Johannes Ponader Absturz des Sandalen-Helden

So locker kann Politik sein, das wollte Johannes Ponader den Deutschen zeigen. Doch mit seinen Alleingängen verstörte er selbst Parteifreunde - am Ende war er so isoliert, dass ihm nur noch der Rücktritt blieb. Die Geschichte eines Piraten, der viel vorhatte und grandios scheiterte.

DPA

Hamburg - Es war einmal ein Pirat, der trug gerne Sandalen. Einmal setzte er sich in eine Talkshow, zwischen die Schlipsträger von CDU, SPD und FDP, lümmelte sich in einer Strickweste in einen Sessel. Dabei tippte er auf seinem iPhone rum, aus den Klettsandalen blitzten die nackten Füße. Johannes Ponader sagte in jenen Tagen des Höhenflugs im Frühjahr 2012: "In den Bundestag werden wir auf jeden Fall einziehen, da kann ich gar nichts dran ändern." Die Geschichte dürfte wohl anders laufen.

Ponader war angetreten, um Politik auf eine radikal andere Art zu machen. Sprach man ihn in der vergangenen Wochen auf einen Rücktritt an, sagte er: auf keinen Fall. "Ein Rücktritt, das wäre doch Politik 1.0", lautete sein Standardsatz. Ponader, einer der berühmtesten Piraten im Lande, wollte eben alles anders machen. Die Regeln brechen, für die basisdemokratische Utopie kämpfen. Daran ist er vorerst gescheitert.

Ponader hat seinen Rücktritt als Politischer Geschäftsführer der Piratenpartei angekündigt. Zum Parteitag im Mai will er sein Amt niederlegen. Seit Monaten beknieten ihn die Parteifreunde an der Spitze zu gehen. Der 36-Jährige war isoliert, galt als nicht teamfähig. Doch Ponader wollte immer weitermachen, bis zu dieser Woche.

Stets sagte er, er habe den Rückhalt der Basis - ein Königsargument bei den Piraten, auch wenn niemand so richtig weiß, was genau diese Basis will. Diejenigen immerhin, die sich in einer Online-Umfrage über den Parteivorstand beteiligten, straften ihn nun ab. Die Hälfte derer, die ihn mit einer Note bewerteten, verteilte die Sechs, andere schrieben sehr persönliches Feedback: "dummer Kasper", "Vollidiot". Ponader veröffentlichte am Wochenende die Beschimpfungen, volle Transparenz eben.

Ponaders Königsargument lag in Trümmern. Und als er sich am Montag vor der versammelten Presse dann noch eine absurde Deutungsschlacht mit Parteichef Bernd Schlömer lieferte, war den Beteiligten klar, dass es mit Ponader nicht weitergehen kann.

Beratungsresistent - und auf einem Egotrip

Was für ein Absturz. Schließlich war der Schauspieler, Regisseur und selbst ernannte "Gesellschaftskünstler" vor nicht einmal elf Monaten als Hoffnungsträger der Piratenpartei gestartet. Im April wurde er mit 75 Prozent Zustimmung zum Nachfolger des Parteistars Marina Weisband gewählt. Die Basis trug ihn, er ließ sich von einem Piraten Huckepack nehmen, am Abend stand er ungläubig am Rand der Parteitagshalle und sagte: "Wir beteiligen jetzt alle und werden die erste wahre Volkspartei."

Ponader sprang für die Kameras ins Bällebad und konnte gar über dessen Bedeutung philosophieren ("Man ist frei, gleichzeitig getragen"). So locker kann Politik sein - das wollte Ponader Deutschland zeigen. Die Sandalen, die seit Wochen auch sein Profilbild bei Twitter zieren, sollten helfen.

Doch schon der Auftritt bei Günther Jauch eine Woche nach seiner Wahl sorgte für Kopfschütteln. Sein antibürgerliches Auftreten als Freigeist zog Ressentiments und Häme an. Davon können Piraten auch profitieren - doch Ponader macht es den Kopfschüttlern allzu leicht. Er spricht bei Jauch über Sandalen, bei Markus Lanz über Polyamorie und seine "Frubbeligkeit", bei Sandra Maischberger über die Maus Frederick, die nur scheinbar faul ist, denn sie sammelt Sonnenstrahlen, das ist Ponader wichtig. Das ist das Bild, das in der Öffentlichkeit von Johannes Ponader bleibt.

