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Joachim Gauck: Ein-Mann-Bürgerbewegung

Ein Kommentar von Stefan Berg

Joachim Gauck wird von früheren Weggefährten geschmäht. Er sei kein Bürgerbewegter. Er habe sich angepasst. Trotzdem ist er eine Symbolfigur der Freiheitsbewegung. Sie hat ihn geprägt - nicht umgekehrt.

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Joachim Gauck: Für alle, die an die Lebendigkeit der Demokratie glauben

Als Lech Walesa Präsident Polens wurde, standen den Menschen in Danzig die Tränen in den Augen. Polen hatte sich selbst befreit, Arbeiter im Bündnis mit dem Klerus.

Als Vaclav Havel Präsident der damaligen Tschechoslowakei wurde, jubelten ihm die Menschen im Hof der Prager Burg zu. Ein Dichter war zum Volkshelden geworden.

Begeistert und nicht frei von Neid sahen wir nach Polen und in die Tschechoslowakei. Während sie dort die Revolutionäre feierten, wurden unsere Aktivisten der Protestbewegung 1989 marginalisiert - oder sie marginalisierten sich selbst. Sie hatten die Herrschaft der SED beseitigt, aber die Macht nicht selbst ergriffen.

Westdeutsche Politiker taten viel, um dem Osten die Würde des Herbstes 1989 zu nehmen. Helmut Kohl verbündete sich mit den Kleingeistern und Mitläufern der Blockparteien. Otto Schily zückte am Abend des 18. März 1990 vor laufender Kamera eine Banane aus der Jackentasche. Wenig später zog CSU-Ministerpräsident Max Streibl über die "Laienspieler" her, die lieber in ihre angestammten Berufe zurück gehen sollten. Das waren nicht gerade Willkommensgrüße.

Mehr als 20 Jahre später, wieder an einem 18. März, wird nun ein Repräsentant des Aufbruchs von damals Bundespräsident. Seine Kür ist eine Referenz an die friedliche Revolution. Aber wo bleibt der Jubel der Bürgerbewegten, der vergessenen Helden von 1989?

Gauck hat selbst Vorbehalte genährt

Zu den Merkwürdigkeiten des Nichtwahlkampfes ums höchste Staatsamt gehört, dass ausgerechnet jene Zweifel streuen, die Gauck nahestehen müssten. Statt Euphorie herrscht Skepsis in den Reihen früherer Dissidenten. Sogar einen Appell haben einige von ihnen verfasst, über die "Freiheit, die wir meinen".

Vorwürfe statt Vorfreude: Gauck sei kein richtiger Bürgerrechtler gewesen, so ist von damaligen Wegbegleitern Gaucks zu hören, er habe die Ideale von 1989 verraten, sich angepasst.

Mancher Hinweis aus der Szene ist äußerst kenntnisreich. Es stimmt, Gauck war kein Mann der "Kirche von unten", er war nicht so mutig wie etwa Roland Jahn, der heutige Herr der Stasi-Akten. Gauck war auch kein Befürworter jenes Hungerstreiks, der den langfristigen Zugang zu den Stasi-Akten erst möglich machte. Ohne diesen Hungerstreik hätte es keine Gauck-Behörde gegeben.

Aber warum diese Vorhaltungen? Aus welchen Quellen speist sich dieser Furor? Joachim Gauck hat selbst Vorbehalte genährt, er hat sich allzugern - vornehmlich von ahnungslosen Westdeutschen - als Bürgerrechtler feiern lassen. Gauck genießt das neue Leben - und noch mehr sich selbst. Er war in den letzten Jahren oft Redner bei gut zahlenden Sparkassenverbänden. Er hat Tausende Euro Honorar verdient. Er war seltener bei Opfergruppen, bei jenen, denen es nicht mehr gelang, eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Und auf die sich die Scheinwerfer nicht richten.

