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Jugendliche Testkäufer: Experten geben von der Leyen recht

Ursula von der Leyen musste ihren Kinderspitzel-Vorstoß zwar stoppen. Doch Politiker und Kriminologen verteidigen die Idee der Familienministerin, Jugendliche als Testkäufer von Alkohol und Nikotin einzusetzen.

Berlin - Von der Leyens Kritiker sollten Alternativen nennen, wie die Einhaltung der Verbote kontrolliert werden könne, forderte der stellvertretende Unions-Fraktionschef Wolfgang Bosbach in der "Thüringer Allgemeinen". Erwachsene schieden für diese Aufgabe aus - Verbote machten jedoch nur Sinn, wenn man ihre Einhaltung auch kontrollieren könne.

Kind vor Videothek: Wer soll Verbote kontrollieren?
DPA

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Den Einsatz von Jugendlichen als Testkäufer knüpfte Bosbach an drei Bedingungen: Die Jugendlichen müssten älter als 14 Jahre sein, ihre Eltern müssten zustimmen, und die Testkäufe müssten im Beisein von Amtspersonen erfolgen.

Von der Leyen (CDU) hatte ihren Gesetzentwurf gestern nach massiver Kritik zurückgezogen. Anstatt den Entwurf wie geplant am Mittwoch ins Kabinett einzubringen, werde sie demnächst einen "runden Tisch" für eine gemeinsame Lösung organisieren, sagte Ministeriumssprecherin Iris Bethge der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Berlin. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm berichtete, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sehe noch "Gesprächsbedarf".

"Ich will jetzt nichts durchpeitschen, sondern glaube, dass uns eine Atempause hilft, über wirksame Schritte im Jugendschutz zu diskutieren", sagte von der Leyen der "Bild"-Zeitung. Die Ministeriumssprecherin betonte, das Thema sei nicht vom Tisch.

Auch der Kriminologe Christian Pfeiffer begrüßte den Vorstoß der Ministerin. Ihr Einsatz sei "klar der richtige Weg" und "effektiver Kinderschutz", sagte der Direktor des Kriminologischen Instituts Niedersachsen der "Süddeutschen Zeitung". Er könne "die Aufregung nicht nachvollziehen. Die einzelnen Jugendlichen haben keinen Schaden, wenn sie einmal dabei helfen, einen Verkäufer zu überführen", sagte Pfeiffer.

Die Deutsche Kinderhilfe Direkt bedauerte den Rückzieher von der Leyens ebenfalls. Der Einsatz von Kindern als Testkäufer könne "ein effektiver Beitrag zum Kinderschutz in Deutschland" sein, erklärte der Vorstandsvorsitzende Georg Ehrmann. Der Vorschlag von der Leyens sei "gut und praxistauglich".

Appelle an die Vernunft und Einsicht der Verkäufer hätten nicht weitergeholfen, teilte die Organisation mit. Dies belegten die dramatisch angestiegenen Zahlen von Alkoholvergiftungen bei Kindern und Jugendlichen. Das gleiche gelte auch für die Zunahme von Gewalt durch die unkontrollierte Weitergabe von Gewaltspielen und -filmen an unter 18-Jährige.

Brandenburgs CDU-Innenminister Jörg Schönbohm wies die Pläne zurück. Er sei für strengen Jugendschutz, "aber Kinder als Spione, als Versuchskaninchen einzusetzen, halte ich für falsch. So etwas verändert das Klima in der Gesellschaft", sagte Schönbohm dem Berliner "Tagesspiegel". Es gebe andere Möglichkeiten, Kinder- und Jugendschutz durchzusetzen. Schönbohm: "Kinder sollten zum Vertrauen erzogen werden, Kinder sind keine Hilfssheriffs."

Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nannte die Entscheidung von der Leyens, ihr umstrittenes Gesetz zurückzuziehen "richtig", da der "Vorschlag unausgegoren" gewesen sei. "Ich würde mir wünschen, dass die Gesundheitspolitiker künftig früher einbezogen werden, wenn solche brisanten Konzepte erarbeitet werden", sagte er der "Frankfurter Rundschau".

als/AFP/ddp/dpa

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