Ex-Außenminister im Europawahlkampf Joschka Fischer gegen die Putin-Versteher

Die Grünen würzen den lahmen Europawahlkampf mit einem Auftritt ihrer Ikone: Joschka Fischer attackiert Wladimir Putin und verteidigt die Maidan-Revolution. Nur bekommt das kaum jemand mit.

Von

Ex-Außenminister Fischer : "Kann Schwäche nicht auch zu Eskalation führen?"
DPA

Ex-Außenminister Fischer: "Kann Schwäche nicht auch zu Eskalation führen?"


Berlin - Am Ende weckt die Frau vom Friedenskreis doch noch den alten Joschka, den Spötter, den Provokateur: "Kann Schwäche nicht auch zu Eskalation führen?", fragt Fischer die Dame aufgebracht. Die hatte vorher die harte Haltung des Westens gegenüber Russland in der Ukraine-Krise kritisiert.

Was er von ihr persönlich hält, hat der Ex-Außenminister da schon klargemacht. Der "Bundesarbeitsgemeinschaft Frieden" der Grünen, der die Frau angehört, sei er ja "traditionell immer sehr eng verbunden gewesen". Und schiebt für die im Publikum, die Kosovo-Einsatz, Auschwitz-Vergleich und Farbbeutel nicht mehr erinnern, noch nach: "Das war übrigens ironisch gemeint."

Kurz vor der Europawahl hat die Öko-Partei ihre "grüne Ikone" geladen, wie Parteichef Cem Özdemir Fischer ankündigt. Mit Özdemir und Spitzenkandidatin Rebecca Harms soll er die Ukraine-Krise diskutieren, die Nuancen der grünen Friedenspolitik zwischen Sanktions-Hardlinern und "Putin-Verstehern" erklären.

Grüne Personalverwirrung gegen Juncker und Schulz

Dass Fischer zurück ist, könnte für die Grünen im Europawahlkampf eine gute Nachricht sein. Im Wahlkampf ist die Partei bislang kaum sichtbar, in den Umfragen liegt sie eher unter ihrem Ergebnis von 2009. Das bisschen Aufmerksamkeit, das die Deutschen dem Europawahlkampf überhaupt schenken, sichern sich Jean-Claude Juncker und Martin Schulz.

Den Duellen der beiden Spitzenkandidaten setzen die Grünen bislang maximale Personalverwirrung entgegen: Auf deutscher wie auf europäischer Ebene bewirbt sich je eine Doppelspitze, neben Harms müssten sich die Deutschen noch drei andere grüne Spitzenkandidaten merken. Fischer stand in seiner Karriere zumindest immer für Fischer, das war vielen Programm genug. So füllte er Marktplätze und gewann Wahlen.

Statt aber mit schnarrender Stimme für seine selbsternannte Europapartei zu werben, sitzt der Ex-Außenminister mit verschränkten Armen eingesunken auf einem grünen Sessel. Das kräftigste Wahlkampfross in ihrer Parteigeschichte haben die Grünen in einen kleinen Berliner Hörsaal vor ein spärliches Publikum gepfercht, das auch noch zum Großteil aus Grünen-Anhängern besteht.

"Viele finden Putin toll, weil er es den Amerikanern so richtig zeigt"

Vor ihnen gibt Fischer den gereiften Realpolitiker: Wladimir Putin wirft er "Riesenfehler" vor, mit der Annexion der Krim überreize der russische Präsident die politische und wirtschaftliche Macht seines Landes.

Einige Zeit braucht es, dann ist Fischer auf Betriebstemperatur: Von manchen Deutschen sei er schockiert: "Viele finden Putin toll, weil er es den Amerikanern mal so richtig zeigt". Vieles an dieser "Putin-Versteherei" sei aber schlicht anti-westlich und anti-europäisch.

Als es um die Behauptung geht, der Maidan-Protest sei von Nationalisten gekapert, platzt es aus Fischer heraus: "Wenn einer was von Schwarzen Blöcken versteht, dann bin ich das." Den Gegnern der Ukraine gehe es nur darum, der Revolution ihre Legitimation zu nehmen. Dabei sei Russland wohl kaum ein geeignetes Vorbild für die Ukraine: "Im Gegensatz zu den russischen Präsidentschaftswahlen sind die ukrainischen ein Musterbeispiel für ein demokratisches Prozedere."

