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Anschlag in Villingen-Schwenningen: "Wer Handgranaten auf ein Flüchtlingsheim wirft, ist Terrorist"

Der Handgranatenanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Baden-Württemberg sorgt für Entsetzen. Ministerpräsident Kretschmann nennt die Attacke unfassbar, der niedersächsische Innenminister Pistorius spricht sogar von Terrorismus.

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Ermittelnde Beamte vor Flüchtlingsunterkunft: Warum explodierte die Granate nicht?

Es klingt beinahe nach einem Wunder, dass bei dem Anschlag mit einer scharfen Handgranate auf ein Flüchtlingsheim niemand zu Schaden kam - noch ist unklar, warum der Sprengkörper auf dem Gelände der Unterkunft im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen nicht explodierte. Auch so führt die Attacke zu heftigen politischen Reaktionen.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sagte zu dem Anschlag in seinem Bundesland: "Das ist wirklich unfassbar, dass jetzt schon mit Handgranaten - quasi mit militärischen Waffen - auf Asylsuchende losgegangen wird."

Auch Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) reagierte bestürzt: "Das Ausmaß der Gewalt ist erschreckend", sagte er. Man müsse noch mehr dafür tun, für eine offene und tolerante Gesellschaft einzutreten. "Sprengkörper auf Flüchtlingsheime fliegen heute schon, wir dürfen nicht abwarten, bis es die ersten Toten gibt", so Maas. "Wir können alle nur dankbar sein, dass dieses Mal niemand verletzt wurde."

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius spricht sogar von Terrorismus angesichts der Tat. "Handgranaten sind Kriegswaffen. Wer Handgranaten auf ein Flüchtlingsheim wirft, ist Terrorist", sagte der SPD-Politiker SPIEGEL ONLINE. "Es geht solchen Tätern darum, Angst und Schrecken zu verbreiten, sie werden dabei immer skrupelloser und riskieren sogar eiskalt und ganz bewusst den Tod von unschuldigen Menschen." Pistorius sagte weiter: "Politik und Gesellschaft, wir alle gemeinsam sind jetzt umso mehr gefordert, uns klar zu positionieren gegen solche terroristisch agierenden Gewalttäter."

Bundesjustizminister Maas mahnte, die Täter dürften nicht ungestraft davonkommen. "Sie müssen konsequent ermittelt und bestraft werden", forderte der SPD-Politiker. "Der Anstieg von Angriffen gegen Flüchtlinge, Helfer oder Polizisten ist insgesamt dramatisch", erklärte er.

Die scharfe Handgranate war um 1.15 Uhr auf dem Gelände der Unterkunft im Schwarzwald-Baar-Kreis gelandet. Der Splint, mit dem solche Sprengkörper gesichert werden, war gezogen, die Granate explodierte jedoch nicht. In der Granate befand sich Sprengstoff. Es sei aber unklar, ob sich auch ein Zünder darin befand. Sicherheitskräfte entdeckten die Granate, Entschärfer sprengten sie. Menschen kamen nicht zu Schaden.

Sonderkommission ermittelt

Laut Polizei handelte es sich um den ersten derartigen Vorfall in Villingen-Schwenningen. Die Sonderkommission "Container" hat die Ermittlungen übernommen. Derzeit suchen Ermittler die Umgebung des Tatorts nach Beweisen ab.

In der Flüchtlingsunterkunft, einer ehemaligen Kaserne, sind rund 170 Asylbewerber untergebracht. 20 Bewohner der Einrichtung mussten kurzzeitig ihre Wohnungen verlassen.

Zu möglichen Verdächtigen sagte Thomas Kalmbach, Sprecher der Polizei in Tuttlingen, SPIEGEL ONLINE: "Zur Gruppe 'Refugees Welcome' gehörte der Täter sicher nicht." Ob die Angreifer einen rechtsextremistischen Hintergrund haben, sollen die Ermittlungen zeigen.

In Baden-Württemberg gab es nach Auskunft des Innenministeriums vom Freitag im vergangenen Jahr 68 Übergriffe gegen Flüchtlingsunterkünfte. In Deutschland wurden im gleichen Zeitraum mit 173 Gewalttaten mehr als sechsmal so viele Übergriffe verzeichnet wie noch 2014, hatte das Bundeskriminalamt (BKA) am Donnerstag mitgeteilt. Besonders extrem ist die Zunahme bei den Brandstiftungen, wo die Zahl im Jahresvergleich von 6 auf 92 stieg. Seit dem 1. Januar 2016 hat das BKA weitere zehn Gewalttaten gegen Asylunterkünfte erfasst.

Die Gesamtzahl der Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte stieg um mehr als das Fünffache von 199 auf 1005. Davon wurden 901 Taten als politisch motivierte Kriminalität (PMK) dem rechten Spektrum zugeschrieben. Im gesamten Jahr 2014 waren es noch 199 Straftaten gewesen, von denen 177 als PMK-rechts gewertet wurden.

flo/AFP/dpa

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