Politik

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Untersuchung zu Merkels Pannenflug

Zwischenfall im Kanzler-Airbus bleibt rätselhaft

Warnsignale im Cockpit, ausgefallene Funksysteme: Die Situation an Bord des Kanzler-Airbus Ende November war brenzlig. Laut einem Untersuchungsbericht konnte die Ursache bislang nicht gefunden werden.

Von und

DPA

Kanzlerin Merkel verlässt Ende November den Airbus "Konrad Adenauer" wegen eines technischen Defekts

Samstag, 15.12.2018   20:08 Uhr

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Als Jens Barf und Michael Weyerer an einem trüben Donnerstagabend Ende November Gas geben, sieht alles nach einem Routinearbeitstag aus. Trotz fast hundert Tonnen Kerosin in den Tanks nimmt ihr weißer A340 Fahrt auf. Nach gut 20 Sekunden hebt der vierstrahlige Jet mit gut 300 Sachen in Richtung Osten ab.

Die Luftwaffenpiloten steigen, drehen eine Linkskurve, nehmen Kurs auf Argentinien. In gut zehn Stunden wollen sie in Südamerika landen.

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Gleich hinter dem Cockpit machen es sich zwei prominente Passagiere in geräumigen VIP-Abteilen bequem. Kanzlerin Angela Merkel und Olaf Scholz, Finanzminister und Vizekanzler, wollen an diesem 29. November mit dem Regierungsflug GAF 918 nach Buenos Aires, um dort einen Tag mit den Regierungschefs der Welt zu verhandeln. Nur 24 Stunden später soll es schon wieder zurückgehen, ein Turbo-Trip um die halbe Welt, für die Kanzlerin reine Routine.

Ein lautes Warnsignal ertönt

Während Merkel und Scholz einen Wein gereicht bekommen, schwant den Piloten, dass etwas nicht stimmt. Nach gut 30 Minuten, sie fliegen gerade über Braunschweig, flackern im Cockpit die Bildschirme grell auf. Ein lautes Warnsignal ertönt. "Master Caution", bellt die automatische Stimme stoisch. Gleichzeitig gehen Warnlampen mit der gleichen Aufschrift in Rot an. Dieser Code zeigt eine mehr als gravierende Fehlfunktion an.

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Nun geht alles sehr schnell. Auf den Bildschirmen blinkt die Anzeige "DC Essential BUS FAULT", ein großer Teil des Stromsystems ist ausgefallen. Die Piloten versuchen, mit der Bodenstation Kontakt aufzunehmen. Fehlanzeige. Keines der Funksysteme funktioniert. Spätestens jetzt, die "Konrad Adenauer" steuert auf Holland zu, realisieren die Piloten die brenzlige Lage. Sie setzen den Transponder-Code "7600" ab, um andere Flieger zu warnen.

Was im Cockpit passiert, erfährt die Kanzlerin schnell. Merkel sitzt mit einigen mitgereisten Journalisten im "Wohnzimmer", dem gemütlichen Konferenzraum des Regierungsfliegers zusammen, als eine Stewardess der Luftwaffe hineinplatzt. "Es ist wichtig", sagt sie und bittet die Kanzlerin heraus. Wenig später ist klar: Der A340 muss über der Nordsee umdrehen. Nur übers Satellitentelefon navigiert, geht es zurück nach Köln-Wahn.

Nach der Landung rückt die Feuerwehr an

Für Merkel wird der Abend immer ärgerlicher. Nach der Landung muss sie noch fast eine Stunde im Flieger ausharren: Da der A340 mit fast vollen Tanks aufsetzt, sind die Bremsen glühend heiß, die Feuerwehr muss anrücken. Dann stellt sich heraus: Auch die "Theodor Heuss", ein baugleicher A340, kann nicht nach Buenos Aires fliegen. Die Crew ist schon zu lange im Einsatz für den Zehn-Stunden-Flug. Merkel muss übernachten und am nächsten Tag Linie zum Gipfel fliegen.

Für die Luftwaffe ist der Vorgang peinlich. Und rätselhaft. So geht aus einem internen Untersuchungsbericht hervor, dass die Ursache der Panne bis heute nicht gefunden worden ist. "Nicht nachvollziehbar und entgegen des vorgesehenen Systemverhaltens" habe sich die Technik verhalten, konstatiert der Unfallreport. Demnach hätte der Flieger durch Ersatzsysteme "mit Einschränkungen funktionsfähig" bleiben müssen.

Die Details des Defekts schildert der Bericht dann auch nur so weit, wie die Experten sie nachverfolgen konnten. So sei eine der Transformer-Gleichrichter-Einheiten, im Fachjargon "Transformer Rectifier Unit" oder TRU genannt, ausgefallen. Mit dem Gleichrichter wird der durch die Turbinen erzeugte Wechselstrom bei Änderung der Spannung zu Gleichstrom für die Bordinstrumente, aber auch für viele hydraulische Funktionen, umgewandelt.

"Ein sehr spezieller Systemausfall"

Unklar aber ist, warum der Defekt an einem der Transformatoren so extreme Folgen hatte. Im A340 sind gleich drei Tranformatorsysteme verbaut. Fällt einer aus, übernehmen die Ersatz-Systeme die Stromversorgung. Eine Vