Reaktionen auf Gauck-Wahl: Große Erwartungen an den Neuen

Nun ist Joachim Gauck Bundespräsident. Auf ihm lastet die Hoffnung, dass dieses Mal bitte nichts schiefgehen möge im höchsten Staatsamt. Die Reaktionen nach seiner Wahl zeigen, wie enorm die Erwartungen sind.

Hamburg - Er weiß genau, was für eine große Aufgabe vor ihm liegt. Seit Wochen ist quer durch die Republik der Wunsch zu hören, dass Joachim Gauck dem Amt des Bundespräsidenten seine Würde wiedergeben möge. Hohe Erwartungen lasten auf ihm. Klug räumte er ein mögliches Scheitern oder zumindest Unzufriedenheit mit seiner Amtsführung gleich in seiner ersten Rede als neues Staatsoberhaupt ein. Ganz sicher werde er nicht alle Erwartungen an seine Person und Präsidentschaft erfüllen können, räumte Gauck am Sonntag nach seiner Wahl ein.

Doch er verspricht besten Willen und Tatendrang. "Eins kann ich versprechen: Dass ich mit all meinen Kräften und meinem Herzen ja sage zu der Verantwortung, die Sie mir heute übertragen haben." Er werde sich neu auf Themen, Probleme und Personen einlassen, erklärte Gauck. Demut strahlte er nach der Wahl aus.

Die Glückwünsche, die ihn nach der Wahl erreichten, waren herzlich. Aber auch hier spiegeln sich die hohen Ansprüche an seine Amtsführung wieder.


• Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erhofft sich von dem neu gewählten Bundespräsidenten Joachim Gauck Denkanstöße im politischen Alltag. Sie freue sich darauf, von Gauck "Anregungen zu bekommen", sagte Merkel am Sonntag in Berlin. Konflikte mit dem neuen Präsidenten erwarte sie nicht, auch wenn sich in manchen Fragen sicherlich Meinungsunterschiede zeigen würden. Diese wolle sie im Dialog mit Gauck besprechen: "Es geht hier nicht um Erziehungsmethoden, sondern um Meinungsäußerungen."

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Entscheidung in Berlin: Glückwünsche für den neuen Bundespräsidenten
Merkel wertete es als Signal, dass nun nach der Kanzlerin auch der Bundespräsident aus der ehemaligen DDR stamme. Dies zeige: "Die Ostdeutschen sind angekommen, trotzdem bleibt bei der deutschen Einheit noch einiges zu tun." Die Kanzlerin begrüßte es, dass Gauck mit parteiübergreifender Mehrheit gewählt wurde. "Selten hat ein Bundespräsident eine solche Zustimmung bekommen", sagte sie. "Er wird sein Amt gut für unser Land wahrnehmen."

• Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) bezeichnete Gauck als "Gewinn für die Gesellschaft". Dank seiner angenehmen menschlichen Art werde Gauck sicher zur "Identifikationsfigur für alle Deutschen", sagte Beck am Sonntag. Er werde das Amt des Bundespräsidenten wieder zu einer Institution machen, "an der sich die Menschen orientieren können".

• Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) erwartet von Gauck Impulse für die wichtigen gesellschaftlichen Fragen. "Er ist ein Mensch, der die Freiheit in Verantwortung immer wieder zum Thema gemacht hat", sagte sie. Sie sei überzeugt, dass Gauck mit dieser Haltung auch Themen wie Ökologie oder Integration angehen werde. Die CDU-Politikerin äußerte sich erfreut über die breite Mehrheit für den neuen Bundespräsidenten.

• FDP-Chef Philipp Rösler zeigte sich schon gleich nach Gaucks Wahl zufrieden mit der Entscheidung: "All die Hoffnungen, die wir in ihn gesetzt haben, hat er mit der ersten Rede schon erfüllt."

• Die CSU-Landesgruppenchefin im Bundestag, Gerda Hasselfeldt, sprach von einem "überwältigenden Ergebnis" für Gauck. "Ich bin sicher, dass er uns lehren wird, den Geschmack an der Freiheit nicht zu verlieren, da sie das Salz in der Suppe einer jeden Demokratie ist." Gauck werde sich in viele Themen kontrovers einmischen. "Er strahlt Freude an Demokratie aus", erklärte Hasselfeldt.

• Der neue Bundespräsident kann nach Ansicht von Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) "mit Herz und Verstand" die innere Einheit vorantreiben. Gauck werde das höchste Amt im Staate so ausfüllen, dass sich alle Bürger durch ihn vertreten fühlen, zeigte sich Platzeck überzeugt. "Ich freue mich, dass ein Mann aus Ostdeutschland Staatsoberhaupt des wiedervereinten Deutschland geworden ist." Ganz Deutschland habe ihn seit 1990 als lebensklugen, Mut machenden und nachdenklichen Mann kennengelernt. Gauck werde es gelingen, das Verständnis von Freiheit mit neuem Leben zu erfüllen.

• Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) erhofft sich von Gauck eine stärkere Berücksichtigung der Lebensleistung der Menschen in Ostdeutschland. Gauck komme aus dem Osten, genieße aber auch im Westen ein sehr hohes Ansehen, sagte Sellering am Sonntag in Schwerin. "Ich wünsche mir, dass er dieses Ansehen nutzt, um für mehr Respekt für ostdeutsche Lebensleistungen einzutreten."

• Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, bescheinigte Gauck für sein neues Amt "hohe Glaubwürdigkeit im Eintreten für Freiheit und bürgerliche Verantwortung". Dies und Gaucks breite Akzeptanz durch die Menschen seien "hervorragende Voraussetzungen für die Übernahme des Amtes" in einer schwierigen Zeit, betonte Zollitsch am Sonntag in einem Schreiben an Gauck. Sein "politisches Gespür und die besondere Fähigkeit, den Menschen nahe zu sein", würden Gauck in seiner neuen Aufgabe helfen.

