Künftige Land­wirt­schafts­ministerin Klöckner Absprung aus Pirmasens

Julia Klöckner soll Ministerin für Landwirtschaft und Ernährung in der neuen Bundesregierung werden. Nach zwei Wahlniederlagen in Rheinland-Pfalz bietet sich der CDU-Landeschefin eine neue Chance in Berlin.

DPA

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Landwirtschaft also. Es gibt glitzerndere und weitaus einflussreichere Ressorts in der Bundesregierung zu vergeben. Aber wer die designierte Ministerin Julia Klöckner in diesen Tagen trifft, kann leicht den Eindruck bekommen, es handele sich bei der Leitung dieses Ministeriums um das schönste Amt nach Papst. Mindestens.

"Der Ruf der Kanzlerin" habe sie ereilt, lässt sich Klöckner zitieren. Sie erzählt stolz von vielen Nachrichten und Glückwünschen "auch von Lehrern und Professoren aus meiner Schul- und Studienzeit", die sie erreicht hätten. Leute aus ihrem künftigen Ministerium hätten sich auch schon gemeldet und kundgetan, dass sie sich auf die Zusammenarbeit mit Klöckner freuten, heißt es aus ihrem Umfeld. Sogar erste Bewerbungen für einen Job dort seien schon bei ihr eingegangen

Wenn die CDU-Politikerin aus dem rheinland-pfälzischen Bad-Kreuznach in diesen Tagen von ihrer künftigen Aufgabe erzählt, spricht sie noch etwas schneller und begeisterter, als sie es ohnehin schon oft tut. Dabei habe sie sich für das Amt in Berlin gar nicht selbst beworben, erläuterte Klöckner kürzlich dem "Trierischen Volksfreund" und ergänzte staatstragend: "Die Bundeskanzlerin hat mich gebeten, sie zu unterstützen und in einer nicht leichten Zeit mitzuhelfen, mich in den Dienst zu stellen für unser Land und die Bürger."

Mag sein. Man kann allerdings auch zu dem Schluss kommen, dass Klöckner ihren Wechsel nach Berlin in den vorigen Monaten ziemlich energisch und zielstrebig vorangetrieben hat.

Glücklos in der Heimat

Schon im vergangenen Herbst dozierte sie in ihrem Mainzer Büro ausführlich über die verschiedenen Säulen der EU-Agrarförderung, plauderte über neue, freiwillige Labels für artgerechte Tierhaltung und erläuterte, warum sie das umstrittene Pestizid Glyphosat vorerst für unverzichtbar halte. Die 45-Jährige sondierte damals in der Arbeitsgruppe Landwirtschaft/Ernährung für die CDU die Chancen einer Jamaikakoalition mit FDP und Grünen.

Sie sei "gut im Stoff", ließ sie seinerzeit jeden wissen, der nach den Verhandlungen fragte. Schließlich sei sie bis 2011 schon mal parlamentarische Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium gewesen. Auch bei den Verhandlungen zur Großen Koalition führte sie in der Landwirtschaftsgruppe selbstbewusst das Wort für die CDU.

In ihrem Hauptjob, Oppositionsführerin im rheinland-pfälzischen Landtag, wirkte Klöckner dagegen schon seit fast zwei Jahren nicht mehr besonders glücklich. 2011 war sie aus dem Bundestag nach Mainz gewechselt, um der notorisch zerstrittenen und erfolglosen Landes-CDU zu einem Wahlsieg zu verhelfen und sich selbst ins Amt einer Ministerpräsidentin.

Die Bedingungen waren günstig: Bei der Landtagswahl vor sechs Jahren steckte der ausgelaugte SPD-Amtsinhaber Kurt Beck mit krachend gescheiterten Großprojekten wie dem Nürburgring-Ausbau in einem Strudel von Misserfolgen. Klöckner unterlag ihm trotzdem knapp.

Fotostrecke

11  Bilder
Fotostrecke: Karriereschub für Klöckner

Beim zweiten Anlauf, 2016, hatte Klöckners CDU wenige Wochen vor der Wahl in dem strukturkonservativen, katholisch geprägten Bundesland in den Umfragen einen scheinbar uneinholbaren zweistelligen Prozentpunktevorsprung vor den Sozialdemokraten. Klöckner hatte sich in ihrem komplett auf sie zugeschnittenen und recht pompös geratenen Wahlkampf schon als Ministerpräsidentin feiern lassen.

Doch sie verspielte den riesigen Vorsprung in atemberaubendem Tempo unter anderem durch eine unklare und wackelige Haltung zu Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Die SPD-Amtsinhaberin Malu Dreyer erschien den Wählern am Ende deutlich gradliniger und zuverlässiger.

Ein dritter Anlauf ist unwahrscheinlich

"Zu viel Paris, zu wenig Pirmasens", lästern Parteifreunde in Rheinland-Pfalz inzwischen halboffen über Klöckners Auftritte. Einen dritten Anlauf der ehrgeizigen CDU-Landesvorsitzenden, vermutlich noch einmal gegen Dreyer, kann sich inzwischen kaum noch jemand in der rheinland-pfälzischen CDU-Spitze vorstellen. Auch Klöckner selbst wohl nicht. Der Absprung nach Berlin kommt für sie zur richtigen Zeit.

