Jungstar Guttenberg Seehofers Quälgeist

Es ist der Beginn eines neuen Machtkampfs in der CSU: Offiziell geben sich Jungstar Guttenberg und Parteichef Seehofer harmonisch - doch intern konkurrieren sie um die Meinungsführerschaft in der Partei. Muss Seehofer schon bald seinen Abschied nehmen?

dapd

Von und


Potsdam/Berlin - Horst Seehofer hat über die deutsche Leitkultur geredet, über Hartz IV und die Atomenergie. Der Applaus beim Parteitag der Jungen Union war ganz okay. Jetzt muss er nur irgendwie diese Sache mit seinem angeblichen Rivalen abräumen. Ach, sagt also der CSU-Chef, der Karl-Theodor sei "ein starker Politiker".

Der Satz ist noch nicht zu Ende. Aber es ist aus. Jubel schneidet Seehofer das Wort ab. Es genügt schon die Erwähnung von Guttenbergs Vornamen, um die JU-Vertreter am vergangenen Wochenende in Potsdam zu elektrisieren.

So geht es Horst Seehofer derzeit ständig. Ihm wird vor Augen geführt: Der neue Star der Union ist Karl-Theodor zu Guttenberg. Seehofer dagegen ist das Auslaufmodell der CSU.

Er ist jetzt 61 Jahre alt, seit vier Jahrzehnten in der Politik, 28 Jahre im Bundestag, Staatssekretär, Bundesminister, Regierungschef im Freistaat. Er, der Sohn eines Lastwagenfahrers, hat sich von ganz unten nach ganz oben gekämpft. Guttenberg ist der Gegenentwurf. Ein Adeliger, dem Großgrundbesitz und Vermögen in die Wiege gelegt wurden. "Ein Aufsteiger, der von oben kommt", schrieb der "Stern".

Vor zwei Jahren noch ein Hinterbänkler im Bundestag, finden den fränkischen Freiherrn heute 70 Prozent der Deutschen sympathisch. 67 Prozent glauben laut Umfragen, das Ehepaar Guttenberg würde Deutschland gut repräsentieren. Ein Drittel würde eine neue Partei wählen, wenn nur Guttenberg ihr Vorsitzender wäre. Seehofers Popularitätswerte dagegen verharren im Mittelfeld, irgendwo zwischen Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin. Die Medien spekulieren derweil, Guttenberg könnte Angela Merkel im Kanzleramt beerben.

"Immerhin habe ich Karl-Theodor erfunden"

Das ist zuerst einmal Seehofers Problem. Denn der logische Weg nach Berlin führt für Guttenberg über München. Seehofer, das sei ja der bayerische Ministerpräsident, scherzte Harald Schmidt: "Jedenfalls so lange, bis Guttenberg sagt: 'Danke, es reicht'."

Genau das ist die Stimmung, die Seehofer seit Wochen in seiner Partei erlebt. Das ist die Stimmung, die ihm bei der JU in Potsdam entgegenschlägt. Junge Leute können grausam sein. Sogar der gescheitelte oder auf Highheels stöckelnde Unionsnachwuchs. "Ich bin stolz", ruft Seehofer in den nicht enden wollenden Applaus für den Rivalen hinein. Er hebt die Hand, lässt sie sinken. Er lächelt nicht mehr. Jetzt hilft nur noch Ironie: "Immerhin habe ich den Karl-Theodor erfunden."

Diese Situation könnte Seehofer in wenigen Tagen schon wieder bevorstehen, Ende Oktober trifft sich die CSU zum Parteitag in München. Seehofer versus Guttenberg - es ist ein subtiler Machtkampf, der schon längst entschieden ist. Denn der eine muss nur warten, bis der andere fällt. Guttenberg hält sich zurück: "Bizarr" sei das, was derzeit über ihn berichtet werde, sagt er zu all den Kanzlerspekulationen, "fern aller realistischen Betrachtungen" und daher "völliger Scheiß". Aus Seehofers Ecke heraus betrachtet ist das ein merkwürdiger und unwürdiger Kampf.