Barroso und Sarkozy würdigen Gauck

• Auch aus dem Ausland gab es Gratulationen für Gauck: Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy übersandte "herzlichste Glückwünsche". Gaucks "vorbildlicher Kampf" für Freiheit und sein Einsatz im Dienste der Demokratie seien "für ganz Europa eine besonders wertvolle Botschaft", erklärte Sarkozy am Sonntag in Paris.

• Im Namen der Europäischen Kommission gratulierte Kommissionspräsident Manuel Barroso Joachim Gauck. Er forderte Gauck auf, sich gemeinsam für Europa und die europäischen Werte einzusetzen. Die europäische Integration sei nicht nur das Vermächtnis der Gründungsväter, sondern eine Aufgabe für die derzeitige und künftige Politik, erklärte Barroso. Er schloss mit einem Zitat von Goethe: "Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss."

ler/fab/AFP/dpa/dapd

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Interessant
Social_Distortion 18.03.2012
Zitat von sysopDPANun ist Joachim Gauck Bundespräsident. Auf ihm lastet die Hoffnung, dass dieses Mal bitte nichts schief gehen möge im höchsten Staatsamt. Die Reaktionen nach seiner Wahl zeigen, wie enorm die Erwartungen sind. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822060,00.html
Leute von denen nichts zu erwarten ist, erwarten von einem, von dem auch nicht viel zu erwarten ist, irgendwasauchimmer. Erwartungserfüllung morgen, 15:30 Uhr Godot :)
2. Was
crocodil 18.03.2012
Zitat von sysopDPANun ist Joachim Gauck Bundespräsident. Auf ihm lastet die Hoffnung, dass dieses Mal bitte nichts schief gehen möge im höchsten Staatsamt. Die Reaktionen nach seiner Wahl zeigen, wie enorm die Erwartungen sind. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822060,00.html
will man denn erwarten? Ausser Beförderungsunterlagen zu unterschreiben und nicht zu nachvollziehenden Staatsbesuchen zu reisen, ist doch nichts von ihm zu erwarten!!! Aber 200 000 € usw. kassieren. Fazit: Dieses Amt gehört schon seit langem abgeschafft, war ja nur ein Ersatz für den abgetretenen Kaiser, um die Bevölkerung im Glauben zu lassen, dass es ihn wenigstens als RP noch gibt.
3. Bestätigung der Kritik
werner3 18.03.2012
Wenn es Barroso und Sarkozy sind, die ihn beglückwünschen, dann ist ja alles in Ordnung. Das war nicht andes zu erwarten.
4. ohne Titel
turo 18.03.2012
Zitat von werner3Wenn es Barroso und Sarkozy sind, die ihn beglückwünschen, dann ist ja alles in Ordnung. Das war nicht andes zu erwarten.
In der Sendung" Was nun Herr Gauck?"haben die Fragesteller vergessen: Was machen Sie Herr Gauck, wenn die Ermittlungen gg. Wulff für die StA negativ verlaufen.?
5. ich würde gerne...
hansjoki 19.03.2012
Zitat von turoIn der Sendung" Was nun Herr Gauck?"haben die Fragesteller vergessen: Was machen Sie Herr Gauck, wenn die Ermittlungen gg. Wulff für die StA negativ verlaufen.?
Ihrem Intellekt entsprechen und verstehen, was Ihrer Meinung nach Herr Gauck im genannten Falle tun sollte: Was also sollte er dann tun - sich aufhängen ? Oder - weil er (vermutlich) doppelt soviel Ehre wie sein Vorgänger aufzuweisen hat, den doppelten Ehrensold kassieren ? Welchen "Nährwert" hat Ihr Einwand wirklich ?
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Vom Kandidaten zum Präsidenten
Wer wählt den Bundespräsidenten?
Die Bundesversammlung, die sich aus den Abgeordneten des Bundestages und einer gleichen Zahl von Wahlmännern beziehungsweise -frauen aus den Ländern zusammensetzt. Letztere werden von den Länderparlamenten entsprechend den jeweiligen politischen Stärkeverhältnissen gewählt. Derzeit gehören dem Parlament 620 Abgeordnete an. Die Bundesversammlung umfasst somit 1240 Wahlleute.
Wie wird gewählt?
Das Staatsoberhaupt wird geheim und ohne vorherige Aussprache gewählt. Gewählt ist, wer die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. Die Wiederwahl ist einmal möglich. Wählbar ist jeder Deutsche, sofern er das 40. Lebensjahr vollendet hat. Sollte kein Bewerber im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen, reicht im dritten Wahlgang die relative Mehrheit. Drei Mal waren bislang drei Wahlgänge erforderlich: 1969 bei Gustav Heinemann, 1994 bei Roman Herzog und 2010 bei Christian Wulff.
Wann wird gewählt?
Laut Gesetz muss die Bundesversammlung spätestens 30 Tage vor dem Ende der Amtszeit des Bundespräsidenten zusammentreten. Sollte eine Amtszeit verfrüht enden muss die Bundesversammlung spätestens dreißig Tage später den Nachfolger wählen. Als spätester Termin für die Neuwahl kommt somit der 18. März in Frage. Einberufen wird die Versammlung vom Bundestagspräsidenten.
Wer hat die Mehrheit?
Die parteipolitische Mehrheit der Bundesversammlung muss nicht identisch sein mit den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag. Nach Berechnungen des Portals wahlrecht.de hätte Schwarz-Gelb derzeit nur eine Mehrheit von zwei bis vier Stimmen in der Bundesversammlung. Da SPD und Grüne mit im Boot sind, gilt die Wahl von Joachim Gauck als sicher.
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