CDU-Werber Jung von Matt "Wir sind gescheitert"

"Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben": Mit dem Slogan hatte die Werbeagentur Jung von Matt die CDU in den Wahlkampf geschickt. Doch was wirklich in Deutschland passierte, habe sie zu spät gesehen, sagt der Agenturchef.

Wahlkampfplakat der CDU
AFP

Wahlkampfplakat der CDU


Die CDU hatte für ihre Bundestagskampagne einen echte Branchengröße verpflichtet: die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt. Mit dem Slogan "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben" (Hashtag: #fedidwgugl) warben sie entgegen ihres Prinzips für eine Partei. Nach dem Wahlausgang vom Sonntag zieht Agenturchef Thomas Strerath aber eine ernüchternde Bilanz: "Wir könnten enttäuschter nicht sein", schreibt er in einem Gastbeitrag beim Branchendienst "Horizont".

Die AfD sei früh als "wirkliches Problem ausgeschieden", schreibt Strerath, stattdessen habe man die Kampagne auf das Duell zwischen den Kanzlerkandidaten Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) zugeschnitten. Deshalb sei der Tag des TV-Duells, der 3. September, zum Tag der Entscheidung erklärt worden.

Merkel hatte Jung von Matt nach SPIEGEL-Informationen selbst ausgewählt. Die Agentur schlug in einem internen Wettbewerb mehrere Konkurrenten aus dem Feld, unter anderem den Kreativen Lutz Meyer, dessen Agentur Blumberry die erfolgreiche Kampagne für die Bundestagswahl 2013 kreiert hatte.

Bislang hatten die Hamburger vor allem für Unternehmen gearbeitet, unter anderem für den Autovermieter Sixt. 2001 entwarfen sie ein Plakat, das zwei Bilder Merkels zeigt. Eines mit ihrer normalen Frisur und eines, auf dem ihr die Haare zu Berge stehen. "Lust auf eine neue Frisur? Mieten Sie sich ein Cabrio", stand unter den Bildern.

"Nicht mehr genug Mut"

Nachdem das TV-Duell zur Zufriedenheit der CDU-Werber gelaufen sei, habe sich alles um die Frage der dritten Kraft gedreht, schreibt Strerath. Da sei die AfD wieder auf den Plan getreten.

"Wie hat die AfD das gemacht?", fragt Strerath. "Kein Charismat an der Spitze, kein Lindner mit Lodenmantel. Kein Programm und keine Lösungen. Sie haben den Mechanismus des Populismus in bester Manier genutzt." Die mediale Thematisierung und "Überhöhung der AfD, auch in Social Media", habe der Partei nur noch mehr Aufwind beschert.

Selbstkritisch schreibt der Jung-von-Matt-Vorstand, der für die CDU-Kampagne zuständig war, weiter: "Wir hatten in den drei Wochen nach dem TV-Duell, in den drei Wochen der Skandale der AfD, keine neue Antwort mehr." Kurz vor der Wahl sei da "nicht mehr genug Mut, genug Kraft, wenn überhaupt genug Erkenntnis über das da, was gerade in Deutschland passiert ist" da gewesen. "So haben wir vielleicht erst geholfen, das zu ermöglichen, was wir genau verhindern wollten." Merkel habe gewonnen, "wir sind gescheitert".

vks



insgesamt 23 Beiträge
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itmuwe61 25.09.2017
1. Selbstkritik
Löblich. Nur ob gute Werbung überhaupt eine angemessene Antwort auf die AfD finden kann? Die kommende Selbstdemontage der AfD sollte die Agentur "untermalen". Als Wiedergutmachung gewissermassen.
espada400 25.09.2017
2. Edeka etc. lassen grüßen
Das ist ein klassischer Fall von gegenseitigem Mißverständnis und grundverkehrter Annahmen. @JungvonMatt Politik ist eben nicht Edeka, Lidl, Rewe etc: "Mein Supermarkt, in dem ich gut und gerne einkaufe". @CDU: Eben weil Politik am Ende doch kein Supermarkt ist, verliert man Wähler.
mucschwabe 25.09.2017
3.
Es ehrt ja den Vorstand der Werbefirma, die Schuld auf sich zu nehmen. Aber Schuld für das schlechte Ergebnis der CDU hat die Vorsitzende. Deutschland geht es objektiv gesehen wirklich sehr sehr gut. Arbeitslosigkeit, Finanzen, Sicherheit, alles eigentlich besser als in vielen anderen Ländern und bei der Abwahl von Kohl oder Schröder. Trotzdem holt die Partei der Kanzlerin ein so wahnsinnig schlechtes Ergebnis! Woran liegt das?
vish 25.09.2017
4. Zuviel der Selbstkritik
Der Merkel-Slogan war schließlich genauso beschissen wie alle anderen. Gibt es eigentlich Statistiken, ob und wenn ja wie viele Wähler sich von den ganzen Plakaten beeinflussen lassen? Eine einzige bizarre Photoshop-Freakshow gepaart mit unsäglich dämlichen Parolen. Geldverschwendung first. Müllverbrennung second. Jawoll!
Pelao 25.09.2017
5. Tja, die Crux ist:
¿Wie verkaufe ich erfolgreich eine ansich erfolgreiche Regierung? ... Der Ansatz, alle Erfolge der Reformen dieser und der Vorgängerregierungen (seit 1998) auf eine Person zu münzen und dabei die negativen Folgen der Reformen (Hartz IV etc.) erfolgreich auf den kleineren Koalitions-Partner abzuwälzen, hat sich dieses Mal deutlicher als sonst als ein Griff ins Klo erwiesen. ... Politik lebt von der sachlichen Auseinandersetzung, das sollte auch so langsam ein Werbeheini mitbekommen. ... Hetze von den extremen Seiten sollte man halt nicht mit Weichspülaktionen aller Lenor, Vernell etc. begegnen ... Also Fazit ... Grandios gescheitert, Chapeau!
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