S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Aua, Papa!

30 Prozent der Legobaukästen enthalten Waffen, hat eine Studie ergeben. Wenn schon Lego als Kriegsspielzeug gilt, hat der Pazifismus endgültig gesiegt.

Eine Kolumne von


Forscher aus Neuseeland haben festgestellt, dass die Firma Lego die Militarisierung im Kinderzimmer fördert. Ich vermute, die meisten Menschen denken wie ich bei Lego an harmloses, friedliches Spielzeug. Aber das zeigt nur, dass wir nicht wissen, was vor sich geht.

Nach Angaben der Wissenschaftler stecken in 30 Prozent der Lego-Baukästen inzwischen Waffen. Bei den Katalogen sieht es noch schlimmer aus: 40 Prozent aller Katalogseiten enthielten irgendeine Form von Gewalt. Noch ist es nicht so weit, dass die Experten einen generellen "Lego-Bann" empfehlen, um dem "Wettrüsten" im Kinderzimmer Einhalt zu gebieten. Aber "die Lego-Produkte sind nicht so unschuldig, wie sie es früher einmal waren", sagt Christoph Bartneck von der Universität Canterbury über das Ergebnis der Studie.

Ich bin sicher, dass die Nachricht viele Eltern nachdenklich stimmen wird. Dass Kinder gewaltfrei aufwachsen, steht bei den Erziehungsgrundsätzen an allererster Stelle, noch vor dem Verzicht auf Speisen, die Allergien auslösen könnten, der frühkindlichen Sprachförderung oder der Bevorzugung ökologisch unbedenklicher Kleidung. Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung ist so weit geächtet, dass schon der Anblick einer Waffe Beklemmungen auslöst, von Raufereien oder handfesteren Händeln gar nicht zu reden.

Ich muss an dieser Stelle etwas Persönliches berichten. Ich bin vor 15 Monaten noch einmal Vater geworden. Mein Sohn ist ein wunderbarer Junge, lebhaft, neugierig, gesegnet mit einem Lächeln, das den schlimmsten Griesgram erweichen kann. Leider hat er die Angewohnheit, andere Kinder manchmal zu schubsen oder sie mit seinen kleinen Fäusten zu boxen, wenn ihm etwas nicht passt. Weil wir nicht unangenehm auffallen wollen, sitzen meine Frau und ich auf dem Spielplatz immer in Sprungbereitschaft, um rechtzeitig eingreifen zu können. Hin und wieder ist unser Sohn schneller als wir.

Ich habe dabei eine Beobachtung gemacht: Die meisten Kinder schubsen nicht zurück. Sie bleiben starr stehen, wenn sie geboxt wurden, und warten, dass ihnen jemand zu Hilfe eilt. Es dauert in der Regel auch nur wenige Sekunden, bis ein Erziehungsberechtigter erscheint. Neulich hat mein Sohn einen Dreijährigen gehauen. Der Junge war einen Kopf größer, er konnte schon in ganzen Sätzen reden. Aber statt sich zu wehren, rief er immer nur "aua, Papa", "aua, Papa".

Manchmal frage ich mich, ob wir es mit der Erziehung zum Pazifismus nicht übertreiben. Ich weiß, ich begebe mich hier auf heikles Terrain. Wer nach den Grenzen des Pazifismus fragt, gerät schnell in Verdacht, der Gewalt das Wort zu reden. Ich bin sehr dafür, Konflikte im Dialog zu lösen, um das klar zu sagen. Aber das Konzept funktioniert nach meiner Einschätzung nur so lange, wie jemand daneben steht, der aufpasst, dass sich alle an die Regeln der gewaltlosen Konfliktlösung halten.

Man kann das auch auf einer anderen Ebene sehen. Der Gewaltforscher Jörg Baberowski hat in einem Interview darauf hingewiesen, dass Menschen, die in durchgängig befriedeten Gesellschaften aufgewachsen sind, ihre Erziehung im Weg steht, wenn es zu einem unerwarteten Einbruch von Gewalt kommt. Als Beispiel nannte er die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln.

