Jugend und Pornos: Sexuell verwahrlost statt aufgeklärt

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Pornos frei ab 16! Diese Forderung von Jungen Liberalen provoziert Kritik von Sozialarbeitern und Forschern. Sie halten schon die jetzige Altersgrenze für wirkungslos. Sexuelle Verwahrlosung von Jugendlichen sei so nicht bekämpfen.

Berlin - Pornografie soll schon für 16-Jährige frei zugänglich sein - mit diesem Vorstoß kratzen Niedersachsens Junge Liberale an einem Tabu. In der Berliner Parteispitze hat man Angst vor Sex-Schlagzeilen. Sexualwissenschaftler und Jugendexperten indes halten die Forderung für verfehlt.

Porno-Akteure: "Sexuelle Aufklärung im modernen Gewand"
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Porno-Akteure: "Sexuelle Aufklärung im modernen Gewand"

Statt pauschal nach niedrigeren Altersgrenzen zu rufen, sei eine "sexuelle Aufklärung im modernen Gewand" nötig, sagt der Bielefelder Sozial- und Jugendforscher Klaus Hurrelmann SPIEGEL ONLINE. Lehrer und Eltern müssten angemessen über Sexualität sprechen: Die Einstellung von Jugendlichen zu Pornos hänge davon ab, welches Verständnis von Sexualität ihnen vermittelt werde.

Untersuchungen ergäben, dass Jugendliche heute schlechter aufgeklärt sind als noch vor einem Jahrzehnt. Diesem Informationsdefizit steht gegenüber, dass Jugendliche in Wahrheit schon Erfahrungen mit Pornos und Sex haben. Hurrelmann sieht einen "verquasten und unangemessenen Umgang" in vielen Familien mit Sexualität.

Der Berliner Pastor Bernd Siggelkow leitet das Kinderhilfswerk "Arche" in Berlin-Hellersdorf und weiß, wie verbreitet Pornografie im Alltag seiner Schützlinge ist: "Mindestens 25 Prozent aller unter 15-jährigen, die zu uns kommen, haben Pornos geguckt." Entweder alleine - oder die Eltern sehen die Filme und stören sich nicht daran, wenn die Kinder dabei im Raum sind.

Wenn er seine Jugendlichen reden höre, dann werde deutlich, welche Rolle Sex und Pornografie für sie spielen, sagt Siggelkow. Ein Mädchen sagte dem Pastor: "Ich muss zurück zu meinem Freund, der hat einen so geilen Schwanz." Ein anderes Mädchen begrüßte ihn: "Hallo Bernd, du alte Fotze, wie geht es dir?"

"Pornografie im Internet lässt sich leider nicht kontrollieren"

"Ein elfjähriges Kind raucht, weil in seinem Leben etwas nicht stimmt", sagt Siggelkow. Dasselbe gilt aus seiner Sicht für Pornos. Er kritisiert einen Verfall der Moral. "Solange Kinder in einem ungeschützten Raum aufwachsen und Erwachsene denken, sie könnten alles machen, was sie wollen - solange werden Kinder diese Probleme immer haben."

Ob Pornos ab 18, 16 oder 14 freigegeben werden, das hat für die Jugendlichen keine Bedeutung: Im Internet kämen Kinder und Jugendliche ohnehin an die Bilder und Filme, sagt Siggelkow. Wenn nun auch noch (wie von Niedersachsens Jungen Liberalen gefordert) nach Mitternacht Pornos im Fernsehen gezeigt würden, dann mache das auch keinen Unterschied mehr.

Das glaubt auch Thomas Rüth von der Jugendhilfe der Arbeiterwohlfahrt in Essen: "Was im Internet an Pornografie zu finden ist, lässt sich leider nicht kontrollieren." Er schlägt stattdessen vor, dass der Gesetzgeber zum Beispiel Lieder des Rappers Bushido indiziert, in denen Frauen zum reinen Sex-Objekt herabgewürdigt werden.

Auch Rüth verweist im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE auf die Verwahrlosung in manchen Familien: "Viele Kinder wachsen ohne Sexualerziehung auf." Sie lernen nie, dass Sexualität etwas mit emotionaler Bindung zu tun hat. Er habe bei seinen Schützlingen auch schon von Gruppensex zwischen Minderjährigen erfahren, sagt Rüth.

"Ohnehin jeden Tag damit bombardiert"

Verwahrlosen zusehends große Teile der Jugend, wenn es um Sexualität geht? Das hält der Sexualforscher Volkmar Sigusch für überbewertet. Trotzdem fände er es falsch, Pornos schon für Jugendliche zu erlauben. "Ich halte gar nichts davon. Es gibt keinen sinnvollen Grund, Heranwachsende neben unserer ohnehin niveaulosen Sexografie auch noch mit der Darstellung von sexueller Gewalt in Berührung zu bringen."

Außerdem sei aus der Forschung bekannt, dass sich Jugendliche im Allgemeinen nicht für harte Pornografie interessieren. Mit weicheren Formen dagegen "werden sie ohnehin jeden Tag in der Werbung und anderswo bombardiert". Seine These: "Nichts macht das Sexuelle kleiner und weniger interessant als dieses permanente Bombardement, das das Geheimnis zerstört."

Gegen sexuelle Verwahrlosung von Heranwachsenden helfe nur, die Lage ihrer Familien zu verbessern. Wenn schon Kinder Pornos gucken, sei das unmittelbar mit der Situation ihrer Eltern verknüpft, sagt Sigusch - Langeweile, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus.

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