Im Wahlkampf mit Julia Klöckner Ein bisschen Demut, ein bisschen Seehofer

Die CDU in Rheinland-Pfalz inszeniert Julia Klöckner als besonnene Landesmutter und als Seehofer light zugleich. Eine gewagte Aufführung - kann man so Ministerpräsidentin werden?

Von


Julia Klöckner vor ihrem Wahlkampfbus: Zum zweiten Mal nach 2011 tritt die heute 43-Jährige als CDU-Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz an.

Klöckner beim politischen Aschermittwoch in Ingelheim: Bei Parteiveranstaltungen gibt sich Klöckner betont demütig. Ihr Team ist darauf bedacht, sie als besonnene Landesmutter zu präsentieren.

Klöckner als Stellvertreterin von Christian Baldauf (2008, Mitte). Zwei Jahre später übergab der damalige CDU-Landeschef an Klöckner. Als frisches Gesicht aus Berlin (Klöckner war Parlamentarische Staatssekretärin) sollte die Politikerin Ministerpräsident Kurt Beck herausfordern.

Doch bei den Landtagswahlen 2011 unterlag die CDU erneut, wenn auch sehr knapp. SPD-Chef Kurt Beck rettete seine Partei mit hauchdünnem Vorsprung auf Platz eins - und in eine Koalition mit den Grünen.

In der Folgezeit änderte Klöckner nicht nur ihr Aussehen. Während sie Beck noch offen attackieren konnte, muss sie bei seiner Nachfolgerin Malu Dreyer eine zumindest auf den ersten Blick zurückhaltendere Strategie wählen.

Als Julia Klöckner ankommt, ist ihr Gesicht schon da: Ein überlebensgroßes Konterfei auf dem neuen Wahlkampfbus, mit dem die CDU-Politikerin durch Rheinland-Pfalz tingelt. "Unsere neue Ministerpräsidentin!", ruft Andreas Rödder. In Klöckners Schattenkabinett ist der Historiker für Bildung zuständig.

"Ja, ja, ja", sagt die Spitzenkandidatin zu Rödder. Dann blickt sie auf den Bus: "Ich finde es immer beklemmend, mich so zu sehen."

Eine Politikerin, die nicht gern im Rampenlicht steht? Von wegen. Die Szene am Bus zeigt, wie die 43-Jährige in diesen Wahlkampf zieht: Nicht allzu auftrumpfend, mit wohlkalkulierter Demut. Denn Demut ist jetzt zentraler Bestandteil des Konzepts Klöckner.

Ein grauer Februarnachmittag in Ingelheim bei Mainz. Klöckner steht auf dem Platz vor einer Sporthalle, umringt von Fotografen. Sie kränkelt, ihre Stimme krächzt. Egal. "Isch kann heut net anders", sagt sie.

Am 13. März führt sie die CDU zum zweiten Mal in die Landtagswahl. Nach 25 Jahren will sie die Partei in ihrem einstigen Paradeland wieder an die Macht bringen. 2011 polterte Klöckner noch persönlich gegen die regierenden Sozialdemokraten. Jetzt sagt sie Sätze wie: "Es ist nicht alles schlecht." Oder: "Wir wollen nicht alles anders machen."

Was ist geschehen? Als Kurt Beck in Mainz noch an der Macht war, hatte Klöckner leichtes Spiel. Gegen den rustikalen SPD-Chef konnte sie nach Herzenslust sticheln. Beck musste etwa das Desaster um den Ausbau des Nürburgrings erklären. Und er ließ sich leicht provozieren.

Bei Malu Dreyer, Becks Nachfolgerin, ist das anders. Attacken gegen die an multipler Sklerose erkrankte und deutlich bescheidenere SPD-Frau kommen beim Wähler nicht gut an. Die CDU-Strategen mussten sich etwas Neues ausdenken. Klöckner soll jetzt besonnener wirken.

