Von Annett Meiritz und Philipp Wittrock
Berlin - Aus einstigen Partnern werden Rivalen: In der Großen Koalition managten Peer Steinbrück (SPD) und Angela Merkel (CDU) gemeinsam den Auftakt der Euro-Krise, er als Finanzminister, sie als Kanzlerin. Nun fordert der frisch gekürte SPD-Kanzlerkandidat seine frühere Chefin heraus - ein Jahr vor der Bundestagswahl ist das Duell Steinbrück gegen Merkel eröffnet.
Während der Kandidat auf allen Kanälen für seine Person trommelt, allein am Montag drei große Fernsehauftritte absolvierte, macht die Kanzlerin Business as usual: Merkel wirbt in diesen Tagen für Elektroautos, besucht ein Forschungszentrum, nimmt am Mittwoch an den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit teil.
Die Konkurrenten könnten unterschiedlicher nicht sein: Zwar sind die Beliebtheitswerte der Kanzlerin ungebrochen, dafür beherrscht Steinbrück die Kunst des überraschenden Angriffs, er gilt als mitreißender Redner.
Wie gut sind die Aussichten des SPD-Kandidaten gegen die Bundeskanzlerin? Wer ist glaubwürdiger, wer kompetenter, wer hat die besseren Bündnis-Optionen? SPIEGEL ONLINE macht den Check:
Kompetenz: Unentschieden
Die Euro-Krise beherrscht die Politik. Bislang ist Deutschland ordentlich durchgekommen - auch dank einer besonnenen Bundeskanzlerin, glauben viele. Umfragen zeigen, dass sich die Deutschen bei Angela Merkel in diesen turbulenten Zeiten gut aufgehoben fühlen. Ihre Mischung aus Härte und Solidarität kommt an. Steinbrück wird es schwer haben, hier gegen Merkel zu punkten - zumal die SPD Merkels Euro-Kurs in der Vergangenheit meist mitgetragen hat.
Der Herausforderer darf sich also nicht am Krisenmanagement der Regierung abarbeiten, er muss versuchen, mit anderen Themen durchzudringen. Als Schwerpunkte für den Wahlkampf haben die Sozialdemokraten die Finanzmarktregulierung und die Frage der sozialen Gerechtigkeit genannt. Und gerade auf letzterem Feld trauen viele Wähler den Genossen noch immer mehr zu als den bürgerlichen Parteien. 40 Prozent halten Steinbrück hier für kompetent, Merkel kommt nur auf 25 Prozent.
Glaubwürdigkeit: Vorteil Merkel
Merkel ist beliebt, ihre Popularitätswerte sind konstant hoch. Was früher als langweilig galt, mögen die Leute heute an ihrer Kanzlerin: ihre Bodenständigkeit, ihre Bescheidenheit, ihren unaufgeregten Pragmatismus. Ja, selbst ihre manchmal immer noch spürbare Unbeholfenheit im direkten Bürgerkontakt finden viele grundsympathisch. Merkel, die stets in derselben Region wandert und Festroben zweimal aufträgt, gilt als charakterfest und unprätentiös.
Für ihren Herausforderer bleibt da wenig Angriffsfläche übrig, zugleich muss sich Steinbrück die Zuneigung des Volkes erst noch erarbeiten. Auch in Sachen Glaubwürdigkeit hat er noch Aufklärungsarbeit zu leisten - Bittschreiben an Großkonzerne oder hochdotierte Vorträge sorgen bei manch einem für Naserümpfen. Im Wahlkampf dürften Details wie diese von der Konkurrenz genüsslich skandalisiert werden. Steinbrück weiß das natürlich: Schnell hat er klar gestellt: Ab sofort wird er nicht mehr gegen Honorar referieren, seinen Sitz im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp gibt er auf, um Interessenskonflikte zu vermeiden.
Leidenschaft: Vorteil Steinbrück
Selbst wenn nicht jede Pointe sitzt, manche Gags zum seichten Schenkelklopfer geraten - spricht der SPD-Kanzlerkandidat vor Publikum, vermittelt er mit jedem Satz: Da macht es jemandem richtig Spaß, seine Politik zu verkaufen. Steinbrück ist redegewandt und schlagfertig, er kann klare Botschaften vermitteln und Menschen mitreißen. Steinbrück verspricht "alles andere als einen langweiligen Wahlkampf". Man glaubt es ihm.