Auf großer Bühne würde Fischer mit so viel Zuspitzung wohl Jubel und Pfiffe sammeln, vom Parteibuch-Publikum kommt wenig Widerspruch. Warum die Grünen einen der seltenen Auftritte ihres bis heute bekanntesten Politikers knapp eine Woche vor der Europawahl nicht besser nutzen? Diese Frage beantwortet auch der Welterklärer Fischer an diesem Abend nicht.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 267 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
silverhair 19.05.2014
1. Braucht keinen Job mehr?
Zitat von sysopDPADie Grünen würzen den lahmen Europawahlkampf mit einem Auftritt ihrer Ikone: Joschka Fischer attackiert Wladimir Putin und verteidigt die Maidan-Revolution. Nur bekommt das kaum jemand mit. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/joschka-fischer-attackiert-putin-im-europa-wahlkampf-a-970360.html
Oh, man kann hoffen das Fischer seinen Lehrstuhl in den USA nicht mehr braucht , er könnte sich ab dem 4.Juli da ein paar mehr unangenehme Fragen nach seinem Verständnis zur Amerikanischen Verfassung einstellen. Die USA SIND das Vorbild für alle Separatisten, für Freiheitskämpfer auch gegen ihre Regierungen , und haben mit der http://de.wikipedia.org/wiki/Boston_Tea_Party den Anfang aller Anexionen gegen Regime und Territorien die von Regimen gefordert werden gemacht! Sogar die Verfassung der USA - die Unabhängigkeitserklärung enthält das unverbrüchliche Recht seine "Regierungen abzuwerfen" wenn sie nicht mehr dem Volk dienen! http://de.wikipedia.org/wiki/Unabh%C3%A4ngigkeitserkl%C3%A4rung_der_Vereinigten_Staaten#Pr.C3.A4ambel Kurz, am 4 Juli - dem Independ Day werden 300 Mio Amis die Seperation und Anexion der "Britischen Kolonien" genauso wie bei der Krim und Ost-Ukraine feiern .. und das dürfte vielen dort klar machen, das Fischer sich auf die Seite von Feudalisten und Imperialisten gestellt hat! Schlechte Karten H.Fischer würde ich mal sagen!
ostborn 19.05.2014
2.
Für so primitiv hätte ich Fischer nicht gehalten. Es ist schon eine Zumutung, dass wir die Welt heutzutage unterteilen in Putinversteher und Obamaversteher. Vielleicht kann man auch beide verstehen und die Politik des einen oder anderen nicht gut finden.
no-panic 19.05.2014
3. optional
"Im Gegensatz zu den russischen Präsidentschaftswahlen sind die ukrainischen ein Musterbeispiel für ein demokratisches Prozedere." Warum zweifelt der Westen dann die letzten Wahlen in der Ukraine an und unterstützt so illustre Kandidaten wie Timoschenko und Klitschko? Liegen hier nicht doch europäische und amerikanische Interessen im Vordergrund?
Alias Alias 19.05.2014
4. Wenn es Anti-Europäisch und Anti-Westlich ist,
Vladimir Putin zu verstehen, dann bin ich Anti-Europäisch und Anti-Westlich. Das ist komisch, denn ich träume oft von einer friedlichen Welt. Europa zum Beispiel gefiel mir vor der Finanzkrise ganz gut. Da es aber im Sinne Europas und des Westens zu sein scheint, diese Krise mit Spaltung und Hass zu einem Krieg auszudehnen, der sich nicht mehr nur noch auf den mittleren bis fernen Osten beschränkt, dürfte allerdings weit mehr Menschen klar sein, womit wir es zu tun haben. Das Transatlantische Bündniss ist grundsätzlich nichts falsches. Nur die Führung dieses Bündnisses hat gefährliche Dinge in Planung. Ich bedanke mich bei Putin dafür, dass er ein Gegengewicht darstellt. Sonst brauche ich von ihm ja nicht mehr zu halten, als von Joschka Fischer, Gerhard Schröder oder vorallem den Bushs.
halliburtonium 19.05.2014
5. Herr Fischer....
scheint einer der GANZ wenigen Politiker zu sein, der in dieser Sache den Durchblick behalten hat. Leider, es wird mehrmals im Artikel erwähnt, hat das niemand mitbekommen. So lassen sich die Bürger weiter mit dem Spielchen "Mit Putin zahlen wir's den Amis heim!" einseifen. Wenn das Ergebnis nur nicht so absehbar katastrophal sein würde, könnte man darüber lachen. Könnte...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.