Verzicht auf zweite Amtszeit Gaucks fast perfekter Abgang

Joachim Gauck hat sich richtig entschieden: Eine zweite Amtszeit hätte ihn möglicherweise überfordert. Nun geht er auf dem Höhepunkt seiner Präsidentschaft - allein die Ankündigung kommt ein bisschen zu spät.

Joachim Gauck
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An der Kunst, im richtigen Moment aufzuhören, scheitern viele Spitzenpolitiker: Weil sie am Amt kleben, sich kein Leben außerhalb der Politik vorstellen können, keinen anderen für fähig genug halten, nachzufolgen. Helmut Kohl erfüllte gleich alle drei Kategorien, daneben finden sich für jede einzelne genügend Beispiele.

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Umso höher einzuschätzen ist die Ankündigung von Joachim Gauck, auf eine zweite Amtszeit zu verzichten. Ein perfekter Abgang ist zwar auch ihm nicht geglückt, dafür hat er einige Wochen zu lange mit seinem Auftritt gewartet: Zuletzt wuchs der Druck von Medien und politischen Akteuren auf den Bundespräsidenten, sich endlich zu erklären, die Spekulationen nahmen zu. Aber er brauchte offenbar zusätzliche Bedenkzeit, zumal ihm einflussreiche Menschen eine Verlängerung um fünf Jahre oder wenigstens eine halbe Amtsperiode mehr einreden wollten. Sie haben vergeblich an seine (nicht geringe) Eitelkeit appelliert.

Das Staatsoberhaupt hat für sich und das Land abgewogen - und ist zur richtigen Entscheidung gekommen: Gauck ist 76, zum Ende einer zweiten Amtszeit wäre er 82 Jahre alt. Der Bundespräsident hat eine für sein Alter erstaunliche Konstitution, leichter wäre ihm die Amtsführung in den kommenden Jahren aber nicht gefallen. Zumal Gauck II angesichts einer immer kritischeren Öffentlichkeit noch mehr hätte bieten müssen als Gauck I - und das wäre nun wirklich keine einfache Aufgabe geworden. Dazu kommt Gaucks Erkenntnis, dass sich Deutschland eben nicht in einem der Weimarer Republik vergleichbaren Zustand befindet: Das Land wird es aushalten, wenn es sich nun ein neues Staatsoberhaupt suchen muss.

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So wird Joachim Gauck als ein großer Bundespräsident in Erinnerung bleiben. Einer, der dem Amt nach der rätselhaften Demission Horst Köhlers und dem quälenden Rücktrittsprozess von Christian Wulff seine Würde zurückgegeben hat. Allein durch seine Biografie, seine Wortmächtigkeit, sein Charisma. Der sich dann aber daran gemacht hat, als Bundespräsident auch Impulse in die Gesellschaft zu senden: Mit seiner Münchner Rede appellierte er an das Land, sich mehr zuzutrauen, mehr Verantwortung in der Welt zu übernehmen. Dass in der Flüchtlingskrise jedenfalls ein großer Teil der Deutschen genau das beherzigte, ist in gewisser Weise eine Erfüllung seiner Präsidentschaft. Anders als Kanzlerin Angela Merkel thematisierte Gauck allerdings auch früh die Hürden des "Wir schaffen das".

70 Prozent der Deutschen wünschten sich zuletzt, dass Joachim Gauck weitermacht. Mit anderen Worten: Er geht auf dem Höhepunkt. Und hinterlässt - anders als seine zwei Vorgänger - große Fußstapfen für die Person, die nach ihm das Schloss Bellevue bezieht.

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insgesamt 127 Beiträge
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Seite 1
viwaldi 06.06.2016
1. Danke an Herrn Gauck
Er hat es gut gemacht, meinen Dank und Respekt hat er. Meine Hoffnung ist es, dass der nächste Amtsinhaber deutlich jünger ist, egal ob Mann oder Frau. Und noch eine Bitte an die Linke und SPD: bitte verschonen sie uns mit Gesine Schwan als Kandidatin, es ist eine BP-Wahl und keine Walburgisnacht.
INGXXL 06.06.2016
2. Das i die
Richtige Entscheidung. Auch wenn es jetzt für die Parteien richtig ist Einen geeigneten Kandidaten zu finden. Ich vermute das vor allem Merkel ihn zu einer 2. Amtszeit zu überreden.
Europa! 06.06.2016
3. Haltungsnote: 1
Gauck hat wichtige Akzente (auch und gerade gegen Angela Merkel) gesetzt. Sein Abgang ist honorig.
tkedm 06.06.2016
4.
Weil die Medien Druck gemacht haben und Gauck nicht sofort gespurt hat, war die Verkündung des Verzichts auf eine zweite Amtszeit nur halb-perfekt? Seltsames Demokratieverständnis. Gerade weil er sich nicht hat treiben lassen, war die Verkündung so genau richtig.
shark 06.06.2016
5.
Zitat von viwaldiEr hat es gut gemacht, meinen Dank und Respekt hat er. Meine Hoffnung ist es, dass der nächste Amtsinhaber deutlich jünger ist, egal ob Mann oder Frau. Und noch eine Bitte an die Linke und SPD: bitte verschonen sie uns mit Gesine Schwan als Kandidatin, es ist eine BP-Wahl und keine Walburgisnacht.
Was hat er denn gut gemacht? Ein Bundespräsident ist doch nur ein Faksimile der früheren Kaiser. Soll man doch endlich diese gut bezahlte Position doch endlich abschaffen. Ausser seinem monatlichen Einkünften (schätze mal 15000 €) und seine gesicherte Wohnung/bzw. Eigenheim + Dienstauto und Chauffeur bringt der Bundespräsident doch überhaupt nichts. Ein unnützes Anhängles für die Steuerzahler.
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