Jürgen Trittin "Bei den Grünen beginnt eine neue Zeitrechnung"

Wäre der Realo Robert Habeck ein guter Chef? Vor dem Parteitag am Wochenende spricht der Parteilinke Jürgen Trittin über die künftige Grünen-Spitze, Flügelkämpfe und die Intelligenz von Bienen.

Jürgen Trittin
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SPIEGEL ONLINE: Die SPD verhandelt mit der Union über eine Koalition. Damit ist die Hoffnung der Grünen, doch noch zu regieren, endgültig passé. Sind Sie enttäuscht?

Jürgen Trittin: Jamaika wäre für das Land besser gewesen. Da gilt jetzt aber Hätte-hätte-Fahrradkette. Ich habe nun mit der Zustimmung des SPD-Parteitags gerechnet, überraschend war eher, wie knapp das Votum war. Für uns Grüne gilt: Wir hatten nach der Wahl - obwohl wir unsere eigenen Wahlziele nicht erreicht hatten - eine Option auf die Regierung. Diese Option wurde von FDP-Chef Christian Lindner beendet. Jetzt ist klar: Wir sind die kleinste Oppositionsfraktion, aber die einzige ökologische und progressive linke Kraft. Das ist eine höchst unbequeme Lage, und es wird nicht einfach, sich bis 2021 neu aufzustellen. Also sollten wir uns auf unsere Rolle als Opposition konzentrieren und aufhören, Regierung im Wartestand zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Ende der Woche wählen die Grünen eine neue Parteispitze. Mit Robert Habeck und Annalena Baerbock kandidieren zwei Vertreter des Realo-Flügels für den Vorsitz. Wären die beiden das richtige Personal für einen solchen Neuanfang - auch für einen Parteilinken wie Sie?

Trittin: Es tritt ja auch Anja Piel an. Wir Niedersachsen unterstützen sie.

Zur Person
  • Jürgen Trittin, Jahrgang 1954, ist Grünen-Bundestagsabgeordneter und Experte für Außenpolitik. Er war Spitzenkandidat seiner Partei im Bundestagswahlkampf 2013 und führte die Fraktion von 2009 bis 2013. Von 1998 bis 2005 war Trittin unter Rot-Grün Bundesumweltminister, zuvor unter anderem Landesminister in Niedersachsen und Chef der Bundes-Grünen. Trittin gehört dem linken Flügel seiner Partei an und gilt als einer dessen bekanntester Vertreter. Trittin gehörte zum Sondierungsteam der Grünen bei den Jamaika-Gesprächen.

SPIEGEL ONLINE: Die Parteilinke Piel ist bundesweit kaum bekannt. Ist der linke Flügel zu schwach, um starke Kandidaten hervorzubringen?

Trittin: Erstens: Anja Piel ist eine starke Kandidatin. Dass Rot-Grün fünf Jahre in Niedersachsen erfolgreich regiert und zusammengehalten hat, ist vor allem ihr Verdienst. Und bei der Automobilpolitik zum Beispiel macht ihr niemand so schnell etwas vor. Den Bekanntheitsgrad dürfte sie mit Annalena Baerbock gemein haben. Zweitens: Es gab ja auch linke Vertreter, die gesagt haben, wenn Robert Habeck antritt, verzichten sie. Es gibt keine Intrige gegen den linken Flügel. Gewählt werden kann nur, wer antritt.

SPIEGEL ONLINE. Habeck möchte für mehrere Monate Umweltminister in Schleswig-Holstein bleiben und gleichzeitig Parteichef sein - das widerspricht der Trennung von Amt und Mandat, oder in diesem Fall zweier Ämter, die zur DNA der Grünen gehört. Für eine entsprechende Satzungsänderung braucht er eine Zweidrittelmehrheit auf dem Parteitag. Stimmen Sie dafür?

