Von Johannes Korge, Kiel
Immerhin sind die Plakate in der Kieler Arena schön bunt. Auch die Outfits der Coverband, die die 5000 CDU-Fans mit Abba-Songs warmschunkeln soll, haben es in sich. Und dann ist da ja noch die Frau in Lila. Angela Merkel ist gekommen, mit viel gutem Willen passt ihr Blazer zu Jost de Jagers Krawatte. Die Kanzlerin müht sich redlich, dem Kick-off für die heiße Wahlkampfphase den dringend nötigen Glanz zu verpassen. Denn die CDU geht mit einem Kandidaten in die Landtagswahl, der jeden Farbtupfer gut gebrauchen kann.
Jost de Jager, Minister für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr, soll Peter Harry Carstensen am 6. Mai als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein nachfolgen. "Und das werden wir gemeinsam wuppen", ist sich Angela Merkel in ihren Begrüßungsworten an das Kieler Publikum sicher. Man kenne sich zwar noch nicht so lange - aber sie habe de Jager als "tollen Typen" schätzen gelernt. Als einen, "der klare Ansagen macht".
Im vergangenen Winter sah es so aus, als würde sich Merkel noch ausführlich mit de Jager - und der Nord-CDU überhaupt - befassen müssen. Schließlich war der Urnengang in Schleswig-Holstein als einzige Landtagswahl des Jahres 2012 terminiert. Und damit automatisch ein wichtiger Stimmungstest. Inzwischen haben sich die Vorzeichen geändert. Die Wahl im Norden ist zu einem besseren Aufwärmprogramm für Nordrhein-Westfalen degradiert, und die Gedanken Merkels dürften mehr um Düsseldorf als um Kiel kreisen. Weniger Rampenlicht also für de Jager.
In drei Worten fasst der Spitzenkandidat kurz darauf zusammen, wie er sich CDU-Politik im Norden vorstellt: "Ehrlich, gradlinig, bodenständig". Worte, mit denen auch der de Jager selbst umrissen werden könnte - wenn man ihm wohlgesonnen ist. Böse Zunge unterstellen dagegen Blässe und Nüchternheit. Er ist damit quasi der Gegenentwurf zum Kumpeltyp Carstensen.
Eigentlich hatte sich die Nord-CDU, genauer Chef Carstensen, ein ganz anderes Kaliber für die Nachfolge an der Parteispitze ausgeguckt: Christian von Boetticher. Mit allen Sylter Wassern gewaschen, irgendwo zwischen adligem Großgrundbesitzer und Champagner-Schlürfer zu verorten, schien dessen Karriere als Kronprinz minutiös durchgeplant. Dann wurde von Boettichers Liebesbeziehung zu einer damals 16-Jährigen bekannt - und seine CDU-Laufbahn verrauchte binnen weniger Tage. Also kam Jost de Jager.
Es ist eine steile Karriere für einen Mann, der eigentlich gar nicht unbedingt Politiker werden wollte. "Mein Berufswunsch war immer Journalist, eine entsprechende Ausbildung habe ich auch. Und ich hatte nicht vor, danach sofort in die Politik zu gehen. Das ist dann einfach so gekommen", sagt de Jager. Dann sei er nach dem Volontariat eben dabei geblieben.
Die Nominierung als möglicher Ministerpräsident kam gerade noch rechtzeitig. Denn kurz vor dem wohl wichtigsten Wendepunkt seiner politischen Laufbahn, war de Jager schon kurz davor, alles hinzuwerfen. Ein Job in der Wirtschaft schien ihm im Sommer 2011 verlockender als die Arbeit in Plenarsälen und Ausschüssen. Dann platzte die Boetticher-Bombe und de Jager erlebte statt seinem Ausstieg den rasanten Aufstieg.
Die große Frage: Wo bleibt de Jager?
Wenige Tage nach der Kanzlerinnen-Gala in der Sportarena: Im Kieler Landtag soll diskutiert werden - und Jost de Jager kommt zu spät. Ein Plenarsaal voller Jugendlicher wartet auf den CDU-Mann. Zuvor haben sich bereits die anderen Spitzenkandidaten mit den Siegern eines Debatier-Wettbewerbs über Themen wie die Frauenquote oder Urheberrecht im Internet gestritten. Es ist ein Schaulaufen der Politiker vor den Wählern von morgen.
De Jager soll über die Schuldenbremse für das nördlichste Bundesland sprechen. Es ist eins seiner Lieblingsthemen in diesem Wahlkampf, vermutlich kann er die Argumente für oder gegen einen harten Haushaltskurs im Schlaf runterbeten. Doch dazu muss er sich erst einmal blicken lassen in dem verglasten Saal mit Aussicht auf die Kieler Förde.
Dann rauscht eine schwere Limousine vor dem Tor heran, de Jager hastet vom Beifahrersitz direkt an das Rednerpult. Ganz sicher scheint er sich über das Diskussionsformat - mit festgelegten Redezeiten und einer erbarmungslosen Glocke bei Zeitüberschreitung - noch nicht zu sein. Aber das Thema, das ruft er dem Publikum gut gelaunt zu, das kenne er. Im übrigen komme er gerade aus Pinneberg, und die Autobahn sei voll gewesen.
Die Botschaft ist klar: Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit
Dann legt er los, es sind die bekannten Botschaften: Die von der Neuverschuldung, die die SPD raufschrauben, seine Partei aber lieber auf null senken würde ("Eine Zukunft auf Pump gibt es nicht"). Die von den schmerzhaften Einschnitten, die das bedeuten dürfte. Und immer wieder die Botschaft von der Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit.
In den Umfragen liegen seine Christdemokraten derzeit beinahe gleichauf mit der SPD. Selbst wenn - und es ist ein großes "wenn" - die FDP den Sprung in den Landtag packen sollte, taugt der aktuelle kaum als zukünftiger Koalitionspartner. Wohlweislich hat de Jager bisher auch kaum eine mögliche Regierungskonstellation ausgeschlossen. Eine Große Koalition wäre genauso denkbar wie eine schwarz-grünes Bündnis, wie es es zuletzt bei den Nachbarn aus Hamburg gegeben hat.
De Jager dürfte alles lieber sein als die "Dänen-Ampel", das Bündnis aus SPD, Grünen und Südschleswigschem Wählerverband (SSW). Die Partei der Dänen und Friesen ist von der Fünfprozenthürde ausgenommen und hat sich im Vorfeld bereits in Richtung Rot-Grün positioniert.
Es wird also spannend am Abend des 6. Mai in Kiel. Spätestens dann muss auch der blasse de Jager Farbe bekennen.
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