Jugendliche Intensivtäter Kniebeugen im Kinderknast

Was tun mit Teenagern, die immer wieder klauen und zuschlagen? Politiker fordern schärfere Sanktionen, Bootcamps und Erziehungslager. Dabei haben Heime für kriminelle Kids längst eine stille Renaissance erlebt.

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Hamburg - Marcel* ist abgehauen. Über Silvester hat er sich davongemacht, sich betrunken und jemanden zusammengeschlagen. Obwohl er das eigentlich nicht mehr tun wollte. Denn der Teenager ist im Trainingscamp des Ex-Boxers Lothar Kannenberg untergebracht, und da ist Gewalt tabu. Warum er trotzdem zuschlug? "Keine Ahnung", sagte Marcel SPIEGEL TV Magazin in einem Beitrag von 2005. "Weil er mich angeguckt hat. Ach, weiß ich nicht mehr, ich war so besoffen."

Hessens Ministerpräsident Koch und Boxcamp-Vater Kannenberg
DDP

Hessens Ministerpräsident Koch und Boxcamp-Vater Kannenberg

Prügel in der Münchner U-Bahn, in der Neujahrsnacht auf einem Berliner Bahnsteig oder auf dem Volksfest nebenan - die Szenen ähneln sich. Die Anlässe sind oft nichtig, aus denen aggressive Jugendliche zuschlagen. Doch was tun gegen solche Serientäter? Wie sind Jugendliche noch zu erreichen, die offenbar jede Hemmung verloren haben?

Lothar Kannenberg geht mit seinem Camp eigene Wege, die Einrichtung gilt seit Jahren als Vorzeigeprojekt. Um 6 Uhr morgens ist es dort mit der Nachtruhe vorbei. Der Tag beginnt im Morgengrauen mit einem schrillen Pfiff aus einer Trillerpfeife. Zähneputzen, Frühsport, Bettenmachen, Frühstück, Verhaltenstraining - das alles gehört zum Tagesablauf in dem Camp im hessischen Diemelstadt-Rhoden.

Erfolgsquote 80 Prozent

Kannenberg, Ex-Junkie und früher selbst kriminell, kümmert sich um die, mit denen sonst niemand mehr klarkommt: männliche Intensivtäter im Alter von 14 bis 19 Jahren, Schläger, Diebe, Dealer. Gerichte oder Jugendämter schicken die Jungs nach Nordhessen. Für viele ist das Camp die letzte Chance, sich vor dem Knast zu retten: sechs Monate durchhalten - oder Jugendstrafe.

Ein klar strukturierter Tagesablauf mit viel Sport und festen Regeln hält Kannenberg für unverzichtbar. Joggen, Liegestütze, Kniebeugen. Kritik, er sei als gelernter Schlachter und Boxtrainer fachfremd und wisse eigentlich gar nicht, was er da tue, ficht ihn nicht an. 80 Prozent seiner Schützlinge, so sagt er selbst, lassen nach dem Training von der Kriminalität. Bei Straftätern, die aus dem Jugendgefängnis entlassen werden, ist die Rückfallquote mit etwa drei Vierteln weitaus höher. 2005 hat Kannenberg das Bundesverdienstkreuz bekommen. Lob bekommt er von allen Seiten.

Auch Hessens Ministerpräsident Roland Koch schmückt sich gern mit Kannenbergs Erfolgen. Auf der Website des Projekts prangt ein Bild, das Kannenberg und Koch Seite an Seite zeigt. Nun nutzt Koch die Debatte um Jugendgewalt für den Wahlkampf. "Schluss mit falsch verstandener Schönfärberei", weist Koch Kritik zurück. "Gewalttätige Jugendliche gehören nicht in einen Kuschelvollzug, den SPD, Grüne und Linke wollen."

"Warnarrest" für kriminelle Kids, die grundsätzliche Anwendung des Erwachsenenstrafrechts für Heranwachsende im Alter von 18 bis 21 Jahren. Jugendliche Straftäter müssten frühzeitig spüren, "wie sich Gefängnis von innen anfühlt", gibt Koch den Hardliner. Die Höchststrafe im Jugendstrafrecht will er auf 15 Jahre erhöhen.

Jugendstrafrecht betont Erziehungsgedanken

Bisher steht im Jugendstrafrecht vor allem die Pädagogik im Vordergrund. Zwar will es auch bestrafen, es geht aber vor allem darum, straffällig gewordene junge Menschen zu erziehen und zu sozialisieren. Weniger die Tat des Straffälligen steht im Vordergrund, sondern die Persönlichkeit des Täters. Entsprechend werden viele Strafen zur Bewährung ausgesprochen.