Die Stimmung in der CSU ist mies, in den Umfragen dümpelt die einstige Staatspartei um die 40 Prozent, Seehofer gilt Funktionären und Parteivolk als wankelmütig. Das war mal anders. Als notorischer Außenseiter gehörte Seehofer zu Volkes Lieblingen. Er zog Gräben zwischen sich und die politische Klasse.

Doch vorbei die Zeiten von Seehofer, dem Star, dem etwas anderen Politiker.

Diese Rolle hat längst Guttenberg übernommen. Der erklärt sich zum anderen in der Politik. "Das ist moderner Populismus, und in diesem Sinne ist Guttenberg Deutschlands größter Populist", schreibt der SPIEGEL. Deutschlands größter Populist - das wollte ja immer Seehofer sein. Zuletzt hat er es wieder versucht, in der Zuwanderungsdebatte und der Formulierung von den "fremden Kulturkreisen".

Seehofer will Aufmerksamkeit, wieder nach vorne kommen. Nicht immer nur Guttenberg soll bestimmen, was CSU ist.

Längst aber ist ihm der 38-Jährige außer Kontrolle geraten. Als der CSU-Chef den Adeligen mit dem kuriosen Satzbau vor zwei Jahren erst zum Generalsekretär und dann zum Bundeswirtschaftsminister machte, glaubte er, seinen Mann an Merkels Kabinettstisch zu haben. "Unser Ribéry", pflegte Seehofer in dieser Phase in Anspielung auf den Star des FC Bayern über Guttenberg zu sagen.

Seehofer macht jetzt den Landesvater

Doch Guttenberg verfolgte seine eigene Agenda. Und die hieß: gerader Rücken, Inszenierung als guter Alien. Im Streit um die Opel-Hilfen drohte er mit Rücktritt. Als es um Staatshilfen für den bayerischen Versandhändler Quelle ging, widersprach er Seehofer. Der tobte in München.

Seitdem ist die Rivalität der beiden virulent.

Die Kanzlerin beobachtet diesen heimlichen Machtkampf noch gelassen. Seehofer ist für sie der Springteufel der Koalition, immer unberechenbar. Dass Guttenberg und seine Frau sich zu inszenieren wissen und oft und gern im Rampenlicht stehen, beobachtet die Regierungschefin offiziell mit Wohlwollen. Im kleinen Kreis spricht sie selbst schon mal vom "Powerpaar".

Für Seehofer ist die Guttenberg-Bedrohung akut.

Anfangs gab es beim CSU-Chef noch die Hoffnung, dass sich Guttenberg selbst entzaubern würde, wenn er das erste Mal konkrete Politik machen müsse. Nun ist Guttenberg tatsächlich konkret geworden, hat sich die Aussetzung der Wehrpflicht vorgenommen. Seehofer ging auf Konfrontation, erklärte die CSU zur "Partei der Wehrpflicht". Nur ein paar Monate später spricht er von der "Partei der Berufsarmee". Guttenberg hat sich durchgesetzt.

Der CSU-Chef ist nicht mehr Herr seiner Partei. Vergangenen Donnerstag stellte er wegen der anhaltenden Gerüchte um Guttenberg sogar klar, dass er 2012 wieder für den Parteivorsitz kandidieren werde. Man kann das auch als Kampfansage an den Freiherrn lesen. Freiwillig, so signalisiert Seehofer, wird er nicht gehen.

Das gilt offenbar mehr noch für das Amt des Ministerpräsidenten. Das will Seehofer unbedingt halten, wenn möglich über die Landtagswahl 2013 hinaus. Er werde kämpfen, hat er intern bereits deutlich gemacht. Der einstige Solospieler habe sich zum Machtpolitiker gewandelt, sagen sie in seinem Umfeld respektvoll.

Ein Beleg für den Willen zur Macht? Seehofer habe sich jüngst zur strikten Haushaltsdisziplin in Bayern bekannt, obwohl die Kassenlage schwierig ist. Er braucht dieses Thema für den Landtagswahlkampf in drei Jahren, will sich als verlässlicher Landesvater zu profilieren.

Wenn ihn Guttenberg dann lässt.