Trittin: Es geht um einen Übergang. Es geht darum, ob Robert Habeck vor oder nach der Sommerpause als Minister zurücktritt. Deshalb bin ich froh, dass eine mögliche Urabstimmung zur Gewährung dieser Übergangsfrist - also die Frage Juni oder Oktober - verhindert wurde. Ein entsprechender Antrag für den Parteitag wurde gerade zurückgezogen. Das wäre wirklich der größte Schwachsinn gewesen. Dann hätten sich die Grünen in den nächsten zwei Monaten nur mit sich selbst beschäftigt. Auf der anderen Seite ist es doch so: Von dem Tag an, an dem Robert Habeck als Parteichef gewählt ist, ist er in Schleswig-Holstein eine "lame duck", ein Minister auf Abschiedstour. Es ist also gerade nicht in seinem Interesse, die Sache unendlich in die Länge zu ziehen und am Ende nach zermürbenden Monaten abzutreten.

SPIEGEL ONLINE. Warum ist Habeck der richtige Mann an der Parteispitze?

Trittin: Robert Habeck will es machen. Er will etwas bewegen. Und er will einen starken Vorstand.

SPIEGEL ONLINE Das ist kein überschwängliches Lob.

Trittin: Aber ich traue Robert Habeck zu, diese Partei als eine progressive ökologische, linke Kraft neu zu profilieren. Er ist einer unserer erfolgreichsten Umweltminister. Der Mann hat mehr Stromleitungen rechtskräftig gebaut, als Horst Seehofer je verhindern wird.

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Grünen-Personal: Kampf um die Parteispitze

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht an der Zeit, dass die Grünen die Flügellogik überwinden, nach der sich Realos und Linke wichtige Posten immer genau teilen?

Trittin: Es gibt keine gesellschaftliche Großorganisation, keine Partei, in der Flügel keine Rolle spielen. Richtig ist aber auch: Innerhalb der Partei fühlen sich viele keinem Flügel zugehörig. Das ist auch gut so, denn es führt dazu, dass die Flügel versuchen müssen, die Mitte der Partei, den Körper und den Kopf quasi, zu überzeugen und in eine Richtung zu führen.

SPIEGEL ONLINE: Also doch mehr Mitte wagen?

Trittin: Wir müssen immer zu gemeinsamen Entscheidungen kommen, aber das können wir nicht von oben herab bestimmen. Meine Erfahrung ist: Wenn jemand sagt, wir müssen die Flügel überwinden, werden die Flügelkämpfe danach umso verbitterter geführt.

SPIEGEL ONLINE: Aber das grüne Gesetz der doppelten Doppelspitze - Mann-Frau, Linke-Realos - hat teils absurde Folgen: Für den bundesweit populärsten Grünen, Cem Özdemir, ist zum Beispiel kein Platz mehr in der ersten Reihe.

Trittin: Mit Flügellogik hat das in dem Fall eher nicht viel zu tun. Er hat selbst entschieden, nicht mehr als Parteivorsitzender anzutreten und auch nicht als Fraktionsvorsitzender, weil er offenbar keine Chancen für sich gesehen hat.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das so?

Trittin: Das müssen Sie ihn fragen.

SPIEGEL ONLINE: "Jede Biene soll wissen, dass die Grünen sich für sie einsetzen." So sagt es Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Ist das der richtige Ton, um als kleinste Fraktion im Bundestag künftig durchzudringen?

Trittin: Biologisch würde ich die intellektuelle Kapazität der Biene nicht so hoch einschätzen. Aber ansonsten hat Katrin Göring-Eckardt etwas sehr Richtiges angesprochen: Dass wir Grünen die einzige Partei sind, die dieses Thema - nämlich das Insektensterben und seine fatalen Konsequenzen für den Menschen und unsere Ernährung - erkannt hat. Dies hat nichts mit Biene Maja und dem doofen Willi zu tun. Es führt direkt in einen Konflikt mit Bayer und BASF, mit der chemischen Industrie. Hier geht es um knallharte Industriepolitik.

SPIEGEL ONLINE: Offenbar dringen Sie mit Ihrer Botschaft nicht durch. Die Menschen machen sich eher Sorgen um die Flüchtlingspolitik als um das Bienensterben oder den Klimawandel.

