Bundespräsident im SPIEGEL-Gespräch Gauck kritisiert Erdogan und Trump

Kurz vor Ende seiner Amtszeit mischt er sich noch einmal in die aktuelle Politik ein: Im Gespräch mit dem SPIEGEL kritisiert Joachim Gauck die US-Politik - und das Vorgehen der Türkei gegen den Journalisten Deniz Yücel.

Bundespräsident Joachim Gauck
Christian Irrgang/ DER SPIEGEL

Bundespräsident Joachim Gauck


Enttäuscht zeigt sich Bundespräsident Joachim Gauck über die Entwicklung der Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdoan. "Es macht einen tieftraurig, wenn man sieht, dass eine liberale Demokratie in dem Land bis auf Weiteres in immer weitere Ferne rückt und stattdessen ein autoritäres, religiös verbrämtes Führungssystem immer stärker Fuß fasst", sagt Gauck in einem SPIEGEL-Gespräch. (Lesen Sie hier das ganze Gespräch mit Joachim Gauck im neuen SPIEGEL.)

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Heft 10/2017
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Die Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel bezeichnete er als "inakzeptabel". Der Vorgang lasse einen fragen, "ob die Türkei überhaupt noch den Anspruch hat, eine Demokratie und ein Rechtsstaat zu sein".

Dem neuen US-Präsidenten Donald Trump wirft Gauck vor, das Ansehen Amerikas zu beschädigen. "Es besorgt mich sehr, dass der amerikanische Präsident so manches von dem zur Disposition stellt, was Generationen anderer US-Amerikaner zusammen mit Europäern geschaffen haben", so Gauck.

Und weiter: "Die Tatsache, dass sich der jetzige amerikanische Präsident abschätzig über einen bestimmten Richter geäußert hat, werden ihm viele rechtstreue US-Bürger nicht vergessen." Zu Trumps Umgang mit den Medien sagt Gauck: "Das beschädigt die Demokratie." Die USA seien in seiner Jugend "Sehnsuchtsort" und ein "Rollenmodell" gewesen. Das seien sie "derzeit nicht".

In dem SPIEGEL-Gespräch zieht Gauck eine Bilanz seiner Amtszeit. Ihm sei es wichtig gewesen, die Leistungen der Bürger zu würdigen und die Deutschen darin zu bestärken, "dass sie stolz sein können auf diese parlamentarische Demokratie und alles, was dazugehört". Nun freue er sich darauf, "erst mal ein Weilchen durchatmen zu können und nur für mich und meine Familie verantwortlich zu sein".

Der Bundespräsident äußert im SPIEGEL sein Unverständnis, dass Russland bei den Deutschen inzwischen genauso viel Vertrauen genieße wie Amerika. Es gebe "keinerlei Gründe, Sympathien für dieses Modell von Politik der jetzigen russischen Regierung zu hegen", so Gauck. "Man stelle sich vor, ein solcher Sympathisant würde eine Zeit lang im heutigen Russland mit seinen eingeschränkten Bürgerrechten leben. Ich bin sicher, die Sympathie wäre schnell verflogen."

Im Video: "Er war ein guter Präsident" - SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer über das Abschiedsgespräch mit dem scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck.

DER SPIEGEL

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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
seyffensteyn 03.03.2017
1. Lieber Herr Gauck,
wenn von den türkischen Behörden ein türkischer Staatsbürger,obwohl er freiwillig die Behörden aufgesucht hat,festgesetzt wird mit Hinweis auf die derzeit geltenden Gesetze in der Türkei,ist dieses ausschließlich Sache der Türkei.Anders wäre es,wenn er seine türkische Staatsbürgerschaft aufgeben würde und als Deutscher festgehalten würde.........,dann könnte man die Freilassung eines deutschen Staatsbürgers fordern!! Das Abgleiten der türkischen Politik wird bei der Volksabstimmung eine Rolle spielen.Wenn sich die türkische Bevölkerung mehrheitlich für das Präsidialsystem entscheidet,muß man dieses akzeptieren.Das ist in Abstimmungen in Deutschland bei Wahlen genauso.Also,erst mal abwarten!
Cluedo 03.03.2017
2. Gauck nimmt kein Blatt vor den Mund ....
.... und schleift nichts "diplomatisch" ab. Das ist für ein Staatsoberhaupt recht ungewöhnlich und nur mit den internationalen Entwicklungen der letzten Zeit zu begründen, die in der Tat besorgniserregend sind. Besonders die Art, wie der neue amerikanische Präsident in kurzer Zeit Ruf und Einfluss seines eigenen Landes gegen die Wand fährt - von Pöbeleien über Lügen bis zu den unentwegten Kehrtwendungen in seinen Twitter-Posts - ist nur noch mit Kopfschütteln zu kommentieren.
Pfaffenwinkel 03.03.2017
3. Am Ende seiner Amtszeit
muss Gauck nicht mehr mit seiner Meinung zurückhaltend sein. Von mir aus hätte er gerne noch etwas deutlicher werden können.
macks68 03.03.2017
4. Gut gesprochen Herr Präsident.
Die aktuelle pol Lage bedingt klare Worte, auch von meiner Seite aus, hätten sie etwas schärfer sein können. @seyffenstein: Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Das sollte jeder Mensch verstanden haben, Du also auch. Die Türkei ist a d Weg, ein Unrechtsstaat zu werden (also noch mehr, als sie das seit Jahrzehnten in der Kurdenfrage ist). Es ist die Pflicht, aller europäischen Länder, sämtliche Vorgänge in diesem Land sorgfältig zu beobachten und - wenn nötig - zu reagieren.
bigroyaleddi 03.03.2017
5. Seine Meinungen und Empfindungen
kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich stelle fest, daß seine Meinung sich in weiten (nicht allen) Teilen mit meiner Wahnehmung decken. Und dem Foristen Nr. 1 sei klar gesagt. Wenn ein Staat in die Diktatur abrutscht, dann muss man das hier sagen dürfen. Und wenn die Bevölkerung das 10 x sich dmokratisch so ausgesucht hat. Hitler wurde auch mal demokratisch gewählt. Außerdem zeigen die öffentlichen Reaktionen gerade der türkischen Opposition, dass die Gleichschaltung der Presse schon funktioniert. Siehe die Begründungen von Gaggenau - das wird dort überhaupt nicht zur Kenntnis genommen bzw. überhaupt nicht kommuniziert. Da tut man nur noch beleidigt. Lieber Herr Gauck, Sie waren ein guter Präsident.
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