Talkshow "Anne Will" Grüne lästern nach Wut-Auftritt über Trittin

Das Debakel in NRW wühlt die Grünen auf. Jürgen Trittin hatte seine Partei am Wahlabend bei "Anne Will" heftig kritisiert - und der FDP ein provokantes Angebot gemacht. Führende Grüne reagieren genervt.

Jürgen Trittin
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Ein Talkshow-Auftritt von Grünen-Promi Jürgen Trittin bringt führende Politikerinnen und Politiker der Partei in Rage. "So etwas passt nicht zu uns", sagte Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt am Montag in Berlin. Sie bezog sich damit auf Äußerungen Trittins in der ARD-Sendung "Anne Will".

Darin hatte sich Trittin an den FDP-Politiker Wolfgang Kubicki gewandt, der in Schleswig-Holstein Koalitionsverhandlungen mit CDU und Grünen führen will. Klüger wäre, mit dem Wahlverlierer SPD zusammenzugehen, meinte Trittin: "Wenn man zwei große [Partner, Anm. d. Red.] zur Auswahl hat, dann nimmt man den kleineren, dann hat man mehr vom Kuchen." Trittin führte aus, man solle mit der "geschwächten, kleineren Partei" koalieren, um ihr "mehr Macht abzunehmen".

Im Kontext der laufenden Regierungsbildung in Schleswig-Holstein sind Trittins Äußerungen heikel. Denn eigentlich wollen die im Bund angeschlagenen Grünen jeglichen Eindruck vermeiden, ihnen gehe es nur um den Machterhalt. Nun fordert einer der bekanntesten Grünen eine Ampel-Koalition (SPD, Grüne, FDP) aus rein machtpolitischen Interessen.

"Trittin ist wirklich unerträglich"

Göring-Eckardt erklärte, sie weise Trittins Überlegungen "dezidiert" von sich. Auch zu den Grünen in Schleswig-Holstein würden solche Theorien nicht passen. "Es geht um inhaltliche Fragen". Trittin habe bundesweit keine Funktion mehr inne, "wo man jetzt sagen müsste, damit beschäftigen wir uns länger".

Sylvia Löhrmann, Katrin Göring-Eckardt in Berlin
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Sylvia Löhrmann, Katrin Göring-Eckardt in Berlin

Die Grünen-Spitzenkandidatin in Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann, sagte, sie habe nach ihrem Abschied aus der Politik "nicht vor, meinen Kollegen aus Talkshows heraus Ratschläge zu geben". Die Grünen hatten ihr Ergebnis in NRW im Vergleich zur vergangenen Wahl fast halbiert. Löhrmann kündigte an, keine Ämter mehr in der Partei übernehmen zu wollen.

Trittin hatte in der Talkrunde von "Anne Will" auch Löhrmanns Leistung als Bildungsministerin angegriffen. "Wenn man offensichtliche Fehler macht, wie das in NRW geschehen ist, dann schneidet man eben schlecht ab."

Stellenweise ging es in der Sendung laut zur Sache. Moderatorin Will ermahnte Trittin mehrfach zu Ruhe, Kubicki schimpfte: "Dieser Trittin ist wirklich unerträglich."

Es läuft alles auf Jamaika hinaus

Die Liberalen haben eine Ampel im Norden bislang so gut wie ausgeschlossen. Die Grünen wiederum hadern mit Jamaika - trotzdem ist eine Koalition aus CDU, Grünen und FDP derzeit am wahrscheinlichsten. An diesem Montag trifft sich Kubicki zu ersten Gesprächen mit den Grünen.

Der schleswig-holsteinische Grünen-Verhandlungsführer Robert Habeck hatte am Wahlabend auf Twitter betont:

Trittin, der zum linken Parteiflügel gehört, war mal grüner Bundesumweltminister, Parteichef und Spitzenkandidat. 2013 holte er mit den Grünen 8,4 Prozent, das Ergebnis war damals eine herbe Enttäuschung. Derzeit stehen die Grünen in Umfragen bei sieben bis acht Prozent im Bund.

Zuletzt ärgerten sich viele Grüne über Trittin, als er im Januar im SPIEGEL deutlich gemacht hatte, dass er wieder ein Ministeramt übernehmen würde. Auf dem letzten Grünen-Parteitag hatte Trittin dem baden-württembergischen Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann vorgeworfen, er verhalte sich "demagogisch".

amz/dpa



insgesamt 125 Beiträge
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Grummelchen321 15.05.2017
1. Ist es
nicht schön das ein einziger Fernsehhautritt die wahre Intention der grünen offenlegt.Das erste mal das Anne Will sehenswert war.Herrlich entlarvend für die von den Grünen umworbene Wählerschaft.Was ergibt eigentlich nach der Farbenlehre grün und gelb?
reznikoff2 15.05.2017
2. Die Grünen sind von gestern.
Und Trittin ist von vorgestern.
syssifus 15.05.2017
3. Ist doch kein Wunder
wenn die Wähler sauer sind,ob der grünen Sprechblasen.Erinnern möchte ich nur an die Kugel Eis (monatlich) welche die Mehrkosten für die alternative Energie ausmachen sollte. “Es bleibt dabei, dass die Förderung erneuerbarer Energien einen durchschnittlichen Haushalt nur rund 1 Euro im Monat kostet – so viel wie eine Kugel Eis.” - Jürgen Trittin als Bundesumweltminister im Juli 2004 zum Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien Gesetzes (EEG)
Caimann 15.05.2017
4. .
Herr Trittin treten Sie ab. Ihre Meinung ist nun wirklich nicht mehr aktuell. Die Mitsteiter in Kiel können auf ihre Ratschläge verzichten.
rot-grün 15.05.2017
5.
Wenn man die Sache langfristig betrachtet, ist es vielleicht doch besser, mit dem Wahlsieger zu koalieren, um bei der nächsten Wahl nicht selbst Verlierer zu sein. Bei den Kommentaren von Göring-Eckardt und Habeck komme ich aber irgendwie auch nicht mit. Sollen Dinge wie Taktieren und Machtkalkül ewig dem politischen Gegner vorbehalten sein, oder gehört es sich bei den Grünen nur nicht, über so was offen zu sprechen? Eine pragmatische, etwas verspielte Grundhaltung wäre vielleicht sogar gut. Aber wer weiß, vielleicht spricht man damit eher die Stammwähler anderer Parteien an und verschreckt die eigenen.
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