Gaucks Start ins Amt: Ein Präsident, sieben Premieren

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Das Amt hat er nun - aber wie geht es für Joachim Gauck weiter? Auf das neue Staatsoberhaupt warten spannende Aufgaben, heikle Entscheidungen und eine Menge Routine. Zunächst einmal ist der Präsidentenalltag für Gauck allerdings vor allem eins: neu.

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Berlin - Der Präsident blinzelt. Die Sonne scheint ihm jetzt direkt ins Gesicht, da er den Kopf für einen Moment in den Nacken gelegt hat. "Was für ein schöner Montag", ruft ein Fotograf. Da lächelt Joachim Gauck.

Er ist angekommen in Schloss Bellevue.

"Was für ein schöner Sonntag." Mit diesem Satz begann Gauck seine Rede vor der Bundesversammlung, gerade hatte er die Wahl zum Staatsoberhaupt angenommen. Und nun, ein paar Stunden später, ist das also Wirklichkeit. Hier steht Joachim Gauck, der elfte Bundespräsident, an der Hand seine Lebensgefährtin Daniela Schadt, die neue First Lady Deutschlands. "Es bumpert hier drin", sagt Gauck und zeigt auf seine linke Brust. "Das ist der Respekt."

Amtsübergabe in Schloss Bellevue

In Schloss Bellevue warten jetzt Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer - nach dem Rücktritt von Christian Wulff kommissarisches Staatsoberhaupt - und Gattin, auch Wulff ist zur offiziellen Amtsübergabe erschienen, allerdings ohne Ehefrau Bettina. Noch ein paar Sekunden posieren Gauck und Schadt vor dem Portal, einige Schritte nur, dann hat sie das Schloss verschluckt.

Ein goldener Käfig sei Bellevue, haben sie ihn gewarnt. Das Protokoll, die Amtspflichten, der oftmals farblose Alltag. Joachim Gauck wird es nun kennenlernen. Es ist ein interessantes Experiment, der freie Geist Gauck und das steife Präsidenten-Amt. Reden, das kann er wie kaum ein zweiter in der Republik. Aber kann Gauck auch, was es sonst als Präsident braucht?

Vieles wird er in den kommenden Tagen und Wochen zum ersten Mal tun. Hier die sieben Schritte von Joachim Gauck auf dem neuen Präsidenten-Parkett.

Amtszimmer: Neuer Anstrich? Zur Großansicht
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Amtszimmer: Neuer Anstrich?

Eine von Gaucks angenehmeren ersten Aufgaben wird es sein, sich im Bellevue-Amtszimmer einzurichten. Allerdings ist da nur wenig individuell gestaltbar: Der Kronleuchter etwa dürfte auch unter Gauck seinen festen Platz an der Decke haben, auch die Fahne mit dem Bundesadler wird wohl hinter seinem Schreibtisch zu finden sein. Doch dass man die Räumlichkeiten im Schloss durchaus ein wenig verwandeln kann, zeigte Christian Wulff: Er legte in seinem Arbeitszimmer eine Spielecke für Sohn Linus an. Gut möglich, dass es auch Gauck ein bisschen privat haben will. Vielleicht stellt er ja eine Büste von sich selbst auf, wie manch einer bereits witzelt.


Auftritt beim Thomanerchor Zur Großansicht
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Auftritt beim Thomanerchor

Seinen ersten Auftritt als Bundespräsident hat der Präsident dem Bürger Gauck zu verdanken: Die weltberühmten Thomaner in Leipzig, einst geleitet von Johann Sebastian Bach, feiern in diesem Jahr ihr 800-jähriges Bestehen. Beim Festakt für den Thomanerchor am Dienstagmorgen hatte Gauck schon lange zugesagt - eine Absage kam für den ehemaligen protestantischen Pfarrer auch im neuen Amt nicht in Frage. Und so ist nun also halb Leipzig in Aufregung, weil der Bundespräsident Joachim Gauck zum Festakt mit in der Thomas-Kirche sitzen wird. Nicht einmal ein kurzes Grußwort ist ausgeschlossen.


Umzug in die Dienstvilla? Zur Großansicht
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Umzug in die Dienstvilla?

Entscheiden muss Gauck auch, wo in Berlin er künftig wohnen will. Nach Lage der Dinge steht dabei ein erster Abschied an, denn bislang lebte er in einer Wohnung in der Nähe des Schöneberger Rathauses. Doch es gibt da noch die Dienstvilla für Bundespräsidenten in Dahlem. Ruhiger und sicherer ist es dort, so viel ist klar. Ein eiserner Zaun umrahmt das Grundstück in der Pücklerstraße, Polizisten und Kameras überwachen die Eingänge. Und leer steht die weiße Villa inzwischen auch - Christian Wulff ist längst ausgezogen.