Warum Joachim Gaucks Wahl ein Festtag wird

Wer aber hat das Recht, jemandem zu verbieten, so zu werden, wie er eigentlich immer werden wollte? Jene Dissidenten, die nun maulen, gerieren sich wie die Revolutionswächter, die das Tragen von Taschentüchern verbieten wollten. Es wirkt kokett, wenn über den Lebenslauf von Gauck gerichtet wird, als gäbe es einen lupenreinen 89iger.

Ja, viele waren entschiedener, mutiger als Gauck. Aber die Mutigeren müssten auch erkennen, dass ihre Revolutionsbeute - der Stasi-Schatz - nur von einem Bürgerlichen wie Gauck später verteidigt werden konnte. Er hat es getan und sich mit Helmut Kohl öffentlich angelegt, als dieser die Herausgabe von Akten einschränken wollte. Gauck und die Gauck-Behörde haben die "wahren" Bürgerrechtler vor dem Vergessen bewahrt.

Gauck ist ein Mann, den die Freiheitsbewegung prägte - und nicht umgekehrt. Seine Wahl zum Staatsoberhaupt wird ein Festtag für alle, die an die Lebendigkeit der Demokratie glauben. Er ist eine äußerst erfolgreiche Ein-Mann-Bürgerbewegung. Seine Sprachgewalt hat das starre Parteiensystem durcheinandergewirbelt. Die SPD wollte schon auf ihn verzichten, die Kanzlerin wollte ihn wieder nicht, einige West-Grüne verdrehen die Augen. Und doch wird nun er, ein Mann des Herbstes 1989, im ersten Wahlgang Bundespräsident.

Von wegen Verrat. Es ist eine kleine Revolution.

