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Antisemitismus in Deutschland: Wie oft werden Juden Opfer von Straftaten?

Jungen mit Kippot (in der Hamburger Talmud Tora Schule): Kopfbedeckung mit Symbolkraft Zur Großansicht
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Jungen mit Kippot (in der Hamburger Talmud Tora Schule): Kopfbedeckung mit Symbolkraft

Der Zentralrat warnt die deutschen Juden vor dem Tragen der Kippa in Vierteln mit vielen Muslimen. Doch wie ist die Lage in Deutschland generell? Wie steht es um antisemitische Ressentiments? Ein Überblick.

Was ist eine Kippa?

Das im Jiddischen Kappel (aus dem Deutschen) oder Jamulke (aus dem Slawischen) genannte Käppchen ist ein Zeichen gläubiger und praktizierender Juden. Es handelt sich dabei um eine den Hinterkopf bedeckende flache Kopfbedeckung aus Stoff oder Leder, die häufig mit einer Spange an den Haaren befestigt wird. Sie wird zumeist von männlichen, zuweilen aber auch von weiblichen Juden getragen.

Das Gebot, den Kopf zu bedecken, geht ursprünglich weder auf ein biblisches Gebot zurück noch aus dem Talmud hervor. Der Brauch verbreitete sich erst im 16. und 17. Jahrhundert, ist heute aber die bekannteste jüdische Sitte. Die Kippa signalisiert Gottesfurcht und wird üblicherweise beim Gebet, in der Synagoge oder auf jüdischen Friedhöfen getragen.

Viele Juden nutzen die Kippa aber auch im Alltag, um sich öffentlich zu ihrem Glauben zu bekennen. Je nach Strenge der Religionsausübung kann die Kippa schwarz, aber auch bunt und reich verziert sein.

Nun warnt der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster, davor, die Kippa in bestimmten Gegenden zu tragen. Die Frage sei, "ob es tatsächlich sinnvoll ist, sich in Problemvierteln, in Vierteln mit einem hohen muslimischen Anteil, als Jude durch das Tragen der Kippa zu erkennen zu geben".

Wie viele Juden leben in Deutschland?

Genau lässt sich das kaum beziffern. Statistisch erfasst werden lediglich die Mitglieder in jüdischen Gemeinden. Im Jahr 2013 waren das 101.338 Menschen. Die Zahl ist seit ihrem Höchststand im Jahr 2005 (108.289) kontinuierlich rückläufig. Dennoch haben die Gemeinden heute wesentlich mehr Mitglieder als noch 1990. Damals betrug deren Anzahl nur rund 29.000.

Der Anstieg hat ursächlich mit der Zuwanderung von Juden aus der Ex-Sowjetunion zu tun. Zwischen 1991 und 2004 zogen fast 220.000 Menschen jüdischen Glaubens aus diesen Ländern in die Bundesrepublik. Keine Daten gibt es über die Anzahl von Menschen jüdischen Glaubens, die keiner Gemeinde angehören.

Wo leben die meisten Juden in der Bundesrepublik?

Ein Hinweis darauf liefert wiederum die Anzahl der Mitglieder in den 108 jüdischen Gemeinden in Deutschland. Mit 12.000 Mitgliedern liegt Berlin ganz vorn, gefolgt von München (9500) und Düsseldorf (7000). Die überwiegende Mehrheit der Gemeinden hat dagegen nur einige Hundert Mitglieder.

Erfasst wird zudem ein Teil der nach Deutschland zugewanderten Israelis. 2014 waren etwa 12.000 gemeldet, davon 3600 in der Hauptstadt. Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl von Israelis in Berlin deutlich höher liegt. Die israelische Botschaft geht von 15.000 bis 20.000 aus.

Wie stark sind antisemitische Vorurteile verbreitet?

Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2012 kommt zu dem Ergebnis, dass etwa jeder sechste Deutsche keine Scheu hat, antisemitischen Vorurteilen zuzustimmen.

Juden werden von vielen als "Fremde" betrachtet. Der Aussage "Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns" stimmten 38,8 Prozent "teilweise", "überwiegend" oder sogar "voll und ganz" zu.

Auch das antisemitische Stereotyp vom reichen und mächtigen Juden erfreut sich weiterhin großer Beliebtheit: Nur eine knappe Mehrheit von 55,7 Prozent lehnt die Aussage "Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß" voll oder überwiegend ab. Fast 20 Prozent stimmten der Aussage dagegen überwiegend oder voll und ganz zu

Wie oft werden Juden Opfer antisemitischer Straftaten?

2014 ist die offiziell registrierte Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland um rund zehn Prozent auf 864 Fälle gestiegen. Das berichtet die Amadeu Antonio Stiftung, die sich auf bislang noch nicht veröffentlichte Zahlen der Bundesregierung bezieht. Eine ähnlich hohe Zahl antisemitischer Taten gab es zuletzt 2008.

Im Jahr 2013 wurden nach dieser Zählung, die jeweils Ende Januar vorliegt, noch 788 Fälle registriert. Davon gehen 753 Fälle auf das Konto politisch rechts motivierter Täter. Propagandadelikte machten den größten Anteil der Fälle aus, bei weniger als fünf Prozent der Taten handelt es sich um Gewaltdelikte (32 Fälle).

Die tatsächliche Anzahl der Straftaten liegt jedoch noch deutlich höher. Das liegt daran, dass viele Fälle von den Ermittlungsbehörden erst nachträglich gemeldet werden. So gibt das Bundesministerium des Inneren die Gesamtzahl der antisemitischen Straftaten für das Jahr 2013 sogar mit 1275 an, darunter 51 Gewalttaten. Die endgültigen Zahlen für 2014 dürften nach den vorläufigen Zählungen darüber liegen.

