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Kalter Krieg beim Eichmann-Prozess: Aktenklau für die Adenauer-Republik

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Es war ein brisanter Auftrag, wohl abgesegnet vom BND: 1961 bestahl ein Vertrauter des damaligen Kanzlers Adenauer nach SPIEGEL-Recherchen einen DDR-Anwalt und nahm Dokumente mit. Er wollte sicherstellen, dass im Eichmann-Prozess keine BRD-Politiker belastet werden.

Adolf Eichmann: Hitlers Schreibtischtäter Fotos
Getty Images

Hamburg - Während des Eichmann-Prozesses in Israel haben ein Vertrauter des damaligen Kanzlers Konrad Adenauer und ein Reporter der "Bild"-Zeitung aus dem Hotelzimmer eines DDR-Anwalts in Jerusalem Dokumente gestohlen, um sie dem Bundesnachrichtendienst (BND) zu übergeben. Pikantes Detail: Der Journalist war ein Schwager Axel Springers. Das geht aus Recherchen des SPIEGEL im Archiv des Auswärtigen Amtes hervor. Danach handelte sich bei den entwendeten Papieren um "Aufzeichnungen, Vollmachten und alle möglichen Unterlagen, in denen eine ganze Reihe von Namen westdeutscher Persönlichkeiten enthalten sind".

Grund für den Diebstahl im Jahr 1961 im King David Hotel in Jerusalem: Adenauer fürchtete, während des Verfahrens gegen Adolf Eichmann könnten westdeutsche Politiker oder Beamte aufgrund ihrer Vergangenheit im "Dritten Reich" belastet werden und dass auf diese Weise das Ansehen der jungen Bundesrepublik leide. Der bestohlene DDR-Anwalt Friedrich Karl Kaul beobachtete nämlich im Auftrag Ost-Berlins das Verfahren und beschuldigte immer wieder öffentlich die Bundesregierung, Alt-Nazis zu decken.

Eichmann zählte zu den wichtigsten Organisatoren des Holocaust und war 1960 aus Argentinien nach Israel entführt worden, wo er vor Gericht gestellt wurde. Das Verfahren sorgte weltweit für großes Aufsehen, und Adenauer schickte daher eine offizielle Beobachterdelegation nach Jerusalem.

Zu ihr zählte einer der beiden Diebe, nämlich Rolf Vogel, Reserveoffizier der Bundeswehr und dort in psychologischer Kriegführung geschult. Der PR-Fachmann galt in Bonn als Mann des BND und zählte zu den Vertrauten des Kanzlers.

Für das Eichmann-Verfahren ließ er sich von seinem aktuellen Posten im Verbindungsbüro der Europäischen Gemeinschaften (EG) in Bonn entbinden. In Jerusalem firmierte er offiziell als Journalist und schrieb für die "Deutsche Zeitung". Insgeheim hatte er jedoch den Auftrag, "das Bundeskanzleramt ständig auf dem Laufenden" zu halten", wie es in den Akten vermerkt wurde. Dafür wurde er auch bezahlt. Mehrfach berichtete Vogel direkt an Adenauer.

Vogel sollte vor allem verhindern, dass die DDR den Eichmann-Prozess für Propagandazwecke instrumentalisierte. Wahrscheinlich kam es deshalb auch zu dem Diebstahl. Immer wieder lancierte die SED Namenslisten von Belasteten in Bonner Diensten, vorneweg Hans Globke, Kanzleramtschef Adenauers. Globke hatte 1936 den offiziellen Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen mitverfasst.

Der Diebstahl erfolgte am Abend des 29. Juni 1961 in Kauls Zimmer im King David Hotel in Jerusalem. Vogels Begleiter war Frank Lynder, Reporter bei der "Bild"-Zeitung und nach Angaben des Auswärtigen Amtes während des Zweiten Weltkrieges Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes.

Ob die beiden Männer bei Kaul einbrachen oder den Advokaten trickreich bei einem Besuch ablenkten und dann die Papiere entwendeten, geht aus den Akten nicht eindeutig hervor. Gegenüber Gerhard von Preuschen, dem Leiter der Beobachterdelegation in Jerusalem, erklärten sie, sie hätten das "Aktenstück aus dem Hotelzimmer Kaul im Hotel King David unbemerkt entnommen".

Unmittelbar danach eilten sie sofort zu Preuschen, dem Vogel erklärte, er wolle am folgenden Tage nach München fliegen und die Papiere dort "beim BND abgeben". Er verlangte dafür einen Kurierausweis und dass Preuschen ihm die gestohlenen Dokumente "als versiegeltes Kuriergepäck" mitgebe. Denn versiegeltes Kuriergepäck wurde weder bei der Ausreise aus Israel noch bei der Einreise in die Bundesrepublik geöffnet.