Trittin: Wir sind doch längst durchgedrungen. Auch Union und SPD haben sich den Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben. Allerdings belassen sie es bei verbalen Bekenntnissen. Eines der wenigen positiven Ergebnisse der gescheiterten Jamaika-Sondierungen ist doch, dass sehr deutlich geworden ist, dass die Grünen die Einzigen sind, die wirklich bereit sind, den Klimaschutz voranzutreiben. Ich denke, auch deswegen sind die Umfragewerte der Grünen seit dem Wahltag gestiegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange geben Sie einer neuen Großen Koalition?

Trittin: Das hängt von den Machtkämpfen in der Union ab. Fakt ist: Das wird die kleinste Große Koalition aller Zeiten - mit drei Parteichefs, die alle einen KW-Vermerk haben: "künftig wegfallend". Es gibt in der Union viele Kräfte, die sich etwas davon versprechen, das Ganze frühzeitig zu beenden. Die Boygroup um Jens Spahn und Alexander Dobrindt ist ja offenkundig sehr ungeduldig.

SPIEGEL ONLINE: Sollte es vor 2021 zu Neuwahlen kommen: Wie lange gilt noch, dass die Spitzenkandidaten dann wieder Cem Özdemir und Göring-Eckardt heißen?

Trittin. Das müssen Sie ab Montag die beiden neuen Vorsitzenden fragen. Nach der Neuwahl des Bundesvorstands am Sonntag beginnt bei den Grünen eine neue Zeitrechnung.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Rolle spielen Sie in dieser neuen Zeitrechnung?

Trittin: Eine konstruktive. Ich freue mich darauf, weiter im Auswärtigen Ausschuss zu arbeiten und meine Region um Göttingen zu vertreten.

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Seite 1
lumpazivagabundus2017 24.01.2018
1. Trick 17
Rechts blinken, dann links abbiegen. Habeck, Özdemir und Kretschmann an die Front. Danach ziehen Roth und vor allem Trittin im Hintergrund die Fäden. Das hat schon bei der SPD nicht geklappt, das klappt auch bei den Grünen nicht. Das merkt selbst der ökologisch verdummteste Wähler.
spmc-125536125024537 24.01.2018
2. Er kann einfach nicht aus seiner Haut
ich nehme ihm nicht ab, dass ihn die Bienen kümmern. Hier spricht der Altlinke, der Feind ist immer noch die Großindustrie. Das aktuelle politische Führungspersonal wird verächtlich gemacht (KW Vermerk), der Nachwuchs diskreditiert (boygroup), Alt 68er Lagerdenken halt, er ist ein Auslaufmodell
muellerthomas 24.01.2018
3.
Zitat von lumpazivagabundus2017Rechts blinken, dann links abbiegen. Habeck, Özdemir und Kretschmann an die Front. Danach ziehen Roth und vor allem Trittin im Hintergrund die Fäden. Das hat schon bei der SPD nicht geklappt, das klappt auch bei den Grünen nicht. Das merkt selbst der ökologisch verdummteste Wähler.
War es bei der SPD nicht eher umgekehrt?
hardeenetwork 24.01.2018
4. Habeck
Von ihm wird man in Zukunft sehr viel hören. Ein kluger Kopf mit scharfem Blick über den Tellerrand. Eins kann man aber mit Sicherheit feststellen ... Ohne grünes Denken, wird der Mensch langfristig nicht überleben.
quark2@mailinator.com 24.01.2018
5.
Aus meiner Sicht hat bei den Grünen die neue Zeitrechnung seinerzeit unter Schröder begonnen, als sie sich für Auslandseinsätze und Sozialabbau stark machten. Das war eine Zäsur, als diese Partei der Ostermarschierer und Blumen-68 sich vom Volk abwandte und "Realpolitik" auf den Knochen der einfachen Leute machte, teurer Sprit tut armen Leuten deutlich mehr weh, die Energiewende verteilt massiv Geld nach oben um - und zerstört die Wälder (Abholzung) und Felder (Benzin-Mais). Die ehemaligen Demonstranten a la Trittin und Fischer wurden zu kalten Anzugträgern. Von diesem grundlegenden Wandel von einer eher linken Partei zu einer ideologischen Partei der Wohlhabenden kommen die Grünen nicht mehr zurück. Aus meiner Sicht war das die neue Zeitrechnung - und ein Mahnmal für idealistische Jungparteien.
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