Erster Staatsgast Elbegdorj Zur Großansicht
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Erster Staatsgast Elbegdorj

Auch der erste Staatsbesuch für Gauck hat sich bereits angemeldet: Keine geringere Exzellenz als der mongolische Präsident Tsakhia Elbegdorj und seine Begleiterin Khajidsuren Bolormaa werden dem deutschen Staatsoberhaupt am 29. März ihre Aufwartung machen. Ein erster richtiger Etikette-Test für Gauck: Am Morgen um 9 Uhr steht für ihn zunächst eine Begrüßung der mongolischen Gäste mit militärischen Ehren auf dem Programm. Am Abend sind die Besucher aus der Hauptstadt Ulan Bator dann zum Staatsbankett in Schloss Bellevue eingeladen. Ob das ohne Üben klappt?


Erster Gastgeber Komorowski Zur Großansicht
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Erster Gastgeber Komorowski

Die erste Auslandsreise des neuen Präsidenten soll ihn nach Polen führen, zu seinem Amtskollegen Bronislaw Komorowski, so wünscht es sich Gauck. Die osteuropäischen Staaten - einst durch den Eisernen Vorhang vom Rest des Kontinents abgetrennt - liegen ihm besonders am Herzen, an erster Stelle Polen. Präsident Gauck verfügt auch aufgrund seiner früheren Tätigkeit als Chef der Stasiunterlagen-Behörde über gute Kontakte nach Warschau, zudem ist seine Beraterin Helga Hirsch eine ausgewiesene Polen-Expertin. Die Vorfreude auf Gaucks Besuch, so hört man aus Warschau, ist groß.


Gesetze warten zur Unterschrift Zur Großansicht
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Gesetze warten zur Unterschrift

Wie auf jeden Bundespräsidenten kommt auch auf den 72-Jährigen zu, Gesetze zu unterschreiben - oder nicht. Dass Staatsoberhäupter diesen Hebel nutzen, um sich ein eigenes Profil zu geben, ließ sich unter anderem bei Horst Köhler beobachten. Mehrfach zögerte er mit der Unterschrift unter Vorhaben der Bundesregierung und erwarb sich in der Bevölkerung so das Image eines unabhängigen Präsidenten. Es wird interessant sein zu sehen, wie Gauck mit dieser Aufgabe umgeht. Anlässe für erste Unterschriften dürfte es genug geben in nächster Zeit: Die Euro-Krise, die Energiewende, aber auch das geplante Betreuungsgeld werden wohl noch den einen oder anderen Gesetzestext nach sich ziehen.


Gauck beim Sommerfest 2010 Zur Großansicht
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Gauck beim Sommerfest 2010

Gauck wird sich auch dem Feiern widmen. Alljährlich steht das Sommerfest im Schloss Bellevue auf dem Programm, es ist ein gesellschaftlicher Höhepunkt mit tausenden geladenen Gästen, der im Voraus wochenlange Planung erfordert. Gaucks erstes Präsidenten-Sommerfest könnte sich noch schwieriger gestalten als ohnehin schon, denn im Zuge der Wulff-Affäre sollen wichtige Sponsoren zurückhaltend geworden sein. Gauck mag Termine dieser Art. Das zeigte er 2010 bei Wulffs Sommerfest, als er spontan auf die Bühne sprang, um mit Altrocker Peter Maffay den Freiheits-Hit "Über sieben Brücken musst Du gehen" zum Besten zu geben.

Er freue sich auf das, war vor ihm steht, sagt Joachim Gauck. Dass er ein neugieriger Mensch ist, dürfte hilfreich bei all den Premieren sein. Und eines scheint klar: Seine Lockerheit will er auch als Präsident beibehalten. So wie bei der Amtsübergabe. "Ciao", ruft Gauck den Journalisten zu, bevor er gemeinsam mit seiner Partnerin in Schloss Bellevue verschwindet.

