Deutschlandtag der Jungen Union Hoffen auf den "Brinkhaus-Effekt"

Die Junge Union sehnt den Abschied Angela Merkels von der CDU-Spitze herbei. Für Ekstase sorgte darum beim Deutschlandtag der JU der Mann, der der Kanzlerin zuletzt schwer zusetzte.

Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus (l.), JU-Vorsitzender Paul Ziemiak
DPA

Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus (l.), JU-Vorsitzender Paul Ziemiak

Aus Kiel berichtet Timo Lehmann


Im Vorraum der großen Arena auf dem Deutschlandtag der Jungen Union in Kiel hatte die CDU-Mittelstandsvereinigung Glassäulen aufgebaut. Die Delegierten durften mit orangefarbenen Bällen ein Stimmungsbild abgegeben: Wer wird nächster Kanzlerkandidat?

Einen klaren Sieger gab es da am Samstag noch nicht. Dicht beisammen lagen Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer und Gesundheitsminister Jens Spahn. Eine eindeutige Verliererin schon: Die Säule der Kanzlerin blieb so gut wie leer. Und diese Stimmung sollte sich am Sonntag auch spürbar aus dem Vorraum in die Arena übertragen.

Die Junge Union bereitet sich auf die Post-Merkel-Ära vor. Und die Anwärter für die Nachfolge der Kanzlerin nutzten das Wochenende und buhlten um die Zustimmung der Parteijugend.

Alle waren in Kiel: Günther, Laschet, AKK - und natürlich Spahn

Mit wem auch immer die Union nach 18 Jahren mit Parteichefin Angela Merkel weiterziehen wird, sie oder er wird die Jüngeren brauchen. Und weil die Debatte gerade so brodelt, hatte die JU selten solch einen Redenmarathon zu bieten. Sämtliche CDU-Granden, die für Merkels Nachfolgerschaft im Gespräch sind, fuhren nach Kiel.

Die Redner mussten einen gehörigen Spagat hinlegen: Bloß keine Unruhe vor den Landtagswahlen in Hessen und Bayern stiften. Und trotzdem: Distanz zur Regierung halten, um Missmutige auf seine oder ihre Seite zu ziehen.

Den Auftakt machten am Freitag die Ministerpräsidenten Daniel Günther, Schleswig-Holstein, und Armin Laschet, Nordrhein-Westfalen. Vor allem Laschet wurde deutlich: "Es muss jetzt Schluss sein mit diesem Theater in Berlin", polterte er, freilich ohne zu erwähnen, wen er für den andauernden Clinch zwischen CDU und CSU verantwortlich macht. Weder Laschet noch Günther nannten die Kanzlerin oder CSU-Chef Horst Seehofer namentlich, lieber warfen sie allen Flügeln der JU ein paar Häppchen hin.

Noch am Freitagabend wurde Paul Ziemiak zum JU-Vorsitzenden wiedergewählt - mit 91,1 Prozent das beste Ergebnis für den Posten, das es je gab. "Ich persönlich kann nicht schlafen, wenn die CDU bei 26 Prozent liegt", sagte er. Und pikste ein wenig die Parteichefin: "Wer Bundeskanzler dieses Landes sein möchte, der muss auch bereit sein, dieses Land in die Zukunft zu führen."

Angela Merkel, Paul Ziemiak
FOCKE STRANGMANN/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Angela Merkel, Paul Ziemiak

Die Kanzlerin, traditionell auch immer dabei, konnte vor ihrem Auftritt am Samstag also nicht unbedingt mit Begeisterung rechnen. Merkel hatte es immer schwer mit der JU. Doch es blieb erstaunlich reibungsfrei in Kiel. Die Kanzlerin ließ es entspannt über sich ergehen.

Mehrfach betonten Redner dann noch ihre Dankbarkeit für Merkels Leistung - um nach ihrer Abfahrt nonchalant nachzutreten: Die Amtszeit von Bundeskanzlern soll künftig auf zwölf Jahre beschränkt sein, entschieden die Delegierten. Der entsprechende Antrag kommt im Dezember beim CDU-Parteitag.

Einfacher hatte es Jens Spahn, bestens verwurzelt in der JU. "Zusammenhalt durch Zuversicht", forderte er. In der Jungen Union habe er gelernt, sich etwas zu trauen - auch mal zu gewinnen und zu verlieren in der Partei.

Spahn: "The best is yet to come"

Manche wollten das schon als versteckten Hinweis verstehen, Spahn könnte schon beim Dezember-Parteitag gegen Merkel um den CDU-Vorsitz antreten. "The best is yet to come!" ("Das Beste kommt noch"), rief Spahn in die Arena. Nur ein paar Stunden nach Merkels Auftritt war das, und die JU johlte.

Am Sonntag folgte Kramp-Karrenbauer, letzte im Schaulaufen potenzieller Merkel-Nachfolger. Die Generalsekretärin punktete mit JU-nahen Inhalten - neue Debatte über die doppelte Staatsbürgerschaft, eine Attacke auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Die größte Ekstase löste am Sonntag aber ein anderer aus: der frischgewählte Vorsitzende der Unionsbundestagsfraktion, Ralph Brinkhaus. Er hatte sich kürzlich so knapp wie überraschend gegen Merkels scheinbar ewigen Statthalter in der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Volker Kauder, durchgesetzt. Für die Kanzlerin war es eine herbe Niederlage.

