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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Ach, wär mein Nachbar doch ein Nazi

Eine Kolumne von

Seit Dunja Hayali für ihre AfD-Interviews die "Goldene Kamera" gewann, gilt es als wichtigste Aufgabe engagierter Menschen, Haltung zu zeigen. Leider ist das im normalen Leben gar nicht so einfach.

Ich habe meinen Ressortleiter bei SPIEGEL ONLINE angerufen und ihn gefragt, wo ich mich melden kann, um dem Hass entgegenzutreten. Überall kann man jetzt lesen, wie wichtig es sei, aufzustehen und Haltung zu zeigen. Wer nicht wolle, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Deutschland wieder salonfähig werden, der dürfe nicht länger schweigen.

Auch ich will nicht, dass unser Land auf den falschen Weg gerät. Gerade als Kolumnist trägt man besondere Verantwortung. Leider konnte mir mein Ressortleiter nicht weiterhelfen, obwohl er immer wieder Texte auf die Seite stellt, in denen steht, dass man sich nun engagieren müsse.

Ich habe dann den Beitrag eines Kollegen gelesen, in dem stand, wir müssten den Rassisten und Demokratieverächtern überall entgegentreten, "in der Freizeit, bei der Arbeit, in den sozialen Netzwerken, auf der Straße bei Demonstrationen". Damit konnte ich schon mehr anfangen. Das war konkret. Ich bin in Gedanken durchgegangen, wo ich mit meinem Engagement am besten anfangen sollte.

Nicht leicht, sich gegen den Hass zu engagieren

In der Arbeit bin ich eigentlich nur von Leuten umgehen, die voll hinter Angela Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik stehen. Es wäre unfair - und für mein Verhältnis zu ihnen sicher auch nicht förderlich - , wenn ich sie des Rassismus verdächtigte. Die letzte Demonstration, in die ich eher zufällig hineingeriet, war für mehr Geld in den Kitas. Keine Ahnung, wie viele Erzieherinnen heimlich mit rechts sympathisieren. Ich vermute nicht so viele.

Auch auf der Straße begegne ich vor allem Menschen, bei denen ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass sie Asylbewerberheime anstecken oder Busse mit Flüchtlingen terrorisieren. In meinem Viertel haben Sozialdemokraten und Grüne bei der letzten Wahl 70 Prozent der Stimmen geholt und das in München. Im Prenzlauer Berg, wo die Journalistendichte so hoch ist, dass man praktisch immer einen Medienmenschen trifft, wenn man versehentlich etwas aus dem Fenster wirft, sind es noch mehr.

Es ist wirklich nicht leicht, sich gegen den Hass zu engagieren, wenn man in einer deutschen Großstadt lebt. Das ist ein echter Standortnachteil.

Was den Kampf gegen rechts angeht, ist es natürlich nicht so gut, dass die Leute, die nicht länger schweigen wollen, alle auf einem Fleck wohnen. Wenn man wirklich etwas bewirken wollte, müsste man dahin gehen, wo die Fremdenfeinde sind. Leider ist das meist ziemlich ab vom Schuss und überhaupt eine Zumutung: Das DSL ist lausig, der Friseur kennt nur Dauerwelle und als Tönung Orange oder Pink, und der Latte macchiato schmeckt auch nicht, weil aus dem Melitta-Vollautomaten.

Haltung zu zeigen ist im Augenblick das große Ding

Moritz von Uslar ist vor Jahren einmal für sein Buch "Deutschboden" in ein Kaff nach Brandenburg gezogen. Alle habe ihn für verrückt gehalten, aber er hat das durchgezogen, weil er wissen wollte, wie es in der ostdeutschen Provinz so zugeht. Uslar käme auch in Clausnitz oder Heidenau zurecht, da bin ich mir sicher. Aber er ist auch jemand, der boxt, damit er in Form bleibt, und kein Problem damit hat, an einem Tresen zu stehen, ohne viel zu quatschen.

