Kampagne gegen Linkspartei CSU zieht mit Stasi-Opfern in den Kampf

Die CSU verschärft ihre Kampagne gegen Rot-Rot: Generalsekretärin Haderthauer hat jetzt Stasi-Opfer in die Parteizentrale eingeladen. Sie sprach mit ihnen über die Verfolgung in Honeckers Unrechtsstaat - und feierte Franz Josef Strauß als "DDR-Erzfeind".

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München - Die DDR lebt. Zumindest in Bayern. Da steht im Wahlkampf gerade Freiheit oder Sozialismus auf dem Programm.

Christine Haderthauer hat zwei Stasi-Opfer in die CSU-Zentrale eingeladen. Bei Salbei-Schnitzel und gemischtem Salat sitzt man im zweiten Stock des Franz-Josef-Strauß-Hauses zusammen. "Wir haben zu wenig Abwehrreflexe in der Gesellschaft, was die Linksextremisten angeht", sagt die Generalsekretärin der CSU. Sie meint die Linkspartei.

Michael Gleau und Norbert Pfützenreuter nicken.

Haderthauer (M.), Stasi-Opfer Gleau (l.), Pfützenreuter: "Wenn die Bayern das jetzt nicht aufhalten, kriege ich echt 'nen Vogel"
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Haderthauer (M.), Stasi-Opfer Gleau (l.), Pfützenreuter: "Wenn die Bayern das jetzt nicht aufhalten, kriege ich echt 'nen Vogel"

Die beiden haben sich in den Siebzigern im Stasi-Knast Cottbus kennen gelernt. Von der Bundesrepublik freigekauft, sind sie schließlich als Ärzte in Bayern gelandet: "Ich habe 70.000 DM gekostet", erinnert sich Pfützenreuter. Sein Bruder, ebenfalls Polit-Häftling "war teurer, 140.000 DM, aber der war ja auch Geiger".

Die beiden DDR-Opfer wollen einen Verein gründen, "ehemalige Stasi-Häftlinge in Bayern" oder ähnlich. Etwa ein Drittel der Freigekauften sei damals in den Freistaat gekommen. Michael Gleau sagt, dass "der Strauß in der DDR jede Wahl gewonnen hätte - der hätte nicht mal ein Plakat aufstellen müssen".

Haderthauer lächelt. Sie braucht jetzt solche Unterstützung.

Die junge Generalsekretärin, die anfangs noch verkündete, sie verstehe sich mehr als Botschafterin denn als Lautsprecher ihrer Partei, hat sich weit vorgewagt mit den harschen Angriffen auf die SPD. "Dass Beck ein ehemaliges Stasi-Gefängnis besucht, während Ypsilanti ein Bündnis mit den SED-Nachfolgern schmiedet, ist der Gipfel der Heuchelei" - mit diesen Worten attackierte sie jüngst den SPD-Vorsitzenden. Beck verhöhne damit die Opfer der Stasi.

"Kreuzzug", "Dämon", "nützliche Idioten"

Anlass der Aufregung: Andrea Ypsilanti möchte mit Hilfe der Linken Ministerpräsidentin in Hessen werden, Gesine Schwan ist auf Linke-Stimmen bei der Bundespräsidentenwahl angewiesen - und die CSU braucht Munition für ihren Wahlkampf, weil die Partei um ihre absolute Mehrheit bei der Landtagswahl im Herbst bangen muss. Die eigenen Leute müssen mobilisiert werden, auf Biegen und Brechen, da kommt der DDR-Retro-Reigen gelegen.

Als Haderthauer neulich sagte, "Modrow, Krenz und Co." könnten sich "ins Fäustchen lachen", wenn sich Ypsilanti mit den Stimmen der Linken wählen lasse, da fand Kurt Beck das "einfach nur widerlich". Darauf stieg Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein ein und warf der SPD vor, den "Schulterschluss mit den Nachfolgern der Mauerbauer und Stasi-Ideologen" voranzutreiben. Weil die SPD eine Entschuldigung forderte, legt nun wiederum Haderthauer nach: "Meine Wortwahl war angemessen, man hätte das auch noch ganz anders ausdrücken können." Die Sozialdemokraten machten sich ganz im Sinne Lenins zu den "nützlichen Idioten" der Linken.

Und Erwin Huber? Der CSU-Chef drohte mit einem "politischen Kreuzzug gegen die Partei von Oskar Lafontaine". CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer will den "Dämon der Politik" aus der bayerischen Parteienlandschaft vertreiben: "Die wahre Fratze der Linken ist noch nicht hinreichend dargestellt." Beckstein knöpfte sich schließlich den Chef des Linke-Ältestenrates vor, der in seinen Memoiren den Schießbefehl als "Schusswaffengebrauchsbestimmung" relativiert hat: "Modrow kann froh sein, dass er nicht im Gefängnis gelandet ist, auch wenn das ein Fehler war."

