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Joschka Fischers Video für BMW: Vom Weltpolitiker zum Werbeprofi

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"Isch bin beeindruckt": Joschka Fischer wirbt für ein Elektroauto von BMW. Parteifreunde wittern Verrat an grünen Idealen, dabei ist der Ex-Außenminister nur konsequent.

Ex-Außenminister: Fischers Freude am Fahren Fotos
BMW

Hamburg - Der Traum für den ehemaligen Außenminister Joschka Fischer wurde wahr, raunt ein Sprecher aus dem Off. Der Traum glänzt silbern und schwarz, Fischer steigt ein. Der ewige Skeptiker, der einst im Vorlauf des Irak-Kriegs den Amerikanern sein "I am not convinced" entgegenschleuderte, sagt: "Isch bin beeindruckt." Er fährt jetzt BMW.

Joschka Fischer, Grünen-Ikone, wirbt in einem Drei-Minuten-Clip für den Autohersteller. Früher war Fischer auf einem langen Lauf zu sich selbst, heute lobt er den kleinen BMW-Elektroflitzer für die kurzen Strecken in Berlin. Das Video trägt den Titel: "Joschka Fischer und sein neuer BMW i3: VIP Abholung im BMW Werk Leipzig".

BMW freut sich über das Lob eines "Vertreters der grünen Welt". Auch Fischer freut sich. Zumindest erzählt der Werksleiter, er habe beim Außenminister a. D. das "Leuchten in seinen Augen" gesehen, als dieser seinen Wagen abgeholt habe.

Nur die grünen Parteifreunde schäumen, mal wieder, vor Wut über ihren einstigen Übervater. "Joschka demontiert sich vor allem selbst. Idiotisch & unnötig. Und ärgerlich", twittert Anja Schillhaneck, Abgeordnete in Berlin. Theresa Kalmer, Vorsitzende der Grünen Jugend, sagt: "Es ist schade, dass sich Joschka in die erste Reihe für eine Firma stellt, die mit grüner Politik nichts zu tun hat." Fischer helfe BMW beim "Greenwashing", also beim Etikettenschwindel.

Warum die Aufregung? Gut, auch ein Elektroauto ist nur so grün, wie der Strom, mit dem es fährt. Fischer weiß das natürlich. Er, der nach seinem Abgang aus der Politik die "Joschka Fischer Consulting" und dann die "Joschka Fischer & Company" gegründet hat, berät BMW bereits seit Jahren. Auch von RWE, Rewe oder Siemens ließ er sich bezahlen.

Fischer sitzt hinterm Lenkrad, er lacht schelmisch

Und dass es eine seltsame Verquickung von Autoindustrie und Politik gibt, dürfte auch den letzten Basisgrünen nicht überraschen. Immerhin: Fischer wartete zwei Jahre nach seinem Abschied als Minister, bis er seine Beratungsfirma gründete. Aus seiner Zeit als Politiker ist nichts über Verbindungen zur Autoindustrie bekannt. Da gibt es ganz andere Fälle: Daimlers neuer Cheflobbyist kommt direkt aus dem Kanzleramt, die BMW-Eignerfamilie Quandt überweist nach der Bundestagswahl großzügig Spenden, der oberste Lobbyist der Autoindustrie war mal CDU-Verkehrsminister.

Das Schaudrig-Schöne in Fischers Fall: Nie konnte man dem politisch-motorischen Komplex so direkt zuschauen. Wir werden Zeugen, wie ein ehemaliger Außenminister bei BMW einsteigt, das wunderbare Fahrgefühl lobt, sich hinterm Lenkrad fotografieren lässt. Das muss die Transparenz sein, die Lobbyismus-Kritiker seit langem fordern.

Und Fischer gebührt auch Respekt dafür, wie er den Weg von der Politik in die Wirtschaft konsequent zu Ende geht: Er ist jetzt Werbefigur. Beim alten Gefährten Gerhard Schröder kann man nur ahnen, was er für Gazprom macht. Fischer hingegen, der Ex-Sponti, ist schon ganz PR-Profi.

In seinem Monolog hinterm Lenkrad spricht er nicht von einem neuen Modell oder von neuer Technik. Der Revoluzzer sitzt am Steuer einer Revolution. "Es ist das erste Auto, das völlig neu von Grund auf geplant und auch realisiert wurde. Es ist das erste Auto des 21. Jahrhunderts, das seine Wurzeln kaum noch im 20. Jahr hat." Das "hundert" verschluckt er, schiebt dafür aber hinterher: "Und dann noch Spaß macht!" In der Tat: Man sieht Fischer im Filmchen immer wieder schelmisch lachen.

Fischer, der erste Rock'n'Roller der Energiewende. Sein privates Engagement ist natürlich politisch. "Es ist ein Statement!", brummt Fischer und reckt den Zeigefinger hinterm Lenkrad in die Luft.

Und der Außenminister a. D. übt auf dem vorläufigen Höhepunkt seines Wechsels in die Wirtschaft weiter ur-grünen Verzicht: "Ich fahr nicht pro Tag mehr als 100 Kilometer", sagt er, "ich brauch da keinen so großen Wagen wie den 5er."

Hier sehen Sie den Werbefilm (Mobilnutzer klicken hier):

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insgesamt 174 Beiträge
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1. Sehe ich auch so...
_unwissender 02.12.2013
Zitat von sysopBMW"Isch bin beeindruckt": Joschka Fischer wirbt für ein Elektroauto von BMW. Parteifreunde wittern Verrat an grünen Idealen, dabei ist der Ex-Außenminister nur konsequent. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/joschka-fischers-video-fuer-bmw-vom-weltpolitiker-zum-werbeprofi-a-936787.html
Dieser Minister hat - wie selten ein anderer - seine Käuflichkeit gut zu Markte getragen. Ich finde das auch: nur konsequent (im Sinne von folgerichtig).
2. Wieso regen sich sein Parteikollegen auf?
romanfi 02.12.2013
Solang er keinen unsaubereren Strom als unseren Strommix tankt ist das Auto doch in Ordnung? Ach, weil er Werbung macht? Sidn wir denn keien soziale Marktwirtschaft? Solange er im Spot nicht luegt, er dadurch nicht beeinflussbar oder kaeuflich wird, ist fuer mich auch Webung in Ordnung, zumindest im Grenzen.
3. Wie viel hat er netto für das Auto bezahlt ?
Akkin 02.12.2013
Würde mich mal interessieren, wieviel bekam er für seinen Werbeauftritt `?
4. Na und!!!
Palmstroem 02.12.2013
Zitat von sysopBMW"Isch bin beeindruckt": Joschka Fischer wirbt für ein Elektroauto von BMW. Parteifreunde wittern Verrat an grünen Idealen, dabei ist der Ex-Außenminister nur konsequent. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/joschka-fischers-video-fuer-bmw-vom-weltpolitiker-zum-werbeprofi-a-936787.html
Riester kassiert bei Maschmeyer, Müller bei der RAG, Schröder bei Gazprom, Koch bei Biflinger, Beck bei der Pharmaindustrie, Fischer nun auch bei BMW - aber vor Gericht hat man Christian Wulff gezerrt - wegen vermuteten 680€, einem Rinderbraten, zwei Brez´l und ein paar Radieschen!
5. Ist doch ok!
omguruji 02.12.2013
Nicht alle Grüne fahren öffentliche Verkehrsmittel. Und Rad bei Eis und Schnee ist auch schwierig. Für seine Figur war das Jogging besser..
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