Bundespräsident in Mali Gaucks gefährlichste Reise

Schnell rein, schnell wieder raus: Der riskante Besuch von Joachim Gauck im Krisenland Mali ist ein logistischer Kraftakt - und für den Bundespräsidenten ein kleiner, symbolischer Triumph.

Bundespräsident Joachim Gauck: Will er doch weitermachen?
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Bundespräsident Joachim Gauck: Will er doch weitermachen?

Von Marc Hujer, Abuja


Es ist natürlich nur Zufall, aber ein sehr schöner für Bundespräsident Joachim Gauck, wenn er an diesem Freitag nach Mali fliegt, als erster Bundespräsident seit 14 Jahren. Daheim in Deutschland beginnt dann die Münchener Sicherheitskonferenz, jene Veranstaltung also, auf der er vor zwei Jahren seine große Rede über Deutschlands gewachsene Verantwortung in der Welt gehalten hatte.

Es ging darin um Mut seines Landes. Um den Appell, nicht mehr einfach wegzusehen, sich nicht nur auf andere zu verlassen, sondern auch selbst, notfalls mit Waffengewalt für Frieden und Sicherheit zu sorgen.

Und nun reist er in das Land, in dem die Bundeswehr derzeit ihre gefährlichsten Einsätze fährt. Es geht dort um genau den Mut, den er damals meinte.

Es ist ein kleines Abenteuer für ihn, auch logistisch. Weniger als sieben Stunden wird Gauck nur in Mali sein. In Bamako wird er kurz durch den Präsidenten begrüßt, dann soll es weitergehen in den Parc National, wo er die Kulturministerin trifft und mit Kunstschaffenden spricht, um dann zum Hauptquartier der European Union Training Mission Mali zu fahren.

Von dort aus geht es weiter mit dem Hubschrauber ins Camp Gecko, das Feldlager der Bundeswehr in Koulikoro. 450 Soldaten sind dort stationiert, Soldaten aus 23 Nationen, unter denen die Deutschen mit 200 Mann fast die Hälfte stellen. Koulikoro ist nur eine kleine Mission, in der bis zum Sommer 6400 malische Soldaten ausgebildet werden sollen, um gegen Aufstände und Terror im eigenen Land vorzugehen.

Es wird ein fast überfallartiger Besuch.

Alles muss schnell gehen, auf Übernachtung in Mali wird lieber verzichtet. Schon kurz nach 17 Uhr soll Gauck schon wieder im Flugzeug sitzen, der "Konrad Adenauer", mit der er zurzeit durch Afrika reist, zurück nach Berlin.

Gaucks Besuch ist auch ein kleiner, symbolischer Triumph, eine Art Ehrenrunde im letzten Fünftel seiner ersten Amtszeit. Er will keine grundsätzliche Rede mehr halten auf dieser Reise, seiner Rede von damals auf der Münchener Sicherheitskonferenz nichts mehr hinzufügen. Warum sollte er auch? Es war eine Rede, die den Zeitgeist traf, eine der großen Reden seiner Amtszeit, am Ende vielleicht seine wichtigste überhaupt.

Präsident Gauck zu Staatsbesuch in Nigeria: "Wir sind die, die sich etwas zutrauen"
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Präsident Gauck zu Staatsbesuch in Nigeria: "Wir sind die, die sich etwas zutrauen"

Gratwanderung zwischen Optimismus und Sorge

Vier Tage war er nun schon in Nigeria unterwegs, eine Reise, in der es um Terror und Armut ging, um die Perspektivlosigkeit Afrikas, und damit auch um die Flüchtlingskrise Europas. Er hat sich dazu schon häufig geäußert, über "Dunkeldeutschland" hat er erst gewettert, später gewarnt: "Unsere Möglichkeiten sind begrenzt." Es ist auch in Nigeria eine ständige Gratwanderung geblieben zwischen Optimismus und Sorge, Mut und Verzagtheit, in der Gauck immer wieder nachjustieren muss, um Kurs zu halten, irgendwo zwischen Merkel und CSU.

Als er am Mittwoch das Lager für nigerianische Binnenflüchtlinge New Kuchigoro besucht, wird er von Kindern empfangen, die Plakate gemalt haben, auf denen "Wir schaffen das" steht. Merkels Satz. Nicht seiner. Er hat gesagt: "Wir sind die, die sich etwas zutrauen." Auch das ein Satz, der Optimismus ausdrücken soll. Aber eben keiner, der es auf ein Plakat schaffen würde.

Das ist nun anders, wenn er nach Mali kommt.

"Wir sind auf dem Weg zu einer Form der Verantwortung, die wir nicht eingeübt haben", sagte Gauck in seiner Rede auf der Sicherheitskonferenz. "Die Bundesrepublik muss bereit sein, mehr zu tun für jene Sicherheit, die ihr über Jahrzehnte von anderen gewährt wurde." Und: "Manchmal kann auch der Einsatz von Soldaten erforderlich sein."

Was soll dann noch kommen?

Gauck gilt schon jetzt als erfolgreicher Präsident, nicht nur wegen seiner Rede in München, sondern auch weil er viele andere Debatten angestoßen und verändert hat. Er machte "Freiheit" zum großen Thema und legte sich mit zweifelhaften Diktatoren an, wenn die Regierung sich wegduckte. Er hat Barack Obama getroffen, die Großen der Welt, im nächsten Monat fliegt er zu einem Staatsbesuch nach China. Was soll dann noch kommen?