Wie verlässlich sind diese Zahlen?

Natürlich gibt es eine hohe Dunkelziffer. Der Projektleiter der Amadeu Antonio Stiftung, Jan Riebe, sagt dazu: "Viele Straftaten werden nicht angezeigt, was auch an der sehr niedrigen Aufklärungsquote liegt."

Dass es nicht immer gleich eine Straftat braucht, um das Leben der jüdischen Mitbürger empfindlich zu belasten, zeigt ein Experiment aus Frankreich. Dort lief ein Journalist mit einer Kippa zehn Stunden lang durch verschiedene Viertel von Paris. Dabei musste er zum Teil wüste Beschimpfungen hinnehmen, wie der folgende YouTube-Clip belegt.

epe

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Wir sind ein säkularer Staat -
hugahuga 26.02.2015
und wenn man Einsicht darin hat, dass bei uns Religion etwas ist, das vorrangig die Privatangelegenheit eines jeden sein sollte, dann - so meine Meinung - sollte man auch nicht durch das öffentliche Tragen religiöser Symbole (Kipa oder Burka) die anderen Mitbürger brüskieren. Wer glaubt, dass ein Zusammenleben unterschiedlichster Glaubensrichtungen wünschenswert und machbar ist, der sollte auf diese Art des ,Andersseins' (was ja automatisch zur Ausgrenzung führt) verzichten.
2. Kippa
karend 26.02.2015
In einem anderen Artikel sagt einer, dass er keine Kippa trägt, um niemanden zu provozieren. Es ist traurig, dass es möglich ist, ein Kopftuch zu tragen, nicht aber die Kippa. Wie kann das Bild alltäglich werden, wenn jetzt zum Ablegen der Bedeckung geraten wird? Nachdenklich stimmt auch die Zunahme der antisemitischen Delikte. Bewohner der "Problemviertel" (wie es im Artikel heißt) sollten nicht nur Toleranz fordern, sondern auch tolerant sein.
3.
Atheist_Crusader 26.02.2015
Zitat von hugahugaund wenn man Einsicht darin hat, dass bei uns Religion etwas ist, das vorrangig die Privatangelegenheit eines jeden sein sollte, dann - so meine Meinung - sollte man auch nicht durch das öffentliche Tragen religiöser Symbole (Kipa oder Burka) die anderen Mitbürger brüskieren. Wer glaubt, dass ein Zusammenleben unterschiedlichster Glaubensrichtungen wünschenswert und machbar ist, der sollte auf diese Art des ,Andersseins' (was ja automatisch zur Ausgrenzung führt) verzichten.
1. Das kann man nun wirklich nicht gleichsetzen. Eine Kippa ist einfach nur eine Kopfbedeckung, eine Burka erlaubt einer Verschleierung der eigenen Identität. Und wir sind eine Kultur, die Ihrem Gegenüber gerne ins Gesicht blickt. Mit Kippa geht das, ebenso wie mit Kopftuch. Mit einer Burka nicht. 2. Brüskieren? Wie labil muss man denn sein, dass man sich von sowas brüskiert fühlt? Andere Leute fühlen sich von Death-Metal-T-Shirts oder Tätowierungen brüskiert. Darf die dann auch keiner mehr tragen? Es gibt kein Recht, sich nicht brüskiert zu fühlen.
4.
OskarVernon 26.02.2015
Zitat von hugahugaund wenn man Einsicht darin hat, dass bei uns Religion etwas ist, das vorrangig die Privatangelegenheit eines jeden sein sollte, dann - so meine Meinung - sollte man auch nicht durch das öffentliche Tragen religiöser Symbole (Kipa oder Burka) die anderen Mitbürger brüskieren. Wer glaubt, dass ein Zusammenleben unterschiedlichster Glaubensrichtungen wünschenswert und machbar ist, der sollte auf diese Art des ,Andersseins' (was ja automatisch zur Ausgrenzung führt) verzichten.
Ganz dünnes Eis: Dass Äußerlichkeiten verschiedenster Art dazu dienen, Weltanschauung oder Lebenseinstellung zu zeigen ist ja keineswegs auf anerkannte Religionen beschränkt - manche sollen ja sogar auffallen und gar provozieren. Mit welchem Recht sollte etwa ein Punker das dürfen, ein Jude oder sonst irgendjemand aber nicht? Wenn Sie Ihren Gedankengang zu Ende führen, landen Sie bei Uniform und Einheitsfrisur - halten Sie *das* wirklich für erstrebenswert...?
5. Lustig...
fatherted98 26.02.2015
Zitat von hugahugaund wenn man Einsicht darin hat, dass bei uns Religion etwas ist, das vorrangig die Privatangelegenheit eines jeden sein sollte, dann - so meine Meinung - sollte man auch nicht durch das öffentliche Tragen religiöser Symbole (Kipa oder Burka) die anderen Mitbürger brüskieren. Wer glaubt, dass ein Zusammenleben unterschiedlichster Glaubensrichtungen wünschenswert und machbar ist, der sollte auf diese Art des ,Andersseins' (was ja automatisch zur Ausgrenzung führt) verzichten.
...wenn man Ihrer These folgen wuerde, wuerden wir alle wohl am besten im Mao Drillich durch die Gegend laufen. Individualitaet ist das Grundprinzip der Demokratie...die Leute koennen rumlaufen wie sie wollen....nackt oder voll verhuellt...keiner hat das Recht in einem Rechtsstaat sie deshalb anzugreifen.
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