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insgesamt 22 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wie weiter ?
juergw. 19.03.2012
Zitat von sysopDPADas Amt hat er nun - aber wie geht es für Joachim Gauck weiter? Auf das neue Staatsoberhaupt warten spannende Aufgaben, heikle Entscheidungen und eine Menge Routine. Zunächst einmal ist der Präsidentenalltag für Gauck allerdings vor allem eins: neu. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822146,00.html
Bloß nicht von Freunden einladen lassen.-vorher Frau Schausten fragen!
2. Endlich ist Herr Gauck, nach eineinhalb Fehlentscheidungen....
Cortado#13, 19.03.2012
Zitat von sysopDPADas Amt hat er nun - aber wie geht es für Joachim Gauck weiter? Auf das neue Staatsoberhaupt warten spannende Aufgaben, heikle Entscheidungen und eine Menge Routine. Zunächst einmal ist der Präsidentenalltag für Gauck allerdings vor allem eins: neu. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822146,00.html
der Kanzlerin endlich zum Bundespräsidenten gewählt worden. Ich wünsche ihm viel Weisheit und Besonnenheit für dieses schwere Amt! Befremdlich fand ich an seinem Wahltag, dass er von einigen Politikern unterschiedlicher Parteien ja geradezu bedrängt wurde, endlich Frau Klarsfeld - zweifellos eine umstrittene Person - das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Das fand ich anmassend und unschicklich! Das der neue Bundespräsident seine erste Auslandreise nach Polen macht, finde ich mit Verlaub etwas sonderbar!? Ich hätte Moskau oder die USA vorgezogen!
3. Ist ja gut
n4u 19.03.2012
Langsam reicht es doch mit den "spannenden Artikeln" über den Bundesgrüßaugust oder?
4.
Michel1980 19.03.2012
Zitat von sysopDPADas Amt hat er nun - aber wie geht es für Joachim Gauck weiter? Auf das neue Staatsoberhaupt warten spannende Aufgaben, heikle Entscheidungen und eine Menge Routine. Zunächst einmal ist der Präsidentenalltag für Gauck allerdings vor allem eins: neu. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822146,00.html
Hier eine kleine Prognose: HJ Gauck wird eineinhalb Jahre das Lied von der Freiheit singen, den Deutschen ab und zu Vorhaltungen über ihr mangelndes staatsbürgerliches Selbstverständnis machen und bei den Mitbürgern mit Migrationshintergund durch ein undifferenziertes Mutaussprechen für alle - also auch für Thilo Sarrazin - in das ein oder andere Fettnäpfchen treten. Im September oder Oktober 2012 verärgert er die Bildzeitung, indem er ihr eine leichtfertig versprochene Homestory über Weihnachten mit Ex-Frau, First Lady, den netten Söhnen und den putzigen Enkeln verweigert. Die Bildzeitung enthüllt daraufhin, dass Herr Gauck im privaten Umfeld auch mal die Gleichheit über die Freiheit stellt. Diese Information wurde vom enttäuschten Sigmar Gabriel durchgestochen, der bereits im April 2013 gemerkt hat, dass Gauck eigentlich konservativ ist. Gaucks Umfragewerte sinken rapide, da er sich unglaubwürdig gemacht hat. Auf der Suche nach neuen Themen versucht er sich zunächst an der Brüderlichkeit, später an der Solidarität und schließlich wieder an der Freiheit, bevor am Neujahrsmorgen 2014 mit den Worten: "Ich liebe doch alle Menschen!" zurücktritt. Nur 30 Tage später wird Markus Lanz zum Bundespräsidenten gewählt, dem die Arbeitslosigkeit drohte, weil Thomas Gottschalk "Wetten dass..." nach einer katastrophalen Testsendung mit Lanz, während der 30 Allgäuer Landwirte beim Versuch auf einem überdimensionalen Dreirad eine Rekordweite auf der Flugschanze von Oberstdorf aufzustellen ums Leben kamen, wieder übernommen hat. Günther Jauch hatte die Kandidatur vorher abgelehnt. Er möchte 2017 der erste Bundeskanzler einer ARD-RTL-Koalition werden.
5.
Stäffelesrutscher 19.03.2012
»Das zeigte er 2010 bei Wulffs Sommerfest, als er spontan auf die Bühne sprang, um mit Altrocker Peter Maffay den Freiheits-Hit "Über sieben Brücken musst Du gehen" zum Besten zu geben.« Die Filmmusik zu einer tragischen Liebesgeschichte zwischen einem Polen und einer Deutschen, deren Väter in einem NS-Arbeitslager waren, der eine als Insasse, der andere als Aufseher, als »Freiheits-Hit« zu bezeichnen, ist schon sehr gewagt.
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Vom Kandidaten zum Präsidenten
Wer wählt den Bundespräsidenten?
Die Bundesversammlung, die sich aus den Abgeordneten des Bundestages und einer gleichen Zahl von Wahlmännern beziehungsweise -frauen aus den Ländern zusammensetzt. Letztere werden von den Länderparlamenten entsprechend den jeweiligen politischen Stärkeverhältnissen gewählt. Derzeit gehören dem Parlament 620 Abgeordnete an. Die Bundesversammlung umfasst somit 1240 Wahlleute.
Wie wird gewählt?
Das Staatsoberhaupt wird geheim und ohne vorherige Aussprache gewählt. Gewählt ist, wer die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. Die Wiederwahl ist einmal möglich. Wählbar ist jeder Deutsche, sofern er das 40. Lebensjahr vollendet hat. Sollte kein Bewerber im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen, reicht im dritten Wahlgang die relative Mehrheit. Drei Mal waren bislang drei Wahlgänge erforderlich: 1969 bei Gustav Heinemann, 1994 bei Roman Herzog und 2010 bei Christian Wulff.
Wann wird gewählt?
Laut Gesetz muss die Bundesversammlung spätestens 30 Tage vor dem Ende der Amtszeit des Bundespräsidenten zusammentreten. Sollte eine Amtszeit verfrüht enden muss die Bundesversammlung spätestens dreißig Tage später den Nachfolger wählen. Als spätester Termin für die Neuwahl kommt somit der 18. März in Frage. Einberufen wird die Versammlung vom Bundestagspräsidenten.
Wer hat die Mehrheit?
Die parteipolitische Mehrheit der Bundesversammlung muss nicht identisch sein mit den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag. Nach Berechnungen des Portals wahlrecht.de hätte Schwarz-Gelb derzeit nur eine Mehrheit von zwei bis vier Stimmen in der Bundesversammlung. Da SPD und Grüne mit im Boot sind, gilt die Wahl von Joachim Gauck als sicher.
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Entscheidung in Berlin: Glückwünsche für den neuen Bundespräsidenten

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