Jugendgewalt Die isolierten Macho-Schläger

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2. Teil: "Rechtsextreme und gewalttätige Migranten sind Zwillinge im Geiste"


Die Berliner Landeskommission gegen Gewalt hat sich in einer Studie ausgiebig mit den Gründen beschäftigt und laut "taz" folgende Muster herausgearbeitet: Wer zuschlägt, empfindet oft Perspektivlosigkeit im Hinblick auf Ausbildung und Beruf, fehlende Partizipationsmöglichkeiten. Viele junge Gewalttäter durchlebten zudem Identitätskonflikte, seien mit innerfamiliärer Gewalt konfrontiert, mit traditionell-autoritären Erziehungsmustern und überzogene Männlichkeitsvorstellungen. In Ermangelung von Identifizierungsmöglichkeiten "wird der Körper für die Jugendlichen oftmals zur vermeintlich letzten Ressource", heißt es der "taz" zufolge in der Studie. "Diese Ressource wird gepflegt, mitunter bis zur Hypermaskulinität aufgebläht und in Form von Gewalt zum Schaden anderer eingesetzt."

Vormoderne Vorstellungen von Männlichkeit, der Begriff der "Familienehre" und mangelndes Rechtsbewusstsein gehören der Studie zufolge laut "Tagesspiegel" ebenso zu den Gründen für Gewalt unter Migranten.

Auch Kriminologe Pfeiffer macht vor allem die fehlende soziale Integration für die grassierende Gewalt unter Einwandererkindern verantwortlich. Dort, wo der Anteil von Migranten auf den Gymnasien höher sei, nehme auch die Gewalt ab. "Die Konflikte in unserer Winner-und-Loser-Gesellschaft werden immer deutlicher und schlagen immer häufiger in Hass um", sagt er.

"Machokultur hat eindeutig mit Gewalt zu tun"

Vor allem in schlecht integrierten und bildungsfernen Migrantenfamilien gebe es viel häufiger Gewalt als in deutschen Familien, Kinder bekommen mit, wie der Vater die Mutter prügelt oder werden selbst misshandelt. In 27 Prozent der Einwandererfamilien gebe es Gewalt unter den Eltern, in deutschen Familien nur bei sechs Prozent. Die Lebensgeschichte von Serkan, dem Schläger aus München, passt perfekt in dieses Schema. Der "Stern" bringt in seiner morgigen Ausgabe einen Artikel über den Zwanzigjährigen - sein Vater habe ständig geprügelt, seine Mutter sei mit den Kindern ins Frauenhaus geflüchtet. "Aus Opfern werden Täter", so Pfeiffer. Hinzu komme oft eine ausgeprägte Machokultur. "Und die hat eindeutig mit Gewalt zu tun."

Von härteren Bestrafungen hält Pfeiffer nichts, stattdessen müssen Migrantenkinder gefördert werden. "Und wenn überhaupt von Ausweisungen gesprochen wird, sollten wir ins Auge fassen, ausländische Väter die nach dem Gewaltschutzgesetz der Wohnung verwiesen wurden auch des Landes zu verweisen." Eines müsse deutlich werden: "Wir sind bereit, im Kinderschutz radikale Maßnahmen dafür zu ergreifen, dass eine Botschaft in die Köpfe der Eltern kommt: Prügeln von Kindern ist in diesem Staat nicht erlaubt."

Es sei notwendig, dass deutlich benannt werde, wenn Einwanderer Täter waren. Nicht um zu diskriminieren, sondern weil es bestimmte, oft kulturelle, Muster gebe, die immer wieder auftauchen und die auch bei der Bekämpfung von Gewalt helfen würden.

Und das nicht nur auf Seiten der oft perspektivlosen Einwandererkinder. Rechtsextreme und gewalttätige Migranten seien zwei Seiten derselben Medaille. "Sie sind Zwillinge im Geiste", sagt Pfeiffer. In Familien von Rechtsextremen oder gewalttätigen Migranten sei oft viel misshandelt worden, auch bei den rechtsradikalen Tätern gebe es starke Machokulturen. "Die Strukturen sind so ähnlich, dass es schon absurd ist, wie sie sich hassen."

"Die nehmen beide nicht viel Rücksicht wenn es um Gewalt gegen Andersdenkende geht", sagt auch Berlins Polizeipräsident Glietsch.

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