Während Gauck in Afrika unterwegs ist, wird zu Hause in Berlin wieder viel herumgeraunt über die Frage, ob er, wenn im Frühjahr 2017 seine erste Amtszeit ausläuft, eine zweite anstrebt. Hat er sich noch nicht entschieden? Oder hatte er sich schon entschieden und entscheidet sich nun wieder um? Oder, anders gefragt: Will er eigentlich nicht weitermachen, glaubt aber, dass er weitermachen muss - aus Sorge vor instabilen Verhältnissen? Mancher scheint ja zu glauben, Deutschland sei schon bald wieder in der Weimarer Republik angekommen, nur weil Angela Merkel in den Umfragen absackt.

Wer mit Gauck in diesen Tagen unterwegs ist, erlebt einen Präsidenten, der weiß, wie viel er schon jetzt erreicht hat. Natürlich geht immer mehr, auch für einen, der schon 76 ist. Aber Gauck weiß auch, dass die Republik ohne ihn nicht untergehen wird, so eitel ist nicht einmal er.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
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Spiegelleserin57 12.02.2016
1. endlich mal etwas Anerkennung!
nachdem über lange Zeit ständig böse Kritik über diesen Mann zu lesen war kommt nun endlich mal Anerkennung. Er dürfte wohl zu den Menschen gehören die noch die Realität sehen von der sich schon Politiker verabscheidet haben. Prolemik gehört zum Alltag aber leider nur wenige klare Worte die auch Konsequenzen haben. Klare Worte hat Herr Gauck öfters gewählt und dafür böse Kritik geerntet weil er auch die verlorenen Werte unserer Gesellschaft angesprochen hat die heute nicht jeder gerne hört, in einer Zeit in der Oberflächlichkeit angesagt ist. Man sollte ihn nicht einfach jetzt schon mit Abschiedsworten bedenken, war bei Helmut Schmidt auch nicht denn in diesem Alter kann man durchaus noch viel bewegen. Es ist leider ein falscher Glaube dass ältere Leute nur alt und senil sind, nein , sie sind in vielen Dingen den Jungen weit voraus, nur dass diese das natürlich nicht sehen und ständig das Rad neu erfinden wollen um zum Schluss wieder beim Alten zu landen.
obruni.ningo 12.02.2016
2. Präsident
Ich lebe und arbeite seit 10 Jahren in der Region und bin kein Teil der so genannten Expats die wie überall auf ihren netten virtuellen Inselchen leben. Herr Gauks Engagement in allen Ehren, aber mehr verstehen wird deshalb kein Deutscher, warum die westliche Afrikapolitik so aussichtslos verfahren ist. Ein Bundespräsident auf Abenteuertour in Mali, eine absolut lächerliche, journalistisch inkompetente Darstellung. Tatsächlich ist die Gefährdung überall in Nigeria grösser als im übersichtlichen Mali. Letzteres kann ich als Europäer jederzeit ohne besondere Schutzmaßnahmen besuchen, Nigeria niemals.
sogehtdasnicht 12.02.2016
3. Ist doch sicher da...
Will die CSU nicht Mali zu einem sicheren Herkunftsland erklären? Verstehe deshalb die Aufregung nicht.
schnulli602 12.02.2016
4. was soll das bringen?
ich war seinerzeit selbst für die Wahl von Herrn Gauck. mittlerweile bin ich nur noch genervt von ihm. er kümmert sich aus meiner sicht viel zu sehr um die Vergangenheit, statt sichn um die Probleme der Gegenwart zu kümmern. seine reden sind einfach nur dummes geschwafel und extrem einschläfernd. er hat einfach nicht das format von z.b. Herrn herzog. eine weitere Amtszeit wäre eine schande. guckt man sich jetzt diese reise an, frage ich mich, was das soll!? treffen mit Künstlern, treffen mit der kulturministerin von mali...lächerlich. und dann eine kurze Stippvisite bei den deutschen Soldaten. das hilft den Soldaten sicher ungemein. natürlich bin ich mir der lediglich repräsentierenden rolle des Präsidenten bewusst. aber er sollte sich lieber der aktuellen Probleme Deutschlands annehmen, statt nach mali zu fliegen oder sich mehrheitlich um 70-jährige vergangenheit zu kümmern
uk2011 12.02.2016
5.
Zitat von obruni.ningoIch lebe und arbeite seit 10 Jahren in der Region und bin kein Teil der so genannten Expats die wie überall auf ihren netten virtuellen Inselchen leben. Herr Gauks Engagement in allen Ehren, aber mehr verstehen wird deshalb kein Deutscher, warum die westliche Afrikapolitik so aussichtslos verfahren ist. Ein Bundespräsident auf Abenteuertour in Mali, eine absolut lächerliche, journalistisch inkompetente Darstellung. Tatsächlich ist die Gefährdung überall in Nigeria grösser als im übersichtlichen Mali. Letzteres kann ich als Europäer jederzeit ohne besondere Schutzmaßnahmen besuchen, Nigeria niemals.
Ihnen ist aber klar, daß es einen Unterschied zwischen Ihnen/Europäer und dem Staatsoberhaupt eines Landes gibt, oder? Ersteren Umzulegen ist eine nette Übung, die In Nigeria beliebter ist als in Mali (sofern man Ihnen glauben kann), zweitens eine Prestigesache. Und Sie dürfen auch davon ausgehen, daß die Leute, die den Schutz organisieren, ein klitzeklein wenig Ahnung der Sicherheitslage haben. Und die Journalisten anhand der Sicherheitsvorkehrung dann den Artikel schreiben.
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