In Rheinland-Pfalz haben sich potenzielle Nachfolger schon seit Monaten warmgelaufen, allen voran ihr Fraktionsvize Christian Baldauf. Der hatte den Job als Landtagsfraktionschef schon einmal gemacht, aber lautlos geräumt, als Klöckner 2011 ihre Chance suchte.

Vorerst will Klöckner nur den Fraktionsvorsitz in Mainz abgeben und sich noch einmal zur Chefin der Landespartei wählen lassen. Damit könnte sie sich in Berlin, ohne Bundestagsmandat, auf eine Hausmacht stützen. Zudem lässt das Parteiamt noch ein Hintertürchen zur Rückkehr offen, falls sie im Ministerium scheitern sollte.

Langfristig jedoch sieht sie ihre weiteren Karrierechancen wohl eher in Berlin. Die Rückkehr in die Hauptstadt wäre zwar deutlich glanzvoller gewesen, wenn sie eine gewonnene Landtagswahl hätte vorweisen können. Zur allerersten Reihe der Kandidaten für eine Merkel-Nachfolge zählt sie nun vorerst nicht mehr, zumal mit Annegret Kramp-Karrenbauer aus der Saarbrücker Staatskanzlei eine Konkurrentin in das Amt der CDU-Generalsekretärin gewechselt ist, der viele Unionisten deutlich mehr politische Substanz zugestehen als Klöckner.

Aber auch ihre Kritiker trauen Klöckner durchaus zu, das Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung ordentlich zu führen. Durchsetzungsfähig ist sie, das hat gerade erst Horst Seehofer zu spüren bekommen, der sein Innen- und Heimatministerium gerne auf Kosten des Landwirtschaftsressorts ausgebaut hätte. Und dass sie mit ihrer Herkunft aus einer rheinhessischen Weinbauernfamilie genug Stallgeruch für das neue Amt mitbringt, bezweifelt ebenfalls kaum jemand.

Sie müsse halt in Berlin jetzt erst einmal kleinere Brötchen backen und sich in dem etwas glanzlosen Ministerium bewähren, sagt ein altgedienter CDU-Mann. Dafür sei sie aber Pirmasens bis auf Weiteres schon mal los.



Sie wollen die Sonntagsfrage für den Bund beantworten? Stimmen Sie hier ab:



Zusammengefasst: Ihr Traum war es, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz zu werden - doch sie scheiterte zweimal. Nun wechselt CDU-Politikerin Julia Klöckner nach Berlin, um dort Landwirtschaftsministerin zu werden. Fachlich wird ihr das Amt durchaus zugetraut. Als Anwärterin auf die Merkel-Nachfolge gilt Klöckner trotz des Karriereschubs vorerst aber nicht mehr.



insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hohnspiegel 06.03.2018
1. Scharm eines Schirmständers
Sollte Baldauf wieder der Oppositionsführer und Spitzenkandidat der CDU in Rheinland Pfalz werden hat er keine Chance er hat die Ausstrahlung eines Schirmständers.
giovanni.rossi 06.03.2018
2. Zwei mal nix im Land reicht für Bund
Na hoffentlich wird es besser!
jozu2 06.03.2018
3. medienwirksam, aber nicht vertrauenswürdig
Klöckner hat zweifellos ein medienfähiges Auftreten, eine kamerageeignete Ausstrahlung. Aber - reines Gefühl ohne Beweise - sie strahlt nichts Ehrliches/Vertrauenswürdiges aus. Vielleicht war sie deshalb in RLP erfolglos und vielleicht will ich sie deshalb auch nicht als Ministerin sehen.
Proggy 06.03.2018
4. Spitzenkräfte
Wer gegen einen - seinerzeit schwer angeschlagenen - Kurt Beck verliert, der verliert auch gegen einen Kleiderständer. Man wollte sie einfach nicht, in einem verantwortungsvollen Amt. Daher, ist es natürlich schlüssig, diese Frau (das kann ihr wenigstens niemand absprechen), nach Berlin zu berufen. Frau Merkel hat ein 'Händchen', was ihre unmittelbare Polit-Umgebung betrifft. Nur keine starken und fähigen Leute im Umfeld, sonst ist der Kontrast zu augenfällig.
Balthasar1 06.03.2018
5. Die Unwissende
Sie hatte bislang keine Ahnung von der nun wichtigen Materie. Sie plaudert und hält Glyphosat für vorläufig unverzichtbar. Aber was machts. Die Lobbyisten werden ihr schon zeigen, wo es lang geht. Unabhängig davon: Es wäre töricht, sich mit den Mächtigen der Landwirtschaft anzulegen. Das hat noch niemand gewagt. Obwohl es in keinster Weise nachvollziehbar ist. Wir Steuerzahler werden zu Ader gelassen für etwas, was an völligem Irrsinn grenzt. Die Hälfte der Landwirte würde ausreichen, um Deutschland zu versorgen. Der Rest wird hochsubventioniert in alle Welt verschachert. Aber nicht, um dort Segen zu bringen. Nein. In den meisten Länder wird dadurch indirekt Armut erzeugt. Aber die Gülle bleibt im Land. Und Glyphosat auch. Die Natur stirbt leise vor sich hin. Die "Christlichen" und "Sozialen" geben ihren Segen dazu. Wofür haben wir unsere Stimme abgegeben. Um unwissende Karrieristinnen zu unterstützen? Was ist das für eine verrückte Welt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.