"Mischt euch ein, Männer"

Baberowski hat in dem Zusammenhang von einem Fall aus Murmansk berichtet, der sich ein paar Wochen nach Köln zugetragen hat. Ich hatte davon bislang noch nicht gehört, aber auch in Murmansk war es offenbar zu Übergriffen gegenüber Frauen durch ein paar arabische Männer gekommen. Anders als in Köln ist das für die Angreifer allerdings nicht gut ausgegangen, wie der Gewaltforscher in dem Interview sagte. "Niemand wartete auf den Staat, und am Ende gab es dennoch eine klare Botschaft, die die Täter verstanden haben."

In Deutschland gibt es jetzt die Diskussion, wie man als Passant reagieren soll, wenn sich, wie zuletzt beim Karneval der Kulturen in Berlin, Männer an Frauen vergreifen. Bei "Welt Online" konnte man den Vorschlag lesen, wer Zeuge einer solchen Grabschattacke werde, solle sein Handy zücken und den Übergriff filmen. "Schon ein halbes Dutzend Smartphones in den Händen halbwegs wehrhaft aussehender Kerle wäre eine taugliche Distanzwaffe", empfahl der Autor. "Wenn das nächste Mal Frauen belästigt werden, mischt euch ein, Männer, zieht, schießt. Bilder."

Ich bin sicher, der Reporter von "Welt Online" hat es mit dem Vorschlag gut gemeint. Die Grenze zur Selbstjustiz sei hauchdünn, hieß es zur Erklärung, das dürfe man nie vergessen. Ich habe mir nur vorzustellen versucht, wie das Ganze in der Praxis aussehen würde. Während jemand seine Freundin an Po und Busen packt, steht der Freund daneben und hält den Vorgang mit dem Telefon fest, um ihr anschließend stolz die Beweismittel präsentieren zu können? Kein Wunder, dass zwischenzeitlich das Pfefferspray ausverkauft war.

In manchen Beiträgen wird jetzt so getan, als ob die deutschen Männer zu verweichlicht wären. Dazu kann ich nur sagen: Ich sehe das Problem strikt genderneutral. Die Zeiten, in denen man sich als Frau auf die Ritterlichkeit von Männern verlassen konnte, sind definitiv vorbei. Wenn ich ein Mädchen hätte, würde ich sie für einen Selbstverteidigungskurs anmelden. Vielleicht ist es auch keine so schlechte Idee, sie früh mit Lego spielen zu lassen. Etwas Militarisierung im Kinderzimmer ist im Zuge der Globalisierung möglicherweise doch ganz nützlich, wie die Erfahrung zeigt.