Im Gegensatz zu Merkel erweckt er zumindest überzeugend den Eindruck, er könne Fachpolitik mit Leidenschaft verknüpfen - während die Kanzlerin ihr Image als kühle Physikerin nie so recht abschütteln konnte. Ihre Reden ähneln ihrem Führungsstil: Immer auf Nummer sicher formuliert, aber auch immer einen Tick zu spröde. Steinbrück könnte im Wahljahr für einige Überraschungsmomente sorgen.
Allerdings kann sein Temperament auch nach hinten losgehen, wenn sich der SPD-Mann provozieren lässt. Steinbrück wirkt schnell arrogant und oberlehrerhaft, sein trockener Humor, der bisweilen in Zynismus umschlägt, ist nicht jedermanns Sache. Die Herausforderung für den Herausforderer wird sein, die richtige Dosis zu finden. Dann werden ihn die Menschen mögen, weil sie sehen: Politik kann auch unterhaltsam sein.
Rückhalt in der Partei: Vorteil Merkel
Steinbrück freut sich über "viel Rückenwind". Die Partei versammelt sich hinter ihrem Kandidaten - kein Wunder, denn nach der K-Fragen-Farce der letzten Wochen war die Ausrufung ein Akt der Befreiung. Doch wie lange hält der Frieden? Viele Genossen, vor allem auf dem linken Flügel, tun sich schwer mit Steinbrück. Dem wiederum sind Gremiensitzungen und Sozialdemokratenromantik ein Graus, Parteifunktionäre hat er einst als "Heulsusen" bezeichnet, für den Wahlkampf "eine gewisse Beinfreiheit" eingefordert. Das größte Risiko für Steinbrück ist, dass ihm die eigene Partei diese Beinfreiheit nicht gewährt.
Merkel dagegen hat sich ihre Partei längst zu einer Art Kanzlerwahlverein zurechtgebastelt: Die CDU ist Angela Merkel, und Angela Merkel ist das Programm für die Bundestagswahl. Echte Konkurrenten oder Kronprinzen gibt es nicht mehr, die Vorsitzende ist in ihrer Partei, um ihr eigenes Wort zu benutzen, alternativlos. Dass in regelmäßigen Abständen ein versprengtes Häufchen sogenannter Konservativer über Profilverwässerung jammert, hat zwar Tradition - gefährlich wird das für die Vorsitzende nicht.
Bündnisfähigkeit: Vorteil Steinbrück
Gelb, grün, rot: Als Vollblut-Pragmatikerin kann Merkel jedes Bündnis führen. Doch sollte es für Schwarz-Gelb nicht reichen, was angesichts der schwächelnden FDP nicht unwahrscheinlich ist, bleibt der Kanzlerin realistisch betrachtet nur die Große Koalition. Die Grünen haben sich nach einer vorübergehenden Annäherung zuletzt eher wieder von der Union entfernt.
Die SPD setzt offiziell voll auf Rot-Grün. Verfehlt die Wunschoption die Mehrheit, bestünde neben der Großen Koalition aber auch noch die Aussicht auf eine Ampel mit der FDP. Mit Steinbrück ist die jedenfalls nicht ausgeschlossen - vorausgesetzt die FDP schafft es in den Bundestag. Steinbrück gilt als wirtschaftsnah, ist mit vielen liberalen Landespolitikern per du. Und er will Kanzler werden, ein Ministeramt unter Merkel ist für ihn Tabu. Also würde er die rot-grün-gelbe Dreieroption dem schwarz-roten Bündnis vorziehen, wenn sie ihm und der SPD zur Macht verhilft.
Die FDP könnte ihrerseits versucht sein, nach einer schwarz-gelben Dauerzoff-Legislatur allen inhaltlichen Differenzen zum Trotz das Lager zu wechseln. Erste Spitzenliberale funken bereits freundschaftliche Signale in Richtung SPD. Auch die Grünen würden sich wohl eher einer Steinbrück-Ampel anschließen, als ein schwarz-grünes Experiment zu wagen. Fakt ist: Die Steinbrück-Kandidatur hat die Koalitionsoptionen der SPD - aber auch der FDP - erweitert. Das ist ein zusätzlicher Risikofaktor für Merkels Wiederwahl.
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