Jusos gegen GroKo Die SPD braucht dieses Jugendbeben

Mit Werbung für Neueintritte wollen die Jusos eine Große Koalition verhindern. Die SPD-Führung sperrt sich, dabei sollte sie die Jungen machen lassen: Großbritanniens Labour-Partei hat sich so das Überleben gesichert.

Corbyn-Unterstützer beim Glastonbury-Festival
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Corbyn-Unterstützer beim Glastonbury-Festival

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Die Stimmung im Land war euphorisch. Junge Leute trugen T-Shirts mit dem Namen des Parteivorsitzenden im Stil des "Superman"-Logos. Auf den Jutebeuteln der Großstädter prangte das Motto des Wahlprogramms. Beim größten Musikfestival des Landes grölten die Besucher ausgelassen den Namen des Parteivorsitzenden nach der Melodie von "Seven Nation Army".

Bei Neuwahlen hatte die Partei, die durch den massenhaften Eintritt neuer Mitglieder zuvor einen Linksruck erfahren hatte, entgegen aller Prognosen ein sensationelles Ergebnis erzielt. Eine wackelige Regierungskoalition ließ sie aber lieber die anderen bilden; sie selbst war stark genug, um die Politik des Landes aus der Opposition heraus zu beeinflussen.

Das ist kein Bericht aus der Zukunft der SPD, sondern aus der jüngsten Vergangenheit der britischen Labour-Partei. An deren Erfolgsgeschichte orientieren sich zurzeit viele in der deutschen Politik: Die Jusos zum Beispiel, die mit ihrem Aufruf zum Parteieintritt, um die Große Koalition doch noch zu verhindern, eine Strategie linker Labour-Sympathisanten übernehmen.

Nachdem Labour bei den Parlamentswahlen 2015 krachend verloren hatte und der Parteivorsitzende Ed Milliband zurückgetreten war, gab es im Vorfeld der Urabstimmung über den nächsten Vorsitzenden einen sprunghaften Anstieg bei den Mitgliedschaften. Am Ende waren mehr als doppelt so viel Menschen wie zuvor abstimmungsberechtigt - und sie wählten mit überwältigender Mehrheit Jeremy Corbyn, den am weitesten links positionierten unter den vier Kandidaten. Ein unvorstellbarer Kantersieg, denn zuvor war es Corbyn nur denkbar knapp gelungen, die nötige Zahl an Parlamentsabgeordneten zur Unterstützung seiner Kandidatur aufzubringen.

"Youthquake" wurde in Großbritannien zum Wort des Jahres

Trotz Corbyns überzeugendem Sieg stellte das Parteiestablishment seinen Führungsanspruch in Frage: Kaum ein Jahr im Amt kam es zu einer Kampfabstimmung. Statt zu verlieren, baute Corbyn seinen Stimmanteil jedoch weiter aus. Zweifel an seiner Fähigkeit, einen nennenswerten Teil der Wählerschaft zu mobilisieren, blieben dennoch. Am 8. Juni 2017 waren auch diese hinfällig: Bei den von Premierministerin Theresa May aus strategischen Gründen ausgerufenen Neuwahlen zog Labour fast mit den regierenden Tories gleich und kam auf 40 Prozent der Stimmen - ein Zuwachs von rund zehn Prozentpunkten, der sich in einen Gewinn von über 30 Sitzen im Parlament übersetzte.

Noch beeindruckender waren die Zahlen unter den jungen Wählerinnen und Wählern: Hier betrug der Vorsprung von Labour gegenüber den Tories bis zu 35 Prozent - daher die T-Shirts, Jutebeutel und Jubelgesänge. "Youthquake" (Jugendbeben) wurde in Großbritannien zum Wort des Jahres gewählt. In Deutschland war es "Jamaika-Aus".

In Zeiten von Brexit kann die SPD, zugegeben, nur bedingt etwas von ihrem britischen Pendant lernen - nicht zuletzt aber auch deshalb, weil es kaum mehr "altlinke" Recken wie Corbyn in den Reihen der deutschen Sozialdemokraten gibt. Aber die Vehemenz, mit der die SPD-Führung alle Erneuerungen bekämpft, die bei ihrer britischen Schwesterpartei so erkennbaren Erfolg hatten, ist bemerkenswert. Nicht nur steuert die Parteiführung gerade dagegen an, dass alle von den Jusos neu angeworbenen Mitglieder auch über eine mögliche Regierungsbeteiligung abstimmen können. Sie hat zuvor auch Sahra Wagenknechts Forderung nach einer linken Sammelbewegung eine rigorose Abfuhr erteilt.