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insgesamt 241 Beiträge
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Seite 1
Leser161 30.05.2016
1. Interessant
Ja sehr interessant. Das ganze ist ein schmaler Grad in der Kindererziehung und auch andererorten. Gewalt ist nicht das erste Problemlösungsmittel* einerseits, andererseits sollte es nicht soweit gehen, dass man einfach dasteht und Opfer von Gewalt wird. Entweder Wehren oder Weglaufen sollte die Devise sein (Zweiteres halte ich für die bessere Variante) *Wenn es gar keins ist, warum haben wir dannn Serbien bombardiert?
gretchen2.0 30.05.2016
2. klarer Unterschied
Ich finde hier werden Äpfel mit Birnen verglichen.Das Kinderspielzeug mittlerweile ein umfassendes Waffenarsenal beinhaltet (inklusive pinker Modelle damit auch Mädchen Spaß daran haben) und man zur Faschingszeit sein Kind als deutscher oder US-Soldat verkleiden kann, finde ich persönlich geradezu abartig. mit welcher selbstverständlichkeit unseren Kindern Krieg als lustiges Spiel verkauft wird und das in Zeiten in denen Tausender Kinder leider echte Waffen in den Händen halten oder vor Terror fliehen müssen! ich habe nichts gegen Cowboy Kostüm oder ähnliches, aber wenn ich im Spielwarenladen zwischen nachgebauter walter und Maschinengewehr wählen kann,ist das für mich abstumpfung der übelsten Art. das man sich im Falle eines Angriffes mit Händen und Füßen wehrt, sowie einschreitet wenn jemand belästigt wird, hat was mit Selbstverteidigung und sozialer Verantwortung zu tun.das ist was völlig anderes als vierjährigen zu erklären wie er sein Maschinengewehr zu halten hat damit er auch wirklich den Sandkastennachbarn trifft!
murksdoc 30.05.2016
3. Welpenschutz
Als "grösserer" Bruder mit etwa 15 Monaten Abstand zum nächstjüngeren, kann ich aus Erfahrung sagen, dass es schwierig ist, einem 15 Monate alten Baby, das gerade erst Laufen gelernt und im Gegensatz zu einem selbst noch die Windeln anhat, einfach so die Fresse zu polieren, vor allem wenn dessen Erzeuger und Erzeugerinnen, die in einer 10-fach höheren Gewichtsklasse kämpfen als man selbst, in Sicht-, Ruf- und Greifreichweite sind. Das ändert sich aber ganz schnell. Spätestens ab dem Tag, wo man den kleinen Kronprinzen auch noch babysitten muss, wird Rache seinen fürderhinnen trostlosen Alltag bestimmen, solange, bis er die hübscheren Instant-Lebensgefährtinnen mit nach Hause geschleppt bekommt, denn die haben oft ja auch Schwestern oder gutaussehende beste Freundinnen und da drückt man beim Altersunterschied dann gerne mal ein Auge zu. Rein optisch will man den kleinen Köder (nicht, "Köter", aber fast) dann nicht mehr beschädigen. Das ganze nennt man "infantile Diplomatie", die unter anderem dadurch gekennzeichnet ist, den demnächst senilen Alten vorzugaukeln, man lebe die gewünschte totale Gewaltfreiheit.
spon-facebook-10000361426 30.05.2016
4.
Was, frage ich mich, tun wir eigentlich, wenn wir doch nicht unseren Traum einer friedlichen Welt verwirklichen können und ein Agressor und angreift? Was tun wir, wenn wir des Nachts in einer dunklen Gasse (ohne Rettung in der Nähe) eine schwerste Körperverletzung erleben. Was tue ich, in meiner Freizeit Veranstalter von öffentlichen Parties, wenn eine Frau vor meiner Nase vom Freund so fest am Schal gezogen bekommt, dass Sie nach hinten gerissen wird? Ich sage Ihnen, was ich getan habe, ich habe dem Herren freundlich bestimmt von hinten an die Brust gefasst und ihn festgehalten. Das Thema war sogleich deskaliert und der Kollege der definitiv einen Zuviel im Tee hatte war ganz schnell wieder Brav. Dafür brauchte es nicht mal gewalt, dafür reichte ein selbstsicheres Auftreten und der Mumm im Zweifelsfall auch "eine" zu kassieren. Ich bin kein Schläger, ich kanns auch nicht. Aber wenn ich so gewaltfrei wäre, wie man das heute von uns wünscht, dann wäre ich mit der Situation überfordert gewesen. Vielleicht wäre eine Erziehung die aufzeigt, dass Gewalt nur eine Ultima Ration sein kann, ein manchmal nicht mehr zu vermeidendes Mittel um größeren Schaden abzuwenden, wesentlich besser als unseren Kindern immer zu erzählen, dass Gewalt überhaupt nicht akzeptabel ist. In jeder Lebenslage. Daraus werden auch keine Menschen mit Zivilcourage, da entstehen nur passive Handyfilmer und wenn ich so einen sehe, dann weiß ich nicht ob ich der Person nicht das Handy aus der Hand schlage und ihn sehr direkt auffordere mit mir EINZUGREIFEN! Was ein armes Land, aber Hauptsache alle Menschen sind gut und gewalt ist nie gut... Oder vielleicht manchmal doch? Just think about it!
jojack 30.05.2016
5. Das Fazit
...muss doch leider lauten: wir können unseren Kindern die Gewalt aberziehen, so viel wir wollen. Es wird immer jemanden geben, der sich nicht daran hält. Und dann sollte ein Kind, ebenso wie später ein Erwachsener sich auch körperlich wehren können. Wer glaubt, dass immer Staat und Polizei zu Hilfe eilen, dürfte spätestens nach Köln eines Besseren belehrt sein. Also statt unseren Kindern - insbesondere den Jungen - die ihnen angeborene Bereitschaft zum Kampf auf Biegen und Brechen abzuerziehen, sollten wir sie eher dazu erziehen, dass Gewalt immer das letzte Mittel ist, es aber Situationen gibt, in denen man sich wehren muss.
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