Und das geht so: Die Halle der Turngemeinde 1847 Nieder-Ingelheim ist voll besetzt. Es gibt Hering, auf einer Leinwand laufen Klöckner-Fotos. Die Situation ist nicht einfach. Zwar führt die CDU in den Umfragen. Doch die AfD bedrängt die Union von rechts. Und die Flüchtlingspolitik der Bundespartei ist vielen hier zu liberal.

Kanzlerin Merkel (M.), Rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Dreyer (r.), CDU-Landeschefin Klöckner (l.): Ein neues Image musste her - die Besonnene
DPA

Kanzlerin Merkel (M.), Rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Dreyer (r.), CDU-Landeschefin Klöckner (l.): Ein neues Image musste her - die Besonnene

Klöckner könnte jetzt vom Leder ziehen. Doch das passt nicht zum Image einer Landesmutter, nicht zum Konzept Demut. Die Angriffe müssen subtiler kommen. Als sie zum Thema Flüchtlinge und Integration überleitet, sagt sie mit Blick auf das Rollenverständnis einiger Migranten: Wenn Frauen heute eine andere Stellung hätten, "dann haben wir dafür gekämpft". Eifriges Nicken an der CDU-Basis. So schnell können Konservative zu Vorkämpfern der Emanzipation werden.

Nicht die Landespolitik, sondern die Flüchtlingspolitik bestimmt diesen Wahlkampf. Das ist nur logisch, das ganze Land redet ja darüber. Klöckner versucht, das aufzufangen. Mal instinktiv, mal geplant prescht sie in dieser Thematik immer wieder vor.

Frühzeitig startete sie eigene Flüchtlingsgipfel; sie forderte ein Integrationspflichtgesetz, für das sich sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel erwärmen konnte. Kommende Woche veranstaltet sie eine Gesprächsrunde mit dem früheren Verfassungsrichter Udo Di Fabio - der Mann, durch dessen Gutachten sich die CSU in ihrem Kurs gegen die Kanzlerin bestärkt fühlt. Klöckner macht gewissermaßen Flüchtlingspolitik an der Kanzlerin vorbei, ohne sich aber offen gegen sie zu stellen. Das geht nicht in diesem Wahlkampf. Auf gar keinen Fall.

Wenn sie gewinnt, dann ist sie ohnehin der neue Stern am CDU-Himmel. Dann wird vielen - und vielleicht ihr selbst auch - alles möglich scheinen. Dann steht die Nachfolge Merkels im Raum.

Aber was ist, wenn sie verliert? Ein zweites Mal verliert? In der Landespolitik wird sie dann nichts mehr. Und in Berlin? Da wäre sie dann auf Merkel angewiesen.

Heraus kommt eine Mischung aus Demut und Seehofer light. Ein politischer Drahtseilakt.

Sich zu zügeln, so heißt es, falle Klöckner nicht immer leicht. Die Katholikin gibt sich gern als zupackende Frau, bodenständig, "nah bei de Leut", wie sie im Südwesten sagen. Sie ist in Guldental nördlich von Bad Kreuznach auf einem Weingut aufgewachsen, später reiste sie als Weinkönigin um die Welt.

Weinkönigin Klöckner (1996): Das Image als einfache Winzerstochter aus der Provinz wurde sie lange nicht los. Nach ihrer Zeit als Weinkönigin arbeitete Klöckner als Journalistin, jahrelang als Chefredakteurin eines Sommelier-Magazins.
DPA

Weinkönigin Klöckner (1996): Das Image als einfache Winzerstochter aus der Provinz wurde sie lange nicht los. Nach ihrer Zeit als Weinkönigin arbeitete Klöckner als Journalistin, jahrelang als Chefredakteurin eines Sommelier-Magazins.

Klöckner spricht gern Dialekt, schüttelt jede Hand, die sie kriegen kann. Ihre Mitarbeiter nennt sie "Jungs". Als eine alte Frau um ein Autogramm bittet, muss sich ein Mann umdrehen, damit Klöckner auf seinem Rücken die Karte unterschreiben kann. Sie weiß, dass solche Gesten wirken.

Nur: Bei so viel Direktheit kann auch manchmal etwas schiefgehen.