So viel Revoluzzertum begeisterte die Jungunionisten, und nach Brinkhaus' zwar eher parteitaktischer, aber emotionaler Rede brachen Jubelstürme los. "Wir müssen aus der Defensive raus", sagte er. Und dass man die Partei bewegen solle, weg von Ausschüssen und Gremien, hin zu "Projekten", für die man auch außerhalb der Partei zur Mitarbeit anregen könne. Personalentwicklung sei entscheidend, und die Junge Union werde mit Ideen und Tatendrang gebraucht.

Minutenlang standen die Delegierten nach der Rede und applaudierten, so lange wie bei keinem anderen. "Ich bin völlig überwältigt", sagte Brinkhaus danach, als zahlreiche JU-ler sich um ein Selfie mit dem neuen Fraktionschef drängelten. Eine "saustarke" Rede sei das gewesen, lobte JU-Boss Ziemiak.

Und dann war wieder der Parteitag im Dezember Thema. Traut sich wer gegen Merkel - und wer?

Vielen erscheint es unwahrscheinlich, dass sich einer der großen Redner trauen wird, schon im Dezember die Kanzlerin anzugreifen. Zu groß ist die Gefahr des Scheiterns, die ein Karriereende bedeuten könnte.

Spannender sei da doch jemand aus der zweiten oder dritten Reihe, wie bei Brinkhaus eben. Kein Nobody, sondern nur einer, der noch auf der großen Bühne steht. Vom "Brinkhaus-Effekt" war viel die Rede. Ein Merkel-Sturz also, aber halb aus Versehen.

insgesamt 36 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dirkcoe 07.10.2018
1. Die CDU ist mit Merkel
genauso fertig, wie die CSU mit Seehofer. Beide sind noch ein paar Tage geduldet und werden dann unwürdig vom Hof gejagt. Merkel ist die gleiche tragische Figur, wie es vor ihr Kohl war. Mit ihrer Nachfolge hat eine Merkel rein gar nichts mehr zu tun.
albertwilhelm-s 07.10.2018
2.
als Merkel zum Auftakt als neue Vorsitzende eine Rede hielt,waren die CDU ler ganz aus dem Häuschen.Habe ich nie begriffen,wieso.....denn es war alles abgeschrieben aus einem VWL Lehrbuch,viele Allgemeinweisheiten: nix Besonderes für Leute,die was studiert haben. Hier ähnliches Phänomen?? Was mir gefäält,der Neue B hat wohl durch Ausbildung Wirtschaftssachverstand....als Einziger seiner PArteigenossen vermutlich.Bravo.Hoffentl. kann er das einsetzen.....
hpkeul 07.10.2018
3. Nun ja, die Junge Union...
Bis auf diese Überlebensmeldung "Deutschlandtag" hört man das ganze Jahr nichts von diesem Verein. Ich war da in der frühen Steinzeit einmal Mitglied. Schon damals diente die JU hauptsächlich den Karriereplänen von Knaben in schicken Anzügen. Und chic ist es wohl derzeit, auf Kosten der Kanzlerin "Profil" zu gewinnen. Ohne allerdings ernsthaft Zukunftsfähiges auch nur vorzutragen. Die Union war immer schon eine Kanibalenpartei. Die Idee: wenn wir oben einen abschießen, rücken die anderen eins rauf. Meine Erfahrungen mit der Union war, dass dann immer Schwache nach oben gespült werden. Merkel ist seit 13 Jahren ein Glücksfall für das Land und die CDU. ES wäre tragisch, wenn wir das erst merken wenn sie weg ist
frank.huebner 07.10.2018
4. Chance verpasst
Wie auch Kohl, Adenauer, Schröder hat Merkel die Chance zu einem selbstbestimmten, würdigen Abgang verpasst. Fast schon traurig. Nun wird sie schon abgefertigt, obwohl sie noch im Amt ist. Macht hat sie nun nur, solange sie noch Uhterstützer findet. Kraft Amzes hat sie keine UNterstützer mehr. Nun kratzen Nullnummern wie Spahn, Laschet, Günther an der Tür. ZUm Glück ist Uschi vd Leyen aus dem Rennen. Aber der Rest ist genauso schlimm.Wir werden uns Mutti noch zurückwünschen.
g.raymond 07.10.2018
5. Na, mal abwarten
Das sind bisher alles Sprechblasen von den potentiellen Kandidaten einer Merkel-Nachfolge. Meines Erachtens wird die politische und rationale Kompetenz von Merkel total unterschätzt. Das Problem der CDU ist nicht Merkel, sondern der Klotz von Seehofer, Söder, der eitlen konservativen Werte-Union oder Leuten wie Röttgen, der an Merkels Beinen hängt und für die schlechten Ujmfragewerte hauptverantwortlich ist. Warten wir mal die Bayernwahl ab. Wenn Söder und Seehofer scheitern, dann entstehen neue Perspektiven. Entweder die CSU bekommt bessere Spitzenleute oder die CDU dehnt sich nach Bayern aus. CDU-Spitzenleute wie Daniel Günther oder Laschet würden mit Merkel ein starkes team bilden. Die anderen sind für die breite Wählerschicht gar nicht wählbar.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.