Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kommentar zu Gaucks Halbzeit: Präsident mit Schönheitsfehler

Von  

Vor zweieinhalb Jahren wurde er gewählt, Halbzeit für das Staatsoberhaupt: Joachim Gauck ist ein würdiger Bundespräsident, der dem Amt gutgetan hat. Aber es gibt ein Problem.

Als Joachim Gauck am 18. März 2012 gewählt wurde, lag sein Haus in Scherben. Kaum hatte man sich dort vom überraschenden Abgang Horst Köhlers erholt, war auch Christian Wulff als Staatsoberhaupt zurückgetreten. Und nun dieser politische Seiteneinsteiger aus dem Osten? Gauck hat die meisten Zweifler rasch überzeugt: Er kann reden, und er hat etwas zu sagen. Das ist eine ganze Menge für einen Bundespräsidenten.

Joachim Gauck hat sich in einem Alter, in dem die meisten Deutschen ihren Ruhestand genießen, auf Entdeckungstour durch Deutschland und die Welt begeben. Der 74-Jährige ist so neugierig wie ein Kind und mindestens so begeisterungsfähig - gleichzeitig bringt dieser Bundespräsident aus einem Leben in zwei Systemen eine Menge mit.

Das macht aus Gauck eine Art lernender Autorität. Und so kann man zur Halbzeit sagen: Der elfte Bundespräsident hat dem Amt zurückgegeben, was in den Jahren zuvor verloren gegangen war. Stolz und Würde. Nach außen repräsentiert Gauck sein Land souverän, nach innen integriert er und gibt wichtige Denkanstöße.

Doch es gibt ein Problem. "Nach der Verkleinerung Wulffs drängte sich die Vergrößerung Gaucks auf", schrieb kürzlich die "ZEIT": Ja, dieses Staatsoberhaupt wird immer größer - auch in seiner eigenen Wahrnehmung.

Mitunter befremdliche Amtsführung

Zuletzt war eine Amtsführung zu beobachten, die mitunter befremdlich wirkte: Gauck wollte nie den Fehler seines Vorvorgängers Köhlers nachmachen, der sich in Schloss Bellevue als eine Art Anti-Politiker inszenierte. Aber warum hat der Präsident dann wochenlang gezögert, bis er das Gesetz über die bessere Abgeordnetenversorgung unterzeichnete? Prompt erhob ihn die "Bild"-Zeitung zum "Bürger-Präsidenten". Da wirkte Gauck dann doch reichlich populistisch.

Im April reiste er in die Türkei, wo er dem damaligen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan die Leviten las. Sein Gastgeber reagierte empört, der Beifall zu Hause war dafür umso lauter für den Bundespräsidenten. Mutig habe sich Gauck in der Türkei verhalten, hieß es allenthalben.

Aber was ist eigentlich mutig daran, einem Anti-Demokraten die Meinung zu sagen, mit dem man anschließend nichts mehr zu tun hat? Es kostet Gauck nichts, bringt aber eine Menge Lob im eigenen Land. Gratis-Lob könnte man das nennen. Oder wohlfeil.

Genau wie nach der Danziger Rede des Bundespräsidenten zum 75. Jahrestag des Überfalls auf Polen. An die mehr als 20 Millionen von deutschen Soldaten getöteten Sowjetbürger erinnerte Gauck nicht, aber er nutzte das Gedenken zum Beginn des Zweiten Weltkriegs für deutliche Worte Richtung Russland im aktuellen Ukraine-Konflikt. Wieder war er der Mutige.

Joachim Gauck sollte auch in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit ein Bundespräsident sein, der sich einmischt. Dass er die Debatte über Deutschlands Rolle in der Welt befördert hat, war richtig. Von den reflexhaften Attacken der Linken darf Gauck sich auch sonst nicht beirren lassen. Aber vielleicht sollte er seine Worte wieder ein bisschen mehr abwägen. Billige Punkte hat ein Bundespräsident nicht nötig.

Vote
Bundespräsident Gauck

Seit zweieinhalb Jahren ist Joachim Gauck als Bundespräsident im Amt. Sind Sie mit dem Staatsoberhaupt Gauck zufrieden?

