Judenschmähung im Nazi-Reich Mit Schildern als "Rassenschänder" gebrandmarkt

Im Nazi-Regime war es Alltag, dass Menschen wegen Kontakten zu Juden Plakate mit Nazi-Parolen tragen mussten. Der Historiker Klaus Hesse erklärt bei SPIEGEL ONLINE, welches System hinter den antisemitischen Hetzkampagnen steckte.


Wer nach 1933 einen Juden oder eine Jüdin liebte oder trotz Boykottaufrufen in jüdischen Geschäften einkaufte, der wurde im Dritten Reich häufig als "Rassenschänder" gebrandmarkt. Den Spruch "Ich bin im Ort das größte Schwein, ich lasse mich nur mit Juden ein", mit dem gestern in Sachsen-Anhalt ein Jugendlicher über einen Schulhof laufen musste - solche oder ähnliche Hetzparolen-Plakate mussten nach der Machtergreifung der Nazis 1933 viele Menschen tragen.

Sichergestelltes Schild aus der Schule in Sachsen-Anhalt: "Im Rausch der Machtergreifung 1933 viele solche Vorfälle"
DDP

Sichergestelltes Schild aus der Schule in Sachsen-Anhalt: "Im Rausch der Machtergreifung 1933 viele solche Vorfälle"

Der Historiker Klaus Hesse, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Berliner Dokumentationszentrums "Topographie des Terrors", unterteilt diese Aktionen in drei Phasen. Erst habe es im Winter 1933 "im Rausch der Machtergreifung viele Vorfälle gegeben, bei denen auf örtlicher oder individueller Ebene Menschen solche Schilder tragen mussten".

In der zweiten Phase habe die NSDAP in Vorbereitung auf die Nürnberger Gesetze 1935 eine umfangreiche Kampagne gegen jüdische Deutsche organisiert - "im Grunde zur Wegbereitung", sagt Hesse. Zum Symbol dieser Zeit wurde das Bild eines jüdischen Cuxhavener Kinobesitzers und dessen angeblicher Partnerin, aufgenommen im Sommer 1933 vermutlich von einem SA-Mann oder einem örtlichen Fotografen. Es wurde in den vergangenen Jahrzehnten häufig in Ausstellungen und Bildbänden verwendet.

Die Frau musste ein Schild tragen mit der jetzt wieder verwendeten Parole: "Ich bin am Ort das größte Schwein und laß mich nur mit Juden ein". Dem jüdischen Geschäftsmann wurde ein Schild umgehängt mit der Aufschrift: "Ich nehm als Judenjunge immer nur deutsche Mädchen mit aufs Zimmer!" Um das Paar herum standen SA-Männer.

Frauen wurden öffentlich die Haare geschoren

Das Fotografieren solcher öffentlicher Demütigungen sei oft Bestandteil dieser häufigen antijüdischen Aktionen gewesen, sagt Hesse.

Die dritte Phase solcher und ähnlicher Demütigungen datiert der Historiker auf den Anfang des Zweiten Weltkrieges. "In den Jahren 1940 bis 1941 erwartete man Hunderttausende Kriegsgefangene und wollte deutschen Frauen einschärfen, dass jeglicher Kontakt tabu ist und schärfstens sanktioniert wird."

Frauen, die einer Liebschaft mit russischen oder polnischen Gefangenen oder Zwangsarbeitern verdächtigt wurden, bekamen öffentlich die Haare geschoren. Sie mussten mit demütigenden Schildern durch den Ort laufen, die sie der "Rassenschande" oder eines Vergehens gegen "die Volksgemeinschaft" beschuldigten. "Da war auch eine starke sexistische Komponente dabei", sagt Hesse. Auch in Österreich seien solche Brandmarkungen phasenweise Alltag gewesen.

Waren die Aktionen Grausamkeiten aus der Mitte der Bevölkerung - oder eine verordnete NSDAP-Strategie? Hesse: "Ich schätze, dass der größte Teil dieser Vorfälle auf Initiative der NSDAP, der SS, der SA oder anderer Parteigliederungen zurückging." Der Rest sei Nachahmung oder Beteiligung von privater Seite gewesen. "So etwas passiert nicht ohne Zuschauer und macht ohne öffentliche Bühne keinen Sinn." Im Archiv des antisemitischen Nazi-Hetzblattes "Der Stürmer", das heute im Stadtarchiv Nürnberg verwahrt wird, sind zahlreiche Fotos, die derlei Demütigungen dokumentieren.

Durch Loyalität und Treue gerettet

Welche Beziehungen und Ehen waren im Hitler-Regime angefeindet? Die Gestapo habe als Hauptverfolgungsbehörde ständig versucht, den Druck zu verschärfen und jüdische Partner in "Mischehe" in die Verfolgung einzubeziehen, sagt Hesse. "Aber auf der Rechtsebene blieben bestimmte Ehen als 'privilegierte Mischehen' geschützt." Als solche galten die Ehen jüdischer Männer mit nicht-jüdischen Frauen, wenn sie Kinder hatten. Denn Kinder aus diesen Beziehungen traten häufig zum Christentum über. "Privilegierte Mischehen" waren aber auch jene, in denen der männliche Partner "arisch" war. Ob die Eheleute Kinder hatten, war dabei irrelevant. Als "nichtprivilegiert" wurden kinderlose "Mischehen" mit einem jüdischen Ehemann angesehen.

"Der politische Verfolgungsdruck war aber auch für Menschen in sogenannten 'privilegierten' Beziehungen über viele Jahre hinweg ganz enorm hoch", sagt Hesse. "Insgesamt sank die Zahl der noch aufrecht erhaltenen 'Mischehen' vor allem seit Ende der dreißiger Jahre zwar sehr stark."

Trotzdem haben "einige wenige Tausend Juden in Deutschland durch Loyalität und Treue ihrer nicht-jüdischen Ehepartner überlebt". Dahinter habe auch eine politisch-psychologische Komponente gestanden: Mehrere Tausend nicht-jüdische Deutsche seien mit jüdischen Deutschen verheiratet gewesen. "Bei einem staatlich-polizeilichen massiven Eingriff in diese Ehen wären Tausende 'Arier' direkt involviert gewesen - was die auf Entsolidarisierung angelegte Ausgrenzung jüdischer Menschen in diesen Fällen deutlich erschwert hätte."



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