Haltung zu zeigen ist unter Journalisten im Augenblick das große Ding. Toll schreiben können, Dinge sehen, die andere nicht sehen - alles gut und schön. Aber wer richtig berühmt und respektiert sein will, muss mehr zu bieten haben. Als Vorbild gelten Journalisten wie Anja Reschke und Dunja Hayali, also Menschen, die Gesicht gezeigt haben, wie das in der Medienwelt heißt.

Reschke wurde im Dezember als "Journalistin des Jahres" für einen "Tagesthemen"-Kommentar ausgezeichnet, in der sie die Zuschauer dazu aufrief, dass man nicht länger schweigen dürfe, was im Rückblick als Geburtsstunde des Haltungsjournalismus gilt. Hayali hat gerade die "Goldene Kamera" gewonnen, weil sie unter anderem zu einer AfD-Demo nach Erfurt gefahren war, um die Teilnehmern nach ihren Beweggründen zu fragen.

"Auch wenn die Antworten absurd erschienen, Dunja Hayali blieb immer sachlich", hieß es in der Begründung der Jury für die Auszeichnung der "mutigen Arbeit". Früher musste man mit dem Vietcong auf Patrouille gehen, um für einen Fronteinsatz belohnt zu werden, heute reicht ein Einsatz im Umfeld von Pegida.

Es hilft nur die eiserne Faust der Ordnungsmacht

Das beste Mittel gegen Fremdenhass ist aus meiner Sicht immer noch ein starker Staat, da bin ich ganz altmodisch. Wo Leute sich zusammenrotten, um anderen Angst einzujagen, hilft nur die eiserne Faust der Ordnungsmacht. Leider kommt die Polizei mit der Arbeit kaum noch nach. In der "Süddeutschen" gab es gestern eine lange Reportage darüber, wie übermüdet und fertig viele Einheiten inzwischen sind.

Ein Grund für die Überlastung der Polizei ist, dass sie ständig auch noch auf Leute aufpassen muss, deren Lebensinhalt darin besteht, gegen rechts zu sein. Auf der "Achse des Guten" hat neulich jemand einen Auszug aus dem "Jahres-Geschäftsbericht" der Antifa in Leipzig gepostet: Brandanschläge auf Bahnanlagen, Überfälle auf Polizeiposten, Anschläge auf Firmen und Parteibüros, Überfälle auf Geschäfte in der Innenstadt - es gab kaum einen Monat, in dem es 2015 nicht irgendwo brannte oder knallte.

Vielleicht sollte man die Polizei von links ein wenig entlasten, dann müssten alle gegen rechts weniger Haltung zeigen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 286 Beiträge
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1. Dreimal kurz gelacht
dherr 08.03.2016
"Gerade als Kolumnist trägt man besondere Verantwortung." LOL LOL LOL ... ausgerechnet Fleischhauer, tss.
2. Wenn Sozialdemokraten und Grüne 70 Prozent geholt
vassiliki2000 08.03.2016
haben bei den Letzten Wahlen, dann nur weil der Prozentsatz der Nichtwähler so hoch ist. Was tun diese Parteien gegen TTIP ??? Aha. Das sagt alles.
3.
lordofaiur 08.03.2016
Zitat: "Auch wenn die Antworten absurd erschienen, Dunja Hayali blieb immer sachlich", hieß es in der Begründung der Jury für die Auszeichnung der "mutigen Arbeit". Früher musste man mit dem Vietcong auf Patrouille gehen, um für einen Fronteinsatz belohnt zu werden, heute reicht ein Einsatz im Umfeld von Pegida." Klasse Hr. Fleischhauer, ich musste laut lachen. Wirklich sehr treffend formuliert.
4. Kompliment
sponls 08.03.2016
Sie sind ein böser Spötter, Herr Jan Fleischhauer.
5. Branntstifter
jamguy 08.03.2016
Um reibungslos das Ziel von Integration voranzutreiben müsste man auf alle Fälle massiv radikal Verbote gegen Gruppen wie Salafisten usw. die das mit allen Mittel zu untergraben versuchen verbieten und das bekommt die Regierung einfach nicht gebacken,also das es sich dabei um ein gut organisiertes Netzwerk handelt?
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