Zum Autor
Jeannette Corbeau

Florian Gathmann ist Redakteur im Parlamentsbüro von SPIEGEL ONLINE in Berlin.

E-Mail: Florian_Gathmann@spiegel.de

Mehr Artikel von Florian Gathmann

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 177 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Grün hinter den Ohren?
mathias_roeder 17.09.2014
Der Autor schreibt: "...Genau wie nach der Danziger Rede des Bundespräsidenten zum 75. Jahrestag des Überfalls auf Polen. An die mehr als 20 Millionen von deutschen Soldaten getöteten Sowjet-Bürger erinnerte Gauck nicht, aber er nutzte das Gedenken zum Beginn des Zweiten Weltkriegs für deutliche Worte Richtung Russland im aktuellen Ukraine-Konflikt. Wieder war er der Mutige...". Polen wurde gemeinsam mit den Russen/Sovjets von zwei Seiten überfallen - wie passend wäre zu einem solchen Anlass eine dahingehende Bemerkung gewesen? Prima zu Ende gedacht! Oder absichtlich ausgeblendet?
2. ...
yves1981 17.09.2014
Das er keine Worte zum NSA Skandal fand sagt schon alles über Ihn aus. Nur schade das der Artikel darauf nicht eingeht. Das wäre sein Job gewesen und nicht irgendwelche Probleme der Türkei...
3. Ähm...
Shoxus 17.09.2014
was ist daran mutig ständig über Militäreinsätze zu reden um unsere "pseudo"Freiheit zu verteidigen? Dieser Präsident ist mit der schlechteste den Deutschland je gesehen hat. Dieses Pro-Militärgefasel kann man sich nicht länger an tun. Da war mir Wulff ja lieber. Aber noch besser Köhler. Der hat wenigstens die Wahrheit gesprochen als er sagte, das wir unsere Wirtschaftsinteressen militärisch durchsetzen. Was ja im übrigen seinen Kopf gekostet hat. Nein Gauck ist kein Präsident der Bürger sondern eher der Rüstungsindustrie. Und auch kein Mann Gottes. Eher ein "Gotteskrieger". Uns seine Russenphobie zeigt er ja auch täglich in seinen Reden. Aber für die Kriegstreiberei natürlich genau der Richtige. Bin mal gespannt ob das durch die Zensur geht. Vermutlich nicht. Wie so vieles. Ja schöne Demokratie in der wir leben.
4. Ein Bundespräsident, der nicht allen gefällt...
vhn 17.09.2014
Das wird er immer sein. Der Linken sowieso nicht. Das liegt schon in der Natur der Sache (oder eben der Geschichte). Was an ihm in obigen Artikel kritisiert wird, fällt für mich unter die Kategorie : wie man's macht, macht man's falsch. Schön, dass wir einen wie ihn haben. Einen der Ecken und Kanten zeigt. Auch unbequem ist. Damit wird er immer Kritiker haben. Auch passt einigen nicht, dass er (wie auch Merkel) aus dem Osten kommt und eine Verbindung zur Kirche hat. Ich kann nur sagen, weiter so, Herr Gauck!
5. Aber es gibt ein Problem.
women_1900 17.09.2014
genau: er mag sein Volk nicht. Was soll ich von einem Bundespräsidenten halten, der behauptet die Polen wären fleißiger als die Deutschen? Was soll ich von einem BP halten, der die Menschen auffordert ihr "prall gefülltes Potrtemonaie" zu öffnen um Flutgeschädigten zu helfen? Wenn aber Schäuble den Fluthilfefond um 1 Milliarde plündert schweigt dieser Präsident. Was soll ich von einem BP halten, der die Diätenerhöhung trotz verfassungsrechtlicher Bedenken unterschreibt? Was soll ich von einem BP halten, der sich für einen Einsatz der Bundeswehr im Innern einsetzt, obwohl dies durch das Grundgesetz ausdrücklich verboten ist? Dieser BP ist nicht mehr, als eine Marionette der Nato, der USA. Wie aber kann er es auch besser wissen? Er ist in einem anderem, nicht demokratischen, System aufgewachsen & geprägt worden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: