann keine mildernden Umstände geben für kulturelle Eigenarten, die unseren Gesetzen zuwiderlaufen."

Zwar zeigte das Staatsoberhaupt grundsätzlich Verständnis für Berührungsängste. "Die offene Gesellschaft verlangt uns allen einiges ab: jenen, die ankommen, und jenen, die sich öffnen müssen für Hinzukommende", so Gauck weiter. "Offen sein ist anstrengend."

Vor allem aber bereicherten Zuwanderer eine Gesellschaft, sagte Gauck: "Ganz gleich, woher Einwanderer stammen und wie sie kamen - im Boot über das Mittelmeer oder in der Business-Class aus Übersee, als Erasmus-Stipendiaten oder Familiennachzügler: Sie alle sind nun in Deutschland zu Hause. Das erfüllt mich mit Dank und Freude", sagte er.

Der Bundespräsident hielt seine Rede (lesen Sie die Ansprache hier im Wortlaut) anlässlich einer Einbürgerungsfeier zum 65-jährigen Bestehen des Grundgesetzes. Am Donnerstag überreichte er 22 neuen Bundesbürgern die Einbürgerungsurkunde.

amz

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