Das war schon 2010 so, als Klöckner bei der Bundesversammlung das Ergebnis vorzeitig per Twitter verriet. Die Grünen forderten im vergangenen Herbst als Anspielung auf den Film "Zurück in die Zukunft" scherzhaft ein Verbot von "Hoverboards", fliegenden Skateboards. Klöckner nahm das ernst und echauffierte sich darüber. Und als sie sich jüngst im Streit um eine TV-Runde spontan auf die Seite der AfD schlug, war das nicht jedem in der Partei geheuer. Am Ende triumphierte Klöckner als Hüterin der Pressefreiheit. In der Landes-CDU sagen manche trotzdem, man müsse sie gelegentlich bremsen.

Offene Widerworte gibt es dagegen kaum, das kann Klöckner durchaus für sich verbuchen. Jahrelang galt die CDU in Rheinland-Pfalz als Chaos-Verband. Als Klöckner im Jahr 2010 dort Parteichefin wurde, war der gröbste Ärger gerade erst verraucht. Sie hält den Laden zusammen, trotz anfänglicher Vorbehalte.

Klöckner, Merkel: Einige sehen in der Rheinland-Pfälzerin eine mögliche Nachfolgerin der Kanzlerin. Doch dafür braucht sie den Erfolg.
DPA

Klöckner, Merkel: Einige sehen in der Rheinland-Pfälzerin eine mögliche Nachfolgerin der Kanzlerin. Doch dafür braucht sie den Erfolg.

Mittlerweile wird sie im Land immer beliebter. Auch dank ihrer Spagat-Strategie. Doch Klöckner muss sich immer weiter strecken. Nach den Silvester-Übergriffen von Köln verschärfte sich die Stimmung. In den Fußgängerzonen wurden ihre Wahlkämpfer gefragt, warum sie nicht wie Horst Seehofer eine klare Obergrenze für Flüchtlinge fordere.

Im Januar beriet sich Klöckner mit ihren Leuten. Ein Plan musste her. Etwas, das eher nach Seehofer als nach Merkel klingt, aber bei Bedarf anders interpretiert werden kann. Heraus kam "A2" - ein Konzept, das statt starren Obergrenzen "flexible Tageskontingente" vorsieht. Merkels Sprecher teilte knapp mit, der Plan sei eine "eigenständige Initiative" Klöckners. Dass daraus nichts wird, war klar. Mit Überzeugungspolitik hatte der Vorschlag sowieso wenig zu tun. Im Wahlkampf konnte Klöckner dagegen punkten.

Vor dem Congressforum in Frankenthal wehen orangefarbene CDU-Fahnen, drinnen spricht die Kanzlerin, Klöckner steht direkt neben ihr. Demonstrative Einigkeit. Insgesamt zehn Mal kommt Merkel im Wahlkampf nach Rheinland-Pfalz. Auch sie braucht den Erfolg.

Auf dem Podium sagt Merkel, sie sei Klöckner dankbar, dass sie in der Vergangenheit "federführend" über Integration gesprochen habe. Ein typisches Merkel-Lob, das man auch als Spitze verstehen kann. Bisher toleriert die Kanzlerin die Querschüsse wie "A2" aus Rheinland-Pfalz. Doch man hört: Klöckners Team will nachlegen, den Ton nochmals verschärfen.

Den ersten Beleg dafür gibt es an diesem Sonntag, nachdem der jüngste EU-Gipfel wieder keine echten Fortschritte in der Flüchtlingskrise gebracht hat. Klöckner veröffentlicht eine Erklärung, gemeinsam mit Guido Wolf, dem CDU-Spitzenkandidaten aus Baden-Württemberg. Darin steht zwar, Merkel sei ein "Glücksfall" für das Land. Zugleich aber erhöhen die Wahlkämpfer den Druck auf die Kanzlerin, bekräftigen Klöckners "A2"-Forderungen, die "ohne Verzögerung national" angegangen werden könnten.

Noch eine Prise mehr Seehofer also. Gepaart mit Demut natürlich, unbedingt.

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.