So dreht es sich immer weiter. Immer ein bisschen schneller. Die SPD sagt dazu, bei der CSU sei wegen der lauen Umfragewerte die Panik ausgebrochen. Antikommunistin Haderthauer sagt, es gehe ihr um die Sache: "Ich lasse mir das nicht verbieten, egal ob gerade Wahlkampf ist oder nicht." Schon seit ihrem Amtsantritt im vergangenen Herbst sei die mangelnde DDR-Aufarbeitung für sie Thema gewesen. Sie will sich bei der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung für Forschung in dieser Richtung einsetzen.

"Sind Sie wegen Strauß nach Bayern gekommen?"

Nun also am Beispiel von Pfützenreuter und Gleau.

Der Leidensweg des Ersteren beginnt 1975 am Grenzübergang Checkpoint Charlie in der Berliner Friedrichstraße. Der damals 21-jährige Pfützenreuter will flüchten, liegt im Kofferraum eines Diplomatenwagens. Da öffnet sich der Deckel und DDR-Grenzer richten ihre Maschinengewehre auf ihn. "Alles war verraten worden", sagt er heute. Es folgt ein halbes Jahr Haft im zentralen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen und 18 Monate in Cottbus, dann holt ihn die Bundesregierung raus.

Pfützenreuter kramt in seiner Tasche, winkt mit zwei vergilbten Blättern: "Das sind die Begrüßungsschreiben von damals, eines von Franz Josef Strauß, das andere von Helmut Kohl."

Haderthauer kriegt große Augen, hakt ein: "Sind Sie wegen des DDR-Erzfeinds Strauß nach Bayern gekommen?"

Nein, sagt Pfützenreuter, er habe berufliche Gründe gehabt.

Aber Bayern, die CSU, das sei seine "ideologische Heimat, auf Basis meines Antikommunismus", fügt er hinzu. Auf einen groben Klotz gehöre auch ein grober Keil. Deshalb habe er Strauß geschätzt.

"Da sieht man es, die fühlen sich angegriffen"

Die große Gefahr für Haderthauer ist in solchen Situationen: Wirkt das nicht doch wie reine Wahlkampftaktik?

Und vor allem: Ist der Erfolg der Linken, der insbesondere auf ihre Anti-Hartz-IV-Kampagne zurückgeht, wirklich dadurch zu kontern, dass man auf die Wurzeln der Partei im DDR-Unrechtsregime verweist?

Es war der Ex-CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber, der schon im Winter bemerkte, man dürfe auf die Linken nicht nur "draufhauen" - sondern müsse sich auch "intellektuell mit deren Erfolgen auseinander setzen". Gerade im Westen hätten diese ihre Ursache nicht in einer Zustimmung zu den Inhalten, sondern "sicher auch in einem Stück Enttäuschung und Protestverhalten".

Darauf auch setzt Bayerns Linke-Spitzenkandidat Fritz Schmalzbauer. "Die Menschen wollen mehr soziale Gerechtigkeit und keine haltlosen pseudohistorischen Verdrehungen" - mit diesen Worten hat er jüngst Haderthauers Attacken gekontert. Franz Josef Strauß habe "objektiv die Existenz der DDR verlängert" und per Milliardenkredit die Zahlungsfähigkeit des SED-Regimes gerettet.

Haderthauer will auf die bayerischen Linken, in Umfragen derzeit bei vier Prozent, gar nicht eingehen: "Die existieren für uns nicht." Die CSU kommentiere das, was in Deutschland ablaufe: "Ich habe Herrn Beck angegriffen."

Da reicht ein Sprecher eine Agenturmeldung herein. Linke-Chef Lothar Bisky hat reagiert, hat Haderthauer, Huber und Co. "Hassprediger" genannt. Er erwarte, "dass diese alberne Ausgrenzungspolitik, diese Fortsetzung des Kalten Krieges mit lächerlichen Mitteln, bald beendet ist".

Stasi-Opfer Pfützenreuter kneift die Augen zusammen: "Da sieht man es, die fühlen sich angegriffen."

Gleau sagt, er müsse immer an diesen alten Honecker-Spruch denken, vom Sozialismus in seinem Lauf, den weder Ochs noch Esel aufhalten könnten. "Wenn die Bayern das jetzt nicht aufhalten, dann kriege ich echt nen Vogel." Er drückt der Politikerin die Hand: "Kämpfen Sie weiter!"

Jetzt lächelt Christine Haderthauer wieder.

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