Ob der BND Freude an dem Material hatte, ist unbekannt. Preuschen zumindest war von den Papieren wenig beeindruckt, wie er nach Bonn berichtete: "Der Wert der Unterlagen scheint mir nicht allzu groß zu sein..."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Nicht wirklich Spektakulär - aber typisch für die damalige Zeit
DEWI60 02.09.2010
So richtig wundert mich das alles nicht. Die meisten Naziverbrecher finden versorgt mit guten Posten der "jungen" Republik wieder, ob im öffentlichen Dienst oder der freien Wirtschaft. Für mich ist es beschämend, aber da ich zu den nach 1945 geborenen bleibt mir nichts anderes übrig als diese Vorgehensweise zu verurteilen. Und das ein Mann wie Globke Chef des Kanzleramtes werden konnte ist für mich unbegreiflich. Nach dem ich das in späteren Jahren gelesen hatte war meine Achtung vor Herrn Adenauer tief gesunken. So etwas hätte nicht passieren dürfen. Es wird hier mit Sicherheit den Einen oder Anderen geben die sagen er hat ja nur einen Kommentar geschrieben, dass ist doch nicht so schlimm. Aber ich gebe zu bedenken dass er keinen Kommentar schreiben konnte ohne hinter der eigentlichen Sache zu stehen. Altnazis hätten ein lebenslanges Berufsverbot bekommen müssen!
2. .
frubi 02.09.2010
Zitat von sysopEs war ein brisanter Auftrag, wohl abgesegnet vom BND. 1961 brach nach SPIEGEL-Recherchen ein Vertrauter des damaligen Kanzlers Adenauer ins Jerusalemer Hotelzimmer eines DDR-Anwalts ein, nahm Dokumente mit - um sicherzustellen, dass im Eichmann-Prozess keine BRD-Politiker belastet werden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,715292,00.html
Tja. In den 50er und 60er wurden Alt-Nazi`s noch mit Kusshand genommen, ob in den USA oder hier bei uns, und einen Demanjuk hetzt man mit 90 Länzen noch durch diverse Gerichte auf der ganzen Welt. Eine Entnazifizierung sieht für mich etwas anders aus. Es ist auch sehr schlimm, dass wir jüngeren Leute derartige Fehlinformationen bekommen. Im Geschichtsunterricht hies es immer, dass Deutschland vollständig entnazifiziert wurde. Das glaubt man dann mit 15/16/17 Jahren auch. Es ist dann schon ein leichter Schock wenn man während er Jahre bemerkt, dass die nützlichen Nazis einfach weitermachen konnten.
3. Kein BRD-Phänomen
Einbauschrank, 02.09.2010
Zitat von DEWI60So richtig wundert mich das alles nicht. Die meisten Naziverbrecher finden versorgt mit guten Posten der "jungen" Republik wieder, ob im öffentlichen Dienst oder der freien Wirtschaft. Für mich ist es beschämend, aber da ich zu den nach 1945 geborenen bleibt mir nichts anderes übrig als diese Vorgehensweise zu verurteilen. Und das ein Mann wie Globke Chef des Kanzleramtes werden konnte ist für mich unbegreiflich. Nach dem ich das in späteren Jahren gelesen hatte war meine Achtung vor Herrn Adenauer tief gesunken. So etwas hätte nicht passieren dürfen. Es wird hier mit Sicherheit den Einen oder Anderen geben die sagen er hat ja nur einen Kommentar geschrieben, dass ist doch nicht so schlimm. Aber ich gebe zu bedenken dass er keinen Kommentar schreiben konnte ohne hinter der eigentlichen Sache zu stehen. Altnazis hätten ein lebenslanges Berufsverbot bekommen müssen!
Das war im "besseren Deutschland", der DDR nicht großartig anders. Aber nur die DDR hatte Zugriff auf die Akten und gleichzeitig keinerlei Datenschutzgesetz, weshalb die Belastung recht einseitig ausfiel. http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_t%C3%A4tig_waren#Sowjetische_Besatzungszone_und_Deutsche_Demokratische_Republik
4. kein Titel !
teletubbi 02.09.2010
Zitat von frubiTja. In den 50er und 60er wurden Alt-Nazi`s noch mit Kusshand genommen, ob in den USA oder hier bei uns, und einen Demanjuk hetzt man mit 90 Länzen noch durch diverse Gerichte auf der ganzen Welt. Eine Entnazifizierung sieht für mich etwas anders aus. Es ist auch sehr schlimm, dass wir jüngeren Leute derartige Fehlinformationen bekommen. Im Geschichtsunterricht hies es immer, dass Deutschland vollständig entnazifiziert wurde. Das glaubt man dann mit 15/16/17 Jahren auch. Es ist dann schon ein leichter Schock wenn man während er Jahre bemerkt, dass die nützlichen Nazis einfach weitermachen konnten.
