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Jugendkriminalität: Berlin will Hardliner-Staatsanwalt kaltstellen

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Roman Reusch polarisiert. Mit provokanten Thesen zur Jugendgewalt und der Forderung nach einer härteren Gangart geriet der Berliner Staatsanwalt, Fachgebiet Intensivtäter, in die Schlagzeilen - die Quittung kommt jetzt: Reusch soll versetzt werden.

Berlin - Noch sitzt Roman Reusch an seinem Arbeitsplatz bei der Staatsanwaltschaft Berlin in der Turmstrasse. Genauer gesagt arbeitet der Jurist mit dem markanten Schnauzer und der Metallbrille seit fünf Jahren in der Abteilung 47, die sich um jugendliche Intensivtäter kümmert. Jeden Tag verfolgt er die Fälle von jungen Straftätern, die regelmäßig gegen das Gesetz verstoßen.

500 solche Jugendliche gibt es in der Hauptstadt. Reusch hat also reichlich Stoff auf dem Tisch.

Sprechen darf Reusch nicht mit der Presse, nicht mehr. Zu sehr hat der Jurist, den die "Bild"-Zeitung in der hitzigen Debatte um jugendlichen Straftäter zu "Deutschlands mutigstem Staatsanwalt" kürte, politisch polarisiert. "Aus dem Verkehr" gezogen werden sollten auffällige ausländische Kriminelle, forderte er in einem Vortrag bei der CSU-nahen Hans-Seidel-Stiftung.

Den aus seiner Sicht weltfremden Richtern beim Verfassungsgericht empfahl er, mal in Berlin mit der Polizei Nachtstreife zu fahren.

Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU), gerade im Wahlkampf mit ähnlichen Thesen unterwegs, würde Reusch sicher gerne in seinen Justizapparat holen. Im rot-rot regierten Berlin hingegen droht dem streitbaren Juristen wegen seiner markanten Äußerungen die Versetzung. Konkret will die Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) ihn am liebsten so schnell wie möglich in eine andere Abteilung versetzen. Innerhalb des Justizapparats heißt es, Reusch solle "kaltgestellt" werden.

Offiziell ist an den Plänen der Verwaltung nichts Besonderes. Versetzungen im Justizapparat seien Routine, heißt es in der Pressestelle der Justiz. Zudem sei noch nichts entschieden, so jedenfalls die öffentliche Linie. Intern aber scheint schon festzustehen, dass Reusch noch in diesem Quartal von seinem Job abberufen wird. Aus seinem Umfeld ist zu hören, dass er jeden Tag mit dem entscheidenden Chef-Gespräch rechne. "Er sitzt auf gepackten Aktenkoffern", so ein Kollege.

Hetzer oder mutiger Jurist?

Am Mittwoch wurde das Thema Reusch im Rechtsausschuss des Berliner Senats bis in die Nacht hinein hitzig diskutiert. Ungewöhnlich deutlich distanzierte sich die Justizsenatorin von ihrem Mann für die Intensivtäter. Weder der Senat, noch die Berliner Justiz könne sich mit seinen Aussagen "identifizieren", sagte von der Aue.

Selbst reden durfte Reusch auch hier nicht. Stattdessen präsentierte von der Aue die Leitenden Oberstaatsanwälte Ralf Rother und Andreas Behm.

Rother sagte im Anschluss an die Sitzung, es gebe Überlegungen, "auch aus fürsorglichen Gründen, wie es mit ihm weiter geht". Alles, so die offizielle Linie, passiere im "gegenseitigen Einvernehmen". Anonyme Quellen berichteten gar, Reusch sei innerhalb der Behörde so sehr zwischen die politischen Mühlsteine geraten, dass er selber die Versetzung wolle.

Der Maulkorb für Reusch ist nichts Neues. Kurz nachdem der Staatsanwalt mit seinen Thesen bekannt geworden war, verhinderte die Justizverwaltung einen Auftritt von Reusch in einer TV-Talkshow, die sich mit dem Thema befassen wollte.

Spätestens seitdem entstand der Eindruck, dass Reusch sich zu sehr gegen die eher moderate Linie der SPD-Senatorin in Sachen Jugendgewalt gestellt hatte, um auf seinem Posten zu bleiben.

Unterstützung kommt nur von der CDU

Reusch gilt in der Berliner Justiz zu Recht als Hardliner. Gemeinsam mit einer Handvoll Staatsanwälte aus der Abteilung 47 hatte er in medienträchtigen Verfahren stets beherzt dafür gekämpft, dass Intensivtäter nach neuen Taten zumindest für einige Nächte in Untersuchungshaft blieben. In späteren Prozessen schlug er rhetorisch einen harten Ton an. Insider befürchten nun, dass die Abteilung durch die Versetzung "weichgespült" werden soll.

Sprachlich bediente Reusch in seinem Vortrag die Forderungen, über die zurzeit verbittert zwischen Union und SPD gestritten wird. So sollten "Kinder krimineller Sippen" nicht eingebürgert werden, da sie aller Voraussicht nach "ihrerseits kriminell würden". In der Koalition aus SPD und Linkspartei kamen solche Thesen nicht gut an. Kurz darauf geißelte auch der bekannte Strafverteidiger Günter Tondorf Reusch als "geistigen Brandstifter".

Einzig die Opposition in Berlin verteidigt den streitlustigen Staatsanwalt. "Ich nehme Herrn Reusch ausdrücklich in Schutz, wenn es der Senat nicht macht", sagte der Vorsitzende des Rechtsausschusses, Andreas Gram (CDU). Die Unterstützung wird Reusch wenig nutzen. Politisch ist sein Schicksal entschieden.

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