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22. Februar 2013, 17:30 Uhr

Kandidatin für Thierse-Nachfolge

Das Schwaben-Experiment

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"Weckle" statt "Schrippen": Verliert der Ur-Berliner Bezirk Prenzlauer Berg durch zugereiste Schwaben seine Seele? Das behauptete SPD-Politiker Wolfgang Thierse und erntete Empörung. Für seine Nachfolge stehen nun vier Westdeutsche zur Wahl - darunter ausgerechnet eine Genossin aus dem Schwabenland.

Berlin - Es genügen bereits Kleinigkeiten, um den latenten Konflikt zwischen denen, die sich als Einheimische fühlen, und den sogenannten Zugereisten aufbrechen zu lassen. Besonders am Kollwitzplatz, dem Epizentrum des Prenzlauer Bergs in Berlin, den Gutsituierte vor rund zehn Jahren für sich entdeckt haben. Kurz war das Unbehagen der Alteingesessenen das Thema an den Stammtischen im ganzen Land - als Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse offen über die Neubürger lästerte. "Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche", sagte der SPD-Politiker, der seit 40 Jahren im Bezirk Prenzlauer Berg wohnt, der "Berliner Morgenpost".

Das Interview löste eine hitzige Debatte aus - und die Schwaben rächten sich Anfang Januar, indem sie Thierse mit der Goldenen Narrenschelle auszeichneten. Tapfer akzeptierte er den Preis.

Ausgerechnet hier wagt die SPD jetzt ein besonderes Experiment. Sie lässt für die Bundestagswahl im September in Pankow, einem der bevölkerungsreichsten ostdeutschen Wahlbezirke überhaupt, einen Kandidaten aus Westdeutschland antreten. Der Name steht zwar noch nicht endgültig fest, aber die vier Kandidaten, die auf der Wahlkreisversammlung am Samstag zur Wahl stehen, sind allesamt Wessis: Roland Schröder, Severin Höhmann, Klaus Mindrup und Leonie Gebers. Schröder kommt aus Hamburg, Höhmann aus Coesfeld im Münsterland, Mindrup aus Lienen (ebenfalls Westfalen) - und Gebers, gebürtig im badischen Karlsruhe, ist ausgerechnet in Ulm im tiefsten Schwabenland aufgewachsen. In Berlin geht sie damit als gelernte Schwäbin durch.

Ironischerweise ist es ausgerechnet Gebers, die den größten Rückhalt der Basis genießt. Von den 1191 im Wahlkreis abstimmungsberechtigten Mitgliedern der SPD sprachen sich 132 für die 42-Jährige aus, der zweitplazierte Mindrup folgt bereits mit großen Abstand (101 Stimmen). Große Unterstützung erhält Gebers dabei von denen, die zu den Gründungsvätern der SPD in diesem Bezirk gezählt werden. "Meine Herkunft spielt in den parteiinternen Diskussionen keine Rolle", sagt die Politikerin.

Mitgliedervotum nicht verbindlich

Die Vorbehalte gegen die Schwaben blendet Gebers trotzdem nicht aus. Aus ihrer Sicht kommen sie aber weniger von den Einwohnern des Prenzlauer Bergs, die schon immer in diesem Bezirk gewohnt haben. "Viele der erklärten Schwaben-Gegner wohnen erst seit der Wende hier", erklärt sie.

Diese gehören zu den Verlierern der radikalen Umwälzungen, die das Viertel rund um den Kollwitz-Kiez speziell in den vergangenen Jahren von Grund auf verändert haben. Seitdem sind die Preise für Wohnungen und damit auch die Mieten regelrecht explodiert, Künstler und Studenten wanderten in andere Szenebezirke ab. Geblieben sind Familien, denen unerträgliche Spießigkeit nachgesagt wird. Brave Bürger, die ihre Bioweinflaschen nur während der erlaubten Zeiten in den Altglascontainer werfen. Und deren verwöhnte Kinder hauptsächlich durch lautes Gebrüll auffallen.

Ob Gebers als Schwäbin in der Lage sein wird, die Fronten ein wenig aufzuweichen, wird je nach Perspektive sehr unterschiedlich beurteilt. Ohnehin ist noch gar nicht entschieden, ob ihr die Delegierten der SPD überhaupt die Chance dazu geben. Denn das Mitgliedervotum ist für sie keineswegs verbindlich. Ein Sieg von Mindrup gilt in Delegiertenkreisen sogar als wahrscheinlicher, schließlich ist er als Vorstand im Kiez bestens verdrahtet.

Die Eintracht in der Partei dürfte das allerdings nicht eben fördern. Denn vor allem in den Augen der ostdeutschen SPD-Mitglieder kommt den Stimmen der Basis ein besonderer Wert zu. Und die würde eben mit einem Votum für Mindrup ignoriert.

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