Das wurde mir als Schüler in der DDR auch beigebracht, allerdings war natürlich nur die DDR entnazifiziert, ich lernte, dass viele Nazis unbescholten in der BRD lebten. Heute weiß ich, dass auch viele Nazis Unterschlupf in der SED gefunden hatten. Die SED stellte sich als Vertreterin der Opfer der NS-Diktatur dar und setzte dazu aus Propagandagründen den Anwalt Friedrich Karl Kaul ein.
5. ..
bicyclerepairmen 02.09.2010
Zitat von DEWI60So richtig wundert mich das alles nicht. Die meisten Naziverbrecher finden versorgt mit guten Posten der "jungen" Republik wieder, ob im öffentlichen Dienst oder der freien Wirtschaft. Für mich ist es beschämend, aber da ich zu den nach 1945 geborenen bleibt mir nichts anderes übrig als diese Vorgehensweise zu verurteilen. Und das ein Mann wie Globke Chef des Kanzleramtes werden konnte ist für mich unbegreiflich. Nach dem ich das in späteren Jahren gelesen hatte war meine Achtung vor Herrn Adenauer tief gesunken. So etwas hätte nicht passieren dürfen. Es wird hier mit Sicherheit den Einen oder Anderen geben die sagen er hat ja nur einen Kommentar geschrieben, dass ist doch nicht so schlimm. Aber ich gebe zu bedenken dass er keinen Kommentar schreiben konnte ohne hinter der eigentlichen Sache zu stehen. Altnazis hätten ein lebenslanges Berufsverbot bekommen müssen!
Vorsicht, nachher sagt man ihnen nach Sie wären so ein Alt 68er, ganz schlimmes Stigma heute, die haben an allem Schuld. Leztendlich waren es ja nicht nur ehem. Gesinnungsfreunde die ihre alten Kameraden in ihre Posten gehievt oder gedeckt haben, es war der allgemeine Zeitgeist dieser Kriegsgeneration. Jemand der dagegen war oder sogar Exilant war ein Verräter. Der war außen vor. Wie hieß es noch für meinen Vater ? Spiel nicht mit dem, der Vadder war im KZ.... Oder warum glauben Sie das z.B. die längst überfällige Rehabilitierung der Kriegsgerichtsopfer ( usw.) erst dann geregelt wurde als fast sämtliche Protagonisten dieser Zeit entweder tot oder als politische Entscheidungsträger abgetreten waren. Sorry, wir hatten 20 Jahre vorher auch eine SPD Regierung...
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Der Mossad
Name und Struktur
Israels Auslandsnachrichtendienst heißt offiziell Institut für Aufklärung und besondere Aufgaben - auf Hebräisch ha-Mossad le-Modiin ule-Tafkidim Meyuhadim - und wird intern kurz "das Institut" genannt - haMossad. Der weltweit berühmt-berüchtigte Geheimdienst wurde 1951 unter Federführung des damaligen Premierministers David Ben-Gurion nach der Gründung des Staates Israel aus konkurrierenden israelischen Nachrichtenorganisationen ins Leben gerufen - Israel sollte sich als wehrhafter jüdischer Staat unter feindlichen arabischen Nachbarn behaupten können.
Die Zentrale des Dienstes, der dem Ministerpräsidenten untersteht, befindet sich in Tel Aviv. Der Mossad beschäftigt wohl etwa 1200 Mitarbeiter.
Aufgaben
Hauptaufgabe des Mossad ist die weltweite Informationsbeschaffung, vornehmlich in arabischen Staaten, aber auch in allen anderen Teilen der Welt. Dazu kommen Geheimaktionen und Terrorismusbekämpfung. Seit 1963 hat der Mossad die alleinige Befugnis zur Agentenführung im Ausland.
Früher galt der Kampf des Mossad insbesondere der 1964 gegründeten Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) . Berühmt wurde der Geheimdienst, als er 1960 den nationalsozialistischen Kriegsverbrecher Adolf Eichmann in Argentinien aufspürte und nach Israel entführte, wo er vor Gericht gestellt und verurteilt wurde.
Anders als die deutschen Nachrichtendienste arbeitet der Mossad auch mit Mitteln der Sabotage, verdeckter und psychologischer Kriegsführung und unter Umständen auch mit Killerkommandos. Für solche Spezialoperationen, die den Mythos des Mossad begründeten, ist die Abteilung Metsada zuständig.
Leitung
Nach Streitigkeiten über die Strategie gegen den palästinensischen Terror entließ der damalige Premier Ariel Scharon 2002 Ephraim Haley als Mossad -Chef. Seitdem ist Meir Dagan Direktor des "Instituts".


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