Johannes Rau: Moralisch einwandfrei, aber erfolglos

Von Scott Gissendanner und Dirk Vogel

Johannes Rau war der Überzeugung, dass Moral und Politik eine Einheit bilden. Auf dieser Kernbotschaft beruhte seine Popularität als Ministerpräsident - im Kampf um das Kanzleramt sollte sie ihm zum Verhängnis werden.

16. Dezember 1985: Ein Sonderzug wird auf seiner Reise durch Nordrhein-Westfalen in jedem Bahnhof bejubelt. In Düsseldorf steigt Willy Brandt, in Dortmund der Kanzlerkandidat Johannes Rau zu. Am Ende befördert der Zug die gesamte Führung der Sozialdemokratischen Partei zu ihrem Auftakttreffen in Ahlen. Es soll der Grundstein für die erfolgreiche Kanzlerschaft von Johannes Rau sein. Über ein Jahr später fährt Rau wieder durch die Republik, als Verlierer. Auch wenn sich die innerparteiliche Mobilisierung kurz vor der Wahl erhöht hatte, sie reichte nicht aus: Rau und die SPD erhielten nur 37 Prozent der Zweitstimmen. Die Bundestagswahl war verloren.

Von der Partei nicht untersützt: Kanzlerkandidat Rau 1987
AP

Von der Partei nicht untersützt: Kanzlerkandidat Rau 1987

Johannes Rau, die SPD und die etablierten Parteien mussten sich 1986 zwei Herausforderungen stellen: der steigenden Arbeitslosigkeit und den neuen Organisationsformen der politisierten Nachkriegsgeneration, den Selbsthilfegruppen, "Single-Issue-Bewegungen" und den Grünen. Beide Entwicklungen sorgten für heftige Diskussionen bei den Sozialdemokraten.

Brandt plädierte für ein Bündnis "links der Mitte", wie es Oskar Lafontaine 1985 im Saarland erfolgreich praktiziert hatte: Übernahme grüner Positionen bei Kernenergie, Umweltschutz und Abrüstung, spekulative Offenheit gegenüber einer Koalition. Helmut Schmidt und Johannes Rau tüftelten an einer Mitte-Strategie: Aktivierung der Stammwählerschaft und der organisierten Arbeitnehmerschaft; keine linke Koalition; höchstens ein vorsichtiges programmatisches Herantasten bei den Themen Umweltschutz und Abrüstung. Rau demonstrierte 1985 in NRW, dass seine Strategie ebenso mehrheitsfähig war wie die Lafontaines. Doch die SPD war gespalten in der Frage, wohin sie im Wahlkampf steuern sollte.

Über das Christentum zur Politik

Rau wurde 1931 in Wuppertal-Barmen geboren, einem tief religiös geprägten Ort im Bergischen Land. Er gewann früh Mentoren, die Christentum mit Politik jenseits der christdemokratischen Parteien zu einem christlichen Realismus verbanden. Über Gustav Heinemann kam er zur Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP), für die er den Stadt- und Kreisvorsitz in Wuppertal übernahm. Hier entwickelte sich Raus moderater Stil, seine stete Suche nach dem Kompromiss.

Als sich die SPD mit dem Godesberger Programm wandelte, wurde sie zu seiner neuen politischen Heimat, in der er rasant aufstieg: jüngster Abgeordneter, jüngster Fraktionsvorsitzender, jüngster Oberbürgermeister, jüngster Wissenschaftsminister und 1980 jüngster Ministerpräsident des Landes.

Doch Raus Aufstieg war zwar schnell, aber nicht einfach. Er lernte die Tricks der parlamentarischen Kämpfer. Obwohl er später als "Bruder Johannes" fast belächelt wurde, wusste er sich durchzusetzen. Nicht wenige Schwergewichte aus Nordrhein-Westfalen wurden von Raus Ehrgeiz überrollt.

Ein Ausdruck seines Machtinstinkts war auch seine Fähigkeit, ein Wir-Gefühl zu erzeugen, ob in einer persönlichen Beziehung oder in einer Massenkundgebung. Bei den Grünen jedoch fand seine Toleranz Grenzen: Sie widersprachen Raus Sensibilität, seiner Vorstellung von Respekt und von Höflichkeit. Sie neigten zu radikalen Positionen, setzten sich für den Austritt aus der Nato ein, wollten die Bundeswehr abschaffen und strebten die sofortige Stilllegung aller Kernkraftwerke an. Raus Politik aber stand für das Gegenteil, nicht für achtlose Radikalbeschlüsse.

Populärster Ministerpräsident der Republik

Als Rau im Jahr 1985 den Grünen im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf den Eingang zum Landtag versperrte und die absolute Mehrheit für die SPD gewinnen konnte, wurde er einer der populärsten Ministerpräsidenten der Republik. Doch Rau war auf Nordrhein-Westfalen geeicht. Seine "Wir in Nordrhein-Westfalen"-Kampagne zielte vor allem auf die für dieses Land charakteristische Spaltung zwischen Rheinland, Ruhrgebiet und Westfalen.

Mit dem Kandidaten Rau entschied sich die SPD für die Strategie der Mitte. Damit war die Strategiedebatte mitnichten erledigt, sondern nur vertagt. Die Wahlkampfführung spaltete sich, sogar geographisch, gleich zu Beginn der Kampagne. In Düsseldorf sammelten sich die Vertreter Raus Politik der Mitte, in Bonn die finanzkräftigeren Vertreter der Mehrheit links der Mitte. Der SPD-Landesgeschäftsführer in NRW, Bodo Hombach, konzipierte den Wahlkampf von Düsseldorf aus, zusammen mit dem damaligen Pressesprecher des SPD-Vorstands, Wolfgang Clement.

Am 15. Juni 1986 kam die Wende der Kampagne, als Gerhard Schröder der Machtwechsel in Niedersachsen misslang. Zuvor hatte er sich dem Druck Raus gebeugt und die Grünen auf Distanz gehalten. Diese erzielten 7,1 Prozent der Stimmen – ein glorreicher Sieg. Hombachs Momentum entstand zwar, aber für die Grünen, nicht für die SPD. Für Raus Etappenstrategie war dies verheerend: Die Zahl derjenigen, die nun an einen Sieg der Opposition glaubten, sank kontinuierlich von 40 Prozent in Juli auf 20 Prozent in Dezember.

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