Jung vor Kunduz-Ausschuss Letzter Auftritt eines Unbelehrbaren

Vehement hat der ehemalige Wehrminister Franz Josef Jung seine Rolle nach dem Bombenabgriff in Kunduz verteidigt. Der geschasste Politiker bewies vor dem Untersuchungsausschuss hauptsächlich, dass sein erzwungener Abgang eine der wenigen richtigen Entscheidungen in der Affäre war.

Ex-Minister Jung (CDU) vor dem Kunduz-Untersuchungsausschuss: "Schaden abwenden"
ddp

Ex-Minister Jung (CDU) vor dem Kunduz-Untersuchungsausschuss: "Schaden abwenden"

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Berlin - Franz-Josef Jung wirkte an diesem Tag noch immer wie ein Minister im Einsatz. Seinen Weg durch die Flure des Bundestags machen breitschultrige Beamte des Bundeskriminalamts frei, sie chauffieren den Politiker auch durch die Hauptstadt. Jung selbst gibt sich die Attitüde eines Wichtigen. Man braucht den bulligen Hessen nur kurz anschauen, sofort nickt er dann vertrauensvoll jedem Unbekannten zu, lächelt manchmal sogar.

Doch Jung war nicht als Minister vor den Untersuchungsausschuss geladen. Ganz im Gegenteil: Als die Affäre um das Bombardement in Nordafghanistan aber vor allem der Skandal, wie die Bundesregierung den Fall über Tage und Wochen vertuscht hat, im Herbst 2009 richtig eskalierte, ließ Kanzlerin Angela Merkel ihren Minister über die Klinge springen. Jung durfte seinen Rückzug zwar selbst verkünden, doch jeder wusste, dass ihn die CDU-Chefin fallengelassen hatte.

Jetzt verteidigte sich Jung vehement. Noch in seinem Eingangsstatement bezeichnete er Vorwürfe der Vertuschung gegen ihn als "ehrabschneidend", er könne das nur "mit Nachdruck zurückweisen". Vielmehr ist sich Jung offenbar keines Fehlers bewusst. Wörtlich sagte er, dass sein Rücktritt nur dazu gedient habe, "Schaden von den Soldatinnen und Soldaten abzuwenden".

Er selber jedoch ließ nicht den Hauch einer Einsicht erkennen.

Fast emotional stellte sich Jung vor Oberst Klein

Jung bewies vor dem Ausschuss, dass seine Entlassung als Minister - ganz gleich aus welchem Amt - wohl die einzig richtige Entscheidung in der Affäre war. Detailreich legte er da, dass er entgegen dem ausdrücklichen Rat seines Hauses bis zum Sonntag nach dem Angriff davon ausging, es habe keine zivilen Opfer gegeben. Während weltweit die Medien von diesen Opfern berichteten und sein Ministerium zur Vorsicht mahnte, war Jung bei seiner Meinungsfindung völlig allein.

Statt sich von seinem Ministerium unterrichten zu lassen, alle verfügbaren Berichte zu lesen, verließ sich Jung auf einen mehr als befangenen Informanten. Mehrmals, so seine Aussage, habe er mit Oberst Klein in Kunduz telefoniert, der den Angriff durch zwei US-Kampfjets befohlen hatte. Da ihm Klein, der sich laut den Akten offenbar recht schnell seinen eigenen Fehlern bewusst war, keine Hinweise auf zivile Opfer übermittelte, haben sie für Jung einfach nicht existiert.

Fast emotional stellte sich Jung vor seinen Kommandeur. Bei allen Debatten über Opfer sollte nicht vergessen werden, dass die Bundeswehr damals in Kunduz "fast täglich in einer Gefechtssituation" gestanden habe. Plötzlich sehr detailliert berichtete er über Warnmeldungen vor Anschlägen gegen die Bundeswehr, über Angriffe auf die Soldaten und das Camp. Wie zur Zeit des Angriffs versuchte er damit, für Verständnis zu werben.

Die Presseabteilung agierte unkontrolliert

Die Aussagen von Jung machten auch deutlich, wie viel Arbeit sein Nachfolger Karl Theodor zu Guttenberg mit dem Wehrressort noch haben wird. So wurde plastisch sichtbar, dass die Presseabteilung des Hauses offenbar über Jahre völlig abgekoppelt agierte und nicht von der Führung geleitet oder kontrolliert wurde. Jung wiederum gab während der kritischen Tage Interviews, ohne sich die notwendigen Fakten aus seinen Stäben zu beschaffen.

Gleichwohl nahm Jung mit seinen Aussagen etwas Druck von seinem Nachfolger. Der Ex-Minister sagte aus, er habe bei der Übergabe der Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger zu Guttenberg den in der Öffentlichkeit jetzt stark diskutierten Feldjägerbericht zum Kunduz-Luftschlag nicht erwähnt. Ebenso unterstrich Jung, dass er den kritischen Bericht als "negativ" für die Bundeswehr einstufte.

Guttenberg dürfte dieses Argument aufgreifen und damit begründen, dass er von den von ihm gefeuerten Top-Beamten erwarten konnte, dass diese ihm den Bericht vorlegten.

Die Opposition zeigte sich in einer Zwischenbilanz enttäuscht von dem einstigen Minister. SPD-Politiker Rainer Arnold, der Jung seit Jahren kennt, bemerkte nach der Sitzung, Jung habe einfach nichts dazugelernt.

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Seite 1
semir, 20.01.2010
1.
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
Es wird viel geredet werden,die Verantwortlichen für den Tod von Zivilisten werden aber bestimmt nicht einen Knast von innen sehen.
Leto_II., 20.01.2010
2.
Zitat von semirEs wird viel geredet werden,die Verantwortlichen für den Tod von Zivilisten werden aber bestimmt nicht einen Knast von innen sehen.
N-TV hat schon läuten hören, das die Bundesanwaltschaft das Verfahren gegen Oberst Klein einstellen will, da nach geltendem VStGB keine strafbare Handung vorliegt. Das war nur eine Randbemerkung wert... Die Verantwortlichen für den Tod der Zivilisten sind also unter den Taliban zu suchen und die kommen in der Tat viel zu selten in den Knast.
saul7 20.01.2010
3. ...
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
es hat selten einen UA gegeben, der wirklich aufklärend gewirkt hätte. Meist bleibt vieles unter dem Teppich. In diesem Fall erwarte ich keine wesentliche Klärung der tatsächlichen Abläufe.
M@ESW, 20.01.2010
4.
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
Insbesondere Guttenberg also? Na dann frage ich mich wieso die so zimperlich sind? Dann könnten sie ihm doch gleich noch den Angriff auf Polen vorwerfen. Wen interessieren schon Amtszeiten und Zeitpunkt des Vorfalls.
henningr 20.01.2010
5.
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
Die Frage ist doch eher "soll der Untersuchungsausschuss die Kunduz-Affäre überhaupt aufklären?"
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