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Seite 1
adolf66meier 16.10.2010
1. Karl-Theodor zu Guttenberg? Schlimm
Zitat von sysopDer derzeitige Verteidigungsminister ist die Lichtgestalt der Regierung: sicheres Auftreten in den Medien, wenig Fehler, Glaubwürdigkeit beim Wähler und veritable Starqualitäten zeichnen Karl-Theodor zu Guttenberg aus. Viele sehen in ihm den nächsten Kanzler. Hat der Minister tatsächlich das Zeug dazu?
Der derzeitige Verteidigungsminister ist - oberflächlich betrachtet - eine Lichtgestalt: Bei genauerem Hinsehen jedoch erkennt man in der Kunduz-Affäre das Abstrafen von 2 treuen politischen Soldaten zu Bauern-Opfern und das "Dehnen der Wahrheit" bis kurz vor die Lüge durch Herrn zu Guttenberg. Wenn sich unser Volk das klar macht, ist der Herr Minister entzaubert. Er hat also NICHT das Zeug zum Deutschen Bundeskanzler. Es sei denn, es geht nur noch um Glamour und Heucheln. Allen SPIEGEL online Mitarbeitern und uns SPIEGEL usern ein angenehmes Wochenende Adolf Meier, NIEDERSACHSEN
jasyd 16.10.2010
2.
Zitat von sysopDer derzeitige Verteidigungsminister ist die Lichtgestalt der Regierung: sicheres Auftreten in den Medien, wenig Fehler, Glaubwürdigkeit beim Wähler und veritable Starqualitäten zeichnen Karl-Theodor zu Guttenberg aus. Viele sehen in ihm den nächsten Kanzler. Hat der Minister tatsächlich das Zeug dazu?
Wer denn sonst? Der einzige deutsche Politiker der Rückgrat, Intelligenz und Ausstrahlung besitzt.
friedrich_eckard 16.10.2010
3.
Wenn Adenauer nach dem Wort Kurt Schumachers der "Kanzler der Allierten" war, dann wäre der gegelte Freiherr ohne juristisches Assorexamen der "Kanzler der Gelben Presse". Dass man dieses Thema überhaupz ernsthaft diskutieren muss... aber da war doch mal was: "Aber der ist doch kein Kopf", ... ...: "Das soll er ja auch nicht sein. Aber er ist ein Hut." Guttenberg? Nein, Franz von Papen, und die drei Punkte vor dem Doppelpunkt stehen für "Schleicher".
oliver twist aka maga 16.10.2010
4.
Zitat von adolf66meierDer derzeitige Verteidigungsminister ist - oberflächlich betrachtet - eine Lichtgestalt: Bei genauerem Hinsehen jedoch erkennt man in der Kunduz-Affäre das Abstrafen von 2 treuen politischen Soldaten zu Bauern-Opfern und das "Dehnen der Wahrheit" bis kurz vor die Lüge durch Herrn zu Guttenberg. Wenn sich unser Volk das klar macht, ist der Herr Minister entzaubert. Er hat also NICHT das Zeug zum Deutschen Bundeskanzler. Es sei denn, es geht nur noch um Glamour und Heucheln. Allen SPIEGEL online Mitarbeitern und uns SPIEGEL usern ein angenehmes Wochenende Adolf Meier, NIEDERSACHSEN
Über die zwei "treuen politischen Soldaten" gibt es unterschiedliche Versionen. Wer will schon entscheiden, welche die richtige ist. Ich sehe drei starke Minister im Kabinett - von denen der eine gesundheitlich schwer angeschlagen ist (Schäuble), der zweite medial vielleicht zu wenig präsent ist (de Maiziere) und eben Guttenberg. (Frau von der Leyen gehört eindeutig nicht dazu.) Guttenberg hätte in zwei, drei Jahren vielleicht das Zeug zum Kanzler.
Maputo, 16.10.2010
5. Welche nächste Sau wird durchs Dorf getrieben?
Tag und Nacht denken die Medien darüber nach, welche Sau sie als nächste durchs Dorf treiben können. Jetzt ist gerade Guttenberg dran - bisher noch nicht auf allen Vieren. Irgend einen Löffel einer Substanz hat er noch nicht geliefert - offensichtlich in Deutschland heutzutage gar nicht notwendig, weil wir ja wieder (Charakteristisch in Deutscher Historie) in eine Phase der romantischen Esoterik fallen. Als nächstes kommt dann mal wieder eine Deutsche Rambo-Phase.
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