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insgesamt 67 Beiträge
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1. starker Tobak
candoom 12.03.2012
Herr Gauck soll zu etwas gemacht werden, was er definitiv nie war und die, die da mahnen werden hier verhöhnt.
2. Oh weh
gerdwill 12.03.2012
Zitat von sysopDPAJoachim Gauck wird von früheren Weggefährten geschmäht. Er sei kein Bürgerbewegter. Er habe sich angepasst. Trotzdem ist er eine Symbolfigur der Freiheitsbewegung. Sie hat ihn geprägt - nicht umgekehrt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820342,00.html
ja er ist die Symbolfigur alle neuen Nationalisten und neoliberaler Irren im Lande! Was in prägte, ist eine ausgeprägte Eitelkeit, verbunden mit narzisstischer Selbstüberschätzung.
3. ausgesucht
mullah_omar 12.03.2012
Zitat von sysopDPAJoachim Gauck wird von früheren Weggefährten geschmäht. Er sei kein Bürgerbewegter. Er habe sich angepasst. Trotzdem ist er eine Symbolfigur der Freiheitsbewegung. Sie hat ihn geprägt - nicht umgekehrt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820342,00.html
Gauck wurde uns von Springer u Bertelsmann serviert und ist im Amt schon vor der Wahl. Er wird alles abwinken was Mutti und Pop Gabriel vorlegen..... zum Beispiel: ■Er sieht nicht, dass unter dem Einfluss der neoliberalen Ideologie die Systemveränderung, vor der er ständig warnt, schon eingetreten ist. Zerstörerisch und menschenverachtend ist sie. Gauck findet nahezu alles gut und lässt sich in Position gegen jene bringen, die sich empören. Seine Botschaft ist Empört euch nicht! Damit bricht er dem aufkeimenden Protest die Spitze ab. (Dazu siehe auch hier) ■Gauck glaubt in fast schon naiver weise an die Weisheit der „Märkte“. Von den Not-wendigen Regeln weiß er wenig. ■Wie sehr die Macht der Finanzwirtschaft schon die von ihm bewunderte Demokratie aushebelt, blendet Gauck aus. ■Er hat ein sehr enges Verständnis von Sozialstaatlichkeit und hat auch nicht in sich aufgenommen, welche große Bedeutung die soziale Sicherheit für das Erlebenkönnen von Freiheit hat. ■Dieses Defizit hat etwas damit zu tun, dass sich der kommende Bundespräsident offenbar nur sehr schlecht in die Lage von Menschen versetzen kann, denen es nicht so gut geht. ■Er redet immer den Schwachen ins Gewissen. – Wann stellt er sich erstmals gegen die Mächtigen, vielleicht sogar gegen den publizistischen Mainstream? ■Joachim Gauck neigt dazu, Popanze aufzubauen. Nicht jeder, der gegen die Spekulation auf den Finanzmärkten, gegen Klimawandel, gegen die weitere Nutzung der Atomenergie kämpft und sich grundlegende Gedanken macht, will die DDR wieder haben. ■Der kommende Präsident wird von der Beteiligung an Kriegen nicht abraten. Er pflegt tief sitzende Vorbehalte gegen die Friedensbewegung und andere Appeasement-Politiker. Das muss man aus der Lektüre seiner Texte leider schließen. Hier ist Revision besonders dringlich.
4. Man ist
HansOch 12.03.2012
Zitat von gerdwillja er ist die Symbolfigur alle neuen Nationalisten und neoliberaler Irren im Lande! Was in prägte, ist eine ausgeprägte Eitelkeit, verbunden mit narzisstischer Selbstüberschätzung.
wild entschlossen, das alles äusserst positiv zu sehen. Sprachgewalt als sein Attribut. Hat das eigentlich der eloquente Herr von der "Zeit" erfunden? Man werde sich gut an ihm abarbeiten können.... Also, ich bin da skeptisch. Sprachgewalt entwickelt diese Ein-Mann-Show dann, wenn man ihn kritisiert. Wie auf Knopfdruck... H.
5. Okey, spiegel-online
irreal 12.03.2012
Zitat von sysopDPAJoachim Gauck wird von früheren Weggefährten geschmäht. Er sei kein Bürgerbewegter. Er habe sich angepasst. Trotzdem ist er eine Symbolfigur der Freiheitsbewegung. Sie hat ihn geprägt - nicht umgekehrt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820342,00.html
findet Gauck gut. Ich eben nicht. Weil Gauck ist in dem meinen Sinne kein schlechter Mensch, aber er versteht den "Freiheitsbegriff" unter dem gefühl der DDR, die da nur rigide Menschen frei ein wenig werden ließ die da auch unabdingbar das System der Unfreiheit in aller Öffentlichkeit breittraten. Nach dem Motto, frei ist nur der der oben ist und auch nur solange wie er die Oberen oben fördert. Gauck ist sozusagen das Übermass eines Anspruches auf Grund eines Untermaßes. Genau deshalb ist er völlig ungeeignet als Bundespräsident für die BRD! Er ist vollkommen unausgeglichen in sich selbst und voller innerem eigenen persönlichen Hass und das war nie ein guter Berater eines hohen Amtes, weil mit Gier vergleichbar und besonders schlimm, weil eine Befriedung gefühlter Gier geboren aus einem gefühlten defizit, was über alle anderen gestellt wird. Die Schuld trägt dann jeder einzeln kollektiv für das Unglück eines Menschen, hier mit Namen Gauck! Das ist meine Meinung dazu. MFG
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Vom Kandidaten zum Präsidenten
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Wann wird gewählt?
Laut Gesetz muss die Bundesversammlung spätestens 30 Tage vor dem Ende der Amtszeit des Bundespräsidenten zusammentreten. Sollte eine Amtszeit verfrüht enden muss die Bundesversammlung spätestens dreißig Tage später den Nachfolger wählen. Als spätester Termin für die Neuwahl kommt somit der 18. März in Frage. Einberufen wird die Versammlung vom Bundestagspräsidenten.
Wer hat die Mehrheit?
Die parteipolitische Mehrheit der Bundesversammlung muss nicht identisch sein mit den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag. Nach Berechnungen des Portals wahlrecht.de hätte Schwarz-Gelb derzeit nur eine Mehrheit von zwei bis vier Stimmen in der Bundesversammlung. Da SPD und Grüne mit im Boot sind, gilt die Wahl von Joachim Gauck als sicher.



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