Jugendfrust über Politikersprech "Was labert der denn?"

Arbeitnehmerpauschbetrag, Wachstumsbauch und Deckungslücken: Die Sprache der Politiker ist Schülern zu kompliziert oder inhaltsleer. Forscher haben 30.000 Jugendliche nach ihrer Meinung über die Regierenden befragt - die Studie zeichnet ein Stimmungsbild mit einigen Überraschungen.

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Berlin - "Er hat sich stets bemüht": Dieses Urteil könnte unter einem Zeugnis stehen, verfasst von Schülern, gerichtet an den Prototyp des deutschen Politikers. Und wie er sich um die Jugend bemüht. Er versucht, sie zu erreichen, mit flott designten Internetseiten, mit Uni- und Schulbesuchen, Erstwähler-Aktionen und originellen Slogans. Parteien tun einiges, um das Wahlvolk von morgen zu überzeugen. Einer jetzt veröffentlichen Studie zufolge zahlen sich die Mühen nur langsam aus.

Im Superwahljahr 2009 hatten Forscher bereits die Sprache in den Wahlprogrammen der Parteien untersucht - und waren am Wust der Schachtelsätze fast verzweifelt. Diesmal wurden, im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, mehr als 800 Berliner Schüler im Alter zwischen 16 und 19 Jahren danach befragt, wie sie die Sprache der Regierenden und tagesaktuelle Debatten im Allgemeinen wahrnehmen.

Anschließend wurden die Kernaussagen in einer bundesweiten Online-Umfrage abgefragt, um sie statistisch belastbar zu machen. Mehr als 30.000 Jugendliche nahmen laut den Verfassern der Studie mit dem Titel "Sprichst du Politik" daran teil.

Die gute Nachricht: Der oft diagnostizierte Politikverdruss ist nicht ganz so dramatisch. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, unter Teenagern sei die "Grundbereitschaft zum Mitdenken und Mitmachen" weitverbreitet.

  • Denn nur die wenigsten Schüler beachten das politische Geschehen überhaupt nicht. 53 Prozent der Frauen und 76 Prozent der jungen Männer gaben an, dass sie sich sehr für politische Themen interessieren. Über die Hälfte sagte sogar, dass sie für die Entwicklung der Politik mit verantwortlich sei.
  • Gut 80 Prozent der befragten Jugendlichen finden es "wichtig, dass sich die Menschen mit Politik auseinandersetzen". Bei Jungen ist die Zustimmung etwas höher als bei Mädchen.
  • Allerdings scheuen viele vor der Praxis zurück: Mehr als zwei Drittel der befragten Teenager fanden, es koste "Zeit und Mühe, um sich in den politischen Themen zurechtzufinden".

Zudem erachten viele Schüler "die gegenwärtige politische Kommunikation zumeist als kontraproduktiv" - sprich: Sie sind genervt vom oft verschwurbelten und komplizierten Politikersprech.

  • Fast 60 Prozent der Jugendlichen sind der Überzeugung, dass Politiker absichtlich eine gehobene Sprache sprechen. "Was labert der denn?", fasst einer seinen Unmut zusammen. Vor allem Schülerinnen sind genervt vom Sound der politischen Wortwolken: Knapp 80 Prozent der Teilnehmerinnen sind davon frustriert. "Wenn Politiker versuchen, in einen Dialog zu treten, kommt das nicht an", so das ernüchternde Fazit der Forscher.
  • Auch in der Freizeit spielt das Thema Politik eine untergeordnete Rolle: Nur ein gutes Drittel der jungen Frauen unterhält sich "oft mit Freunden oder der Familie über Politik". Bei den jungen Männern sind es mehr als die Hälfte, die in Kumpelrunden schon mal die aktuelle Politik debattieren.

Dass weibliche Nachwuchswähler weniger mit Politik anfangen können als männliche, liege nicht zuletzt an der Rollenverteilung in der Familie, bilanzieren die Forscher. "Die Diskussion über Politik in der Familie ist ein absolut männliches Geschäft", sagt Auftraggeberin Christina Schildmann. Meistens würden Jungs mit dem Vater oder Bruder über Tages- und Weltgeschehen debattieren wollen.

Überrascht hat die Referentin der Stiftung, dass vermeintlich spannende Rededuelle bei Teenagern offenbar gar nicht ankommen - vor allem nicht in politischen Talkrunden im Fernsehen. "Showkämpfe ziehen bei jungen Leuten überhaupt nicht", sagt Schildmann.

Auch sehen Jugendliche offenbar die Schule in der Pflicht, mehr zur Aufklärung im politischen Bereich beizutragen. "Jugendliche tragen dieses diffuse Grundgefühl in sich, sie sollten sich an der Demokratie beteiligen", sagt Schildmann, "aber sie fühlen sich nicht gut genug mit Hintergrundwissen ausgestattet."

  • Immerhin 55 Prozent der befragten Teenager wünschten sich, die politische Bildung in der Schule würde früher beginnen - am besten schon in der Grundschule.
  • Ein Großteil, nämlich 80 Prozent, forderte, der Politikunterricht in der Schule solle sich "mehr mit aktuellen Themen beschäftigen".

"Die totale Deprimierung"

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Die Studie reißt viele miteinander verwandte Themenfelder an, etwa die Sprache der politischen Berichterstattung in den Medien, und wo sich Jugendliche am ehesten über Politik informieren ( siehe Fotostrecke). Einen interessanten Einblick in die Gedankenwelt der Wähler von morgen geben auch umfangreiche Auszüge aus den Interviews mit den Berliner Schülern. Die Antworten sind überraschend ehrlich, manche erstaunlich reflektiert, andere unfreiwillig komisch.

Die Studie entstand auf Basis von 27 Interviews mit Schülergruppen aus ganz Berlin. Anschließend wurde ein bundesweiter Online-Fragebogen auf der Plattform SchülerVZ geschaltet. Online abrufbar ist die Untersuchung auch auf der Internetseite "Sprichst du Politik".

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