Lossagung vom neoliberalen Projekt der "neuen Mitte"

Genau so eine Sammelbewegung war es aber, die Labours sensationelles Abschneiden bei den vergangenen Wahlen mit ermöglicht hat: Sie heißt "Momentum", was sich am besten mit Lauf (im Sinne von "hat einen Lauf") übersetzen lässt. 2015 in der Folge von Corbyns Gewinn des Parteivorsitzes entstanden, ist "Momentum" zu einem Netzwerk mit 31.000 Mitgliedern und 170 Ortsgruppen angewachsen. Mit Hilfe dieses alternativen - und jungen! - Parteiapparats konnte Labour seinen Wahlkampf 2017 viel breiter aufstellen und mehr Leute erreichen.

Der wichtigste Schritt, den Labour unter Corbyn vollzogen hat, ist allerdings ein anderer: Die Partei hat sich vom neoliberalen Projekt der "neuen Mitte" losgesagt. Ein schmerzhafter und von harten Grabenkämpfen begleiteter, letztlich aber alternativloser Prozess. Erst als die Verbindungen zu "New Labour" und dessen Erfinder Tony Blair gekappt waren, konnte sich die Partei glaubhaft als neu wählbar präsentieren.

Wie weit die SPD von so einer Erneuerung entfernt ist, zeigte sich im Sommer 2017. Während Großbritannien von Corbynmania erfasst war, ließ sich Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten küren. Auf der Bühne mit ihm: Gerhard Schröder.

Solange die SPD immer noch an Ideen und Personal der "neuen Mitte" festhält, wird es nichts mit T-Shirts, Jutebeuteln und Jubelgesängen. Das kann sie in jedem Fall von Labour lernen.

Hinweis: In einer ersten Version dieses Textes war vom deutschen Institut Solidarische Moderne (ISM) die Rede, das nach dem Vorbild des britischen Netzwerks "Momentum" gegründet worden sei. Tatsächlich wurde das ISM bereits 2010 gegründet. Wir haben den entsprechenden Absatz gestrichen.



insgesamt 117 Beiträge
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auf_dem_Holzweg? 24.01.2018
1. das machen alle Parteien so
Außnahme vielleicht ist die FDP. Die Jungen Leute bekommen weder Chancen noch Gehör, Entscheidungen treffen grundsätzlich Personen > 60. Warum? Weil sich diese älteren Herrschaften nie Gedanken über ferne Renten und eine ferne Zukunft machen müssen. Und deswegen haben wir auch Umweltskandale wie Diesel oder Glyphosat, denn die ältere Generation wird eines mit Sicherheit nicht: daran sterben. Das überlassen sie den Jungen Leuten, mehr aber auch nicht. Die heutige Politik ist die eines alten, kranken, senilen Mannes, der nicht einsieht, den Stuhl zu räumen, obwohl er nur noch sabbert, nicht mehr laufen und schon gar nicht mehr hören kann.
kraut&ruebe 24.01.2018
2. Ach was
Solange die SPD in den neuesten Umfragen ein dickes Ruhepolster von 4 %-Punkten vor der AfD hat, muss sie gar nichts aendern. Immer weiter so!
joG 24.01.2018
3. Corby ist eine hervorragende....
...Wahl, wenn man mit politscher ideologie, die theoretisch und empirisch vor einem halben Jahrhundert schon als schädlich erkannt war, ein Land herunterziehen will. Das jugend träumt ist klar. Sie zu wollen ist irreal.
Mayor Kane 24.01.2018
4. So soll es sein.
Frischer Wind in der SPD ist jetzt genau das Richtige. Die alten Haudegen können den Karren offenbar nicht mehr aus dem Schlamm ziehen, in den sie ihn reingeschoben haben. Zeit für die Jüngeren!
daktaris 24.01.2018
5. Naja
Das erinnert doch eher an eine linke AfD. Eine utopstische Protestpartei, in dem Fall nicht rechts und national-konservativ sonder eben links. Wenn das die Zukunft der SPD sein soll, dann gute Nacht. Die zukunft einer Volkspartei liegt in der Mitte und nicht am linken oder rechten Rand.
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