Abschiedsrede als Bundespräsident Gauck fordert wehrhafte Demokratie

Joachim Gauck sieht die Demokratie unter Beschuss: In seiner letzten Rede als Bundespräsident zieht er Bilanz - und sagt Deutschland große Anstrengungen voraus.

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"Wir lassen uns das Vertrauen zu uns selbst und zu unserer Demokratie nicht nehmen": Am Ende seiner fünfjährigen Amtszeit hat Bundespräsident Joachim Gauck Bilanz gezogen. Nach dieser Zeit sei er inzwischen stärker beeinflusst von dem Bewusstsein, dass dem demokratischen und stabilen Deutschland auch Gefahren drohten, sagte er. Große Anstrengungen seien notwendig, um das Land für die Zukunft stark zu machen.

Der scheidende Bundespräsident forderte deshalb eine "wehrhafte und streitbare Demokratie". Vor etwa 200 Gästen im Schloss Bellevue erinnerte er an seine Antrittsrede 2012 und sagte laut vorab verbreitetem Redemanuskript: "Es ist (...) das beste, das demokratischste Deutschland, das wir jemals hatten."

Mit Blick auf Ängste etwa vor Globalisierung oder Migration betonte Gauck zugleich die Stärke der deutschen Demokratie. Er appellierte deshalb an die Deutschen, das Vertrauen in die eigenen Kräfte nicht zu verlieren. Die Formel "Wir bleiben Deutsche als Europäer" sei die richtige Antwort auf Nationalisten. Es gebe allen Grund für dieses Selbstvertrauen und den Stolz auch auf die EU als "einzigartiges Friedens- und Wohlstandsprojekt".

Der scheidende Bundespräsident warnte zudem vor Vereinfachungen und Populisten. "Die entscheidende Trennlinie in unserer Demokratie verläuft nicht zwischen Alteingesessenen und Neubürgern, auch nicht zwischen Christen, Muslimen, Juden oder Atheisten. Die entscheidende Trennlinie verläuft zwischen Demokraten und Nicht-Demokraten. Es zählt nicht die Herkunft, sondern die Haltung", sagte Gauck.

Am 12. Februar wird Nachfolger gewählt

Im Juni hatte Gauck bekannt gegeben, nicht noch einmal als Bundespräsident anzutreten. "Diese Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen", sagte Gauck im Schloss Bellevue. "Ich möchte für eine erneute Zeitspanne von fünf Jahren nicht eine Energie und Vitalität voraussetzen, für die ich nicht garantieren kann."

Videoanalyse: "Ein ungewöhnlicher Präsident"

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Gauck war im März 2012 als Nachfolger des zurückgetretenen Christian Wulff ins höchste Staatsamt gewählt worden. Damals hatte eine Fünf-Parteien-Allianz aus CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen für ihn gestimmt.

CDU und CSU einigten sich im November darauf, den SPD-Kandidaten für das Bundespräsidentenamt, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, zu unterstützen. Gaucks Amtszeit endet am 18. März. Am 12. Februar wählt die Bundesversammlung den nächsten Bundespräsidenten.

Meinungskompass

mho/vks/dpa



insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
woodpecker76 18.01.2017
1. Ein guter Präsident
Viele bescheinigen ihm ja eine gewisse Gesichtslosigkeit. Aber ich bin der Meinung, dass er seiner staatstragenden Rolle durchaus gerecht geworden ist.
Fürstengruft 18.01.2017
2. Verfassungspatriot, schöner neuer Begriff
Ich habe gerade seine Rede im Livestream gehört und war beeindruckt von seinen Wortschöpfungen. Demokratieerziehung, republikanische Verteidigungsgesellschaft ... Ungewöhnlich auch, dass er Bismarck's Sozialgesetzgebung lobend erwähnt, die heute noch Grundlage für unser Sozialsystem bildet. Vielleicht kann man hier beim SPIEGEL mal die komplette Rede nachlesen. Etwas gewöhnungsbedürftig nach seiner Rede die kammermusikalische Darbietung, Beethovens 9. Sinfonie, mit Freude schöner Götterfunken, teils in Jazz, teils in Sirtaki. Die Sängerin sehr schrill, naja, wem es gefällt ...
spud 18.01.2017
3. Welche Anstrengungen sind denn genau nötig
und welche hat er bereits unternommen, um eine wehrhafte Demokratie zu gewährleisten?! Immer diese nichtssagenden Reden. Dazu fällt mir nur Merkel ein, die kürzlich das Interview Trumps bezüglich Importzöllen etc. als "interessant" befand. Was genau ist denn daran interessant? Immer diese leeren Worthülsen...
behemoth1 18.01.2017
4. Bundespräsident Gauck
Endlich mal ein Bundespräsident der sich einmischt und nicht nur Empfänge und Besuche abhält. Auch wenn einem nicht alles immer gefallen hat, trotzdem sage ich, so einen Bundespräsidenten brauchen wir. Ich war zuerst skepitsch, musste mich aber auch durch sein gutes Auftreten und durch seinen Einsatz berichtigen.
nwz86 18.01.2017
5. Erziehung
Wenn die Staatsverwaltung, die eigentlich nur möglichst effizient und nutzbringend unseren Administrationsauftrag ausführen soll, von "Erziehung" redet, hört's bei mir auf. Der Herr hat nicht begriffen, dass er weder Pfarrer noch Lehrer ist.
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