Jugendgewalt: "Aggression ist ihre Überlebensstrategie"

Eine Berliner Hauptschule kapituliert vor der Gewalt der Schüler. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Leiter des Anti-Gewaltzentrums Berlin/Brandenburg, Oliver Lück, über Grenzverschiebungen, Erfolgserlebnisse mittels Brutalität und das drohende Scheitern der multikulturellen Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lück, der Hilferuf eines Lehrerkollegiums an den Berliner Senat schreckt ganz Deutschland auf. Haben wir zu lange vor Gewaltexzessen und Verwahrlosung die Augen geschlossen?

Anti-Aggressionstrainer Lück: "Gewalt wird flächendeckend"

Anti-Aggressionstrainer Lück: "Gewalt wird flächendeckend"

Lück: Es betrifft ja hauptsächlich Haupt- und Gesamtschulen. Dort haben wir alle sicherlich lange Zeit die Augen davor geschlossen, wie sich die Lage entwickelt. Vor allem in den Ballungsgebieten. Dort gibt es eine Menge Probleme unterschiedlichster Art. In den Berliner Bezirken Wedding, Neukölln oder Kreuzberg haben wir beispielsweise Schulen mit einem derartig hohen Anteil nichtdeutscher Schüler, das ist schon heftig.

SPIEGEL ONLINE: Aber es kann doch nicht nur an den Ausländern liegen?

Lück: Natürlich nicht. Es gibt verschiedene Ursachen. Aber wir haben in unseren Trainings mit 12-14-jährigen Schülern zu tun, deren Eltern zum Teil seit über 20 Jahren in Berlin sind und so gut wie kein Wort Deutsch sprechen. Diese Kinder haben kaum eine Chance in unserer Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Aber sind Gewaltexzesse an Schulen nicht nur Einzelfälle in isolierten sozialen Brennpunkten einer Großstadt?

Lück: Ich denke, dass es mittlerweile zu einer flächendeckenden Geschichte wird. Es sind nicht mehr nur Einzelfälle. Es gibt inzwischen an den Hauptschulen durch das niedrige Bildungsniveau und durch die hohe Frustration unter den Schülern immer mehr Gewalt. Die Hauptschulen sind das Sammelbecken für Sozialschwache, für Hartz-IV-Empfänger und Ausländer mit geringen Perspektiven. Diese Kinder und Jugendlichen kennen oft die Grundbegriffe des Zusammenlebens nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Schulen gibt es in Berlin, in denen die Gewalt aus dem Ruder läuft?

Lück: Ich denke, dass 90 bis 95 Prozent aller Berliner Hauptschulen ein Problem damit haben. Definitiv.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht zu hoch gegriffen?

Lück: Auch für uns ist diese Zahl unfassbar hoch. Aber wir beschäftigen uns schon lange mit dem Thema und machen uns nichts vor. Allerdings gibt es auch positive Ausnahmen, wie etwa die Nikolaus-August-Otto-Schule in Lichterfelde.

SPIEGEL ONLINE: Was ist dort anders?

Lück: Diese Schulen hat ein Konzept und einen Sonderstatus, das heißt beispielsweise, dass dort mehr Lehrer unterrichten. Die haben das im Griff. Allerdings ist die Situation in Lichterfelde auch generell nicht so angespannt wie etwa im Wedding oder in Neukölln.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt diese große Aggressivität und Brutalität bei den Jugendlichen?

Lück: Bei vielen Jugendlichen hat sich die Wahrnehmung von Gewalt inzwischen verschoben. Bei einem unserer Anti-Aggressionstrainings haben wir einen Jugendlichen auf den "heißen Stuhl" gesetzt. Dort sollte er von anderen Kindern aus seinem Kiez mit seinem Fehlverhalten und seinen Gewalttaten konfrontiert werden. Doch die Jugendlichen wollten ihn zuerst gar nicht befragen, schließlich sei er doch einer von den ganz Braven, da er bisher erst fünf oder sechsmal andere verprügelt hatte. "Der ist doch harmlos, das ist doch völlig normal", war die Devise.

SPIEGEL ONLINE: Gewalt als selbstverständliche Form der Auseinandersetzung?

Lück: Diese Kinder wurden in ihren Kiezen auf in der Regel brutale Art und Weise sozialisiert. Die kommen aus ihrem Viertel auch nicht raus und kennen nichts anderes. Die Eltern sind in den meisten Fällen völlig überfordert und haben auf die Jugendlichen ab einem bestimmten Alter überhaupt keinen Einfluss mehr. Und Gewalt ist nun mal die ökonomischste und einfachste Art und Weise, Erfolgserlebnisse und Macht zu erleben. Aggression und Gewalt sind für diese Jugendlichen eine hoch ökonomische Überlebensstrategie.

SPIEGEL ONLINE: Man hört immer häufiger von Massenschlägereien unter Jugendlichen, zu denen sich diese regelrecht verabreden. Kennen Sie das Phänomen?

Lück: Das scheint eine Entwicklung in verschiedenen Kiezen zu sein, wo verschiedene Gruppierungen, ich will sie nicht einmal Banden nennen, auf Gewalt aus sind, um einen Adrenalinkick zu erleben. Um überhaupt etwas zu erleben. Dass die Jugendlichen heute die Möglichkeit haben, ihre Schlägereien mit dem Handy zu filmen, hat diese Entwicklung extrem unterstützt. Dadurch kann man die Gewalt auch noch nachträglich heroisieren.

SPIEGEL ONLINE: Das verdoppelt die Anerkennung?

Lück: Natürlich, die Täter können dadurch ihren Status erhöhen, der ja eigentlich ein ganz niedriger ist. Das ist ja sowieso das Verhängnis bei diesen Gewalttaten. Diese Jugendlichen haben kaum Selbstvertrauen, so gut wie kein Selbstwertgefühl. Sie benötigen die Aggression, um kurzfristig ihrem Status zu entfliehen. Sie haben sonst keine Erfolgserlebnisse, weder in der Schule noch zu Hause oder in der Gesellschaft generell.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eher soziale Ursachen für die Gewalt oder spielen ethnische Konflikte die Hauptrolle?

Lück: Beides spielt eine Rolle, man kann das nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Die soziale Situation der Familien ist sehr wichtig beim Entstehen von Gewalt, aber auch die Tatsache, dass wir manifeste Parallelgesellschaften haben.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Vorschlägen wie der Deutschpflicht auf dem Schulhof oder einheitlicher Schulkleidung?

Lück: Beide Vorschläge unterstütze ich vorbehaltlos. Beide Maßnahmen würden uns helfen, den täglichen Druck an den Schulen zu verringern.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Multikulti-Gesellschaft gescheitert?

Lück: Wir sind auf dem besten Wege, dass sie komplett scheitert, aber ich glaube nicht, dass die Lage hoffnungslos ist. Fakt ist, dass wir die Kinder und Jugendlichen der dritten Einwanderergeneration grob vernachlässigt haben. Allerdings gilt dies in vielen Problemkiezen auch für die deutschen Kinder.

Die Fragen stellte Jens Todt

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