Nachdem der freie Theatermacher in einem Zeitungsartikel groß den Ausstieg aus dem Hartz-IV-System ankündigte und eine Spendenaktion zu seinen Gunsten gegen alle Einwände laufen ließ, waren zum ersten Mal auch seine Parteifreunde schwer irritiert: Er sei beratungsresistent und auf einem Egotrip, hieß es aus dem Vorstand. Parteichef Schlömer platzte der Kragen. Der Vorwurf, hier würde jemand seine privilegierte Positionen ausnutzen, fielen auch auf die Partei zurück. Ponader und die Piraten stürzten ab.

Das Experiment "Ponader" ist gescheitert

Der Fall zeigt das ganze Dilemma Johannes Ponaders: Er wusste scharf für die Piratenforderung eines bedingungslosen Grundeinkommens zu argumentieren, konnte aber durch seine Aktion die Forderung nicht mehr glaubhaft verkörpern.

Und der "Gesellschaftskünstler" halte sich nicht an Absprachen, hieß es bald aus der Partei. In der Piratenkrise im Oktober, als letztlich zwei Beisitzer zurücktraten, soll Ponader ebenfalls zugestimmt haben, zurückzutreten. Der Deal: Da der Realo Matthias Schrade aus Ärger über den Geschäftsführer ging, würde dieser auch gehen. Davon gingen wichtige Piraten aus, Ponader bestreitet bis heute eine solche Zusage. In jedem Fall blieb er.

Von nun an trauten viele Oberpiraten Ponader nicht mehr über den Weg, auch wenn man öffentlich die Versöhnung inszenierte. Bei den großen Streitigkeiten sagte Ponader stets, es gehe ihm um die Interessen der Basis und den Ansatz einer "Politik 2.0". Doch die anderen sagten, Ponader gehe es nur um sich selbst.

Und bei den Machtspielchen, die aus dem Streit folgten und in den letzten Wochen den Bundesvorstand komplett lähmten, mischte Ponader ebenso munter mit wie Parteichef Schlömer. So ging es beim Dauerzoff um seine Person am Ende weniger um Inhalte als um die von Ponader immer wieder verteufelte "Politik 1.0."

Insofern sind auch viele, die ihm inhaltlich nahestehen, erleichtert über den Rückzug. Das Experiment "Ponader" ist gescheitert. Die Piraten haben jetzt die Chance zum Neustart.

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der_pirat 07.03.2013
1. Wechsel
Ponader hätte auch bleiben können. Als ob die Piraten jemanden wählen würden, der mehr auf der Pfanne hat. Am Ende eines Marathon-Parteitags werden alle mit einem Grinsen den Saal verlassen und sich freuen, dass sie es den "Karrieristen" gezeigt haben. Nur dass sie den Ast abgesägt haben, auf dem sie sitzen, kapieren die wenigsten. Also bitte weitersägen. Mein Traumkandidat: Seit fünf Jahren dabei. Nichts geschafft, Zeit ohne Ende und kann seinen Namen schreiben und ins Mikro: "Wir packen das!" brüllen. Dazu komplett unbekannt. Dreimal sitzen geblieben, ohne Abschluss (aber das erfährt man erst später, weil Lebensläufe ja keine Geige spielen). Mein Bierchen für den Parteitag steht bereits kalt.
susanneuser 07.03.2013
2. Besser...
Besser grandios scheitern, als es garnicht versucht zu haben!
gesell7890 07.03.2013
3. hab ich was verpaßt?
wann war denn diese peinliche figur ein held?
JaWeb 07.03.2013
4. Das "Experiment Ponader" ...
... mag gescheitert sein. Das "Experiment Schlömer" wird zum Scheitern der "Anti-Parteien-Partei" führen.
janne2109 07.03.2013
5. ..........
oh wie schön, hoffentlich müssen wir uns das gelangweilte Gesicht nicht mehr in Talkshows ansehen. Ob er nun wohl arbeiten geht??
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