Als Höchststrafe sind bislang zehn Jahre Haft vorgesehen. Außer Hessens Regierungschef Koch fordern aber auch weitere unionsregierte Bundesländer - darunter Bayern und Baden-Württemberg - die Höchststrafe anzuheben, stoßen damit allerdings auf Widerstand. Auch das von CDU und FDP regierte Nordrhein-Westfalen meldete Bedenken an. Die Höchststrafe werde nur selten ausgesprochen, entsprechend gebe es in dieser Frage keinen weiteren Handlungsbedarf, sagt ein Sprecher des Düsseldorfer Justizministeriums SPIEGEL ONLINE.

Umstrittene Pädagogik unter Palmen

Als Gegenpol zum Gefängnisaufenthalt gilt vielen die sogenannte Erlebnispädagogik. Mehrere hundert Teenager aus Deutschland werden jedes Jahr auf große Fahrt geschickt. Das Ziel: Crash-Kids, Schläger, Kinderprostituierte und Jung-Junkies sollen sich aus ihrem Leben im Milieu lösen. In Dschungelcamps, auf Wüsten-Trips oder auf den Planken umgerüsteter Windjammer sollen sie sich bessern. Dutzende Vereine bieten solche Reisen an. Die zuständigen Jugendämter zahlen meist 100 bis 200 Euro pro Tag und Kopf.

Was die Pädagogik unter Palmen tatsächlich bringt, ist unklar. Selbst Experten wissen noch zu wenig über die Wirkung der Maßnahmen. Verlässliche Erfolgsstatistiken oder Langzeitstudien gibt es nicht. Spektakuläre Fälle, die Kritiker gegen die Erlebnispädagogik vorbringen, sind die von Intensivtätern wie dem Hamburger "Crash-Kid" Dennis oder dem Seriengewalttäter "Mehmet" aus München - beide wurden wieder straffällig.

Das hessische Boxcamp ist in seiner Konzeption noch ein Sonderfall. Grundsätzlich jedoch haben Heime für jugendliche Delinquenten in den vergangenen Jahren längst eine stille Renaissance gefeiert. Etliche neue Heime sind seit der Jahrtausendwende entstanden, die nichts mehr mit der demütigenden Unterbringung der Fürsorgeheime in den fünfziger und sechziger Jahren haben.

Insgesamt gibt es laut einer Erhebung des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München bundesweit etwa 280 Plätze in 22 Einrichtungen, die meisten in den unionsgeführten Ländern Baden-Württemberg und Bayern (insgesamt 161 Plätze). Nordrhein-Westfalen und Hamburg verfügen über 52 Plätze beziehungsweise sechs Plätze, in den SPD-Ländern Brandenburg und Rheinland-Pfalz bieten vier Heime sogenannte freiheitsentziehende Maßnahmen für insgesamt 60 Jugendliche an.

Probleme in Hamburg

In den Häusern landen Teenager, mit denen draußen niemand mehr etwas anzufangen weiß, die kein Pädagoge und kein Sozialarbeiter auf die richtige Spur bringen konnte - eingewiesen vom Familienrichter. Es wird nicht gedrillt, aber die Jungen und Mädchen haben scharfe Auflagen zu beachten. Morgendliches Joggen, Tischgebete, Unterricht, der Tagesablauf ist streng geregelt. Meist setzen die Häuser fernab der Zivilisation nicht auf meterhohe Mauern und Stacheldraht, es sind keine geschlossenen Heime, aber solche "mit großer Verbindlichkeit".

Vom Erfolg sind Betreiber und Landesregierungen überzeugt. Dass Heime für delinquente Jugendliche allerdings nicht die Lösung aller Probleme bieten, weiß man in Hamburg nur zu gut. Dort sorgt die "Geschlossene Unterbringung Feuerbergstraße" für Schlagzeilen, seit sie 2003 unter dem damaligen Innensenator Ronald Schill eröffnet wurde. Immer wieder brechen kriminelle Jugendliche aus dem "Kinderknast" aus, Mitarbeiter melden sich überfordert krank, die Kosten sind explodiert.

Im Jahr 2004 wurde bekannt, dass Mitarbeiter Jugendliche in der Einrichtung an der Feuerbergstraße mit Psychopharmaka ruhig stellten, ohne Einverständnis der Eltern. Die Staatsanwaltschaft ermittelte. Mehr als 30 Monate überprüfte ein Untersuchungsausschuss der Hamburger Bürgerschaft die Zustände in dem Heim, in dem heute von zwölf Plätzen gerade einmal die Hälfte belegt ist. Erst im Dezember schloss dieser seine Arbeit ab. Im Streit: Die CDU bescheinigt der Einrichtung inzwischen gute Arbeit, SPD und Grüne sehen Versagen auf der ganzen Linie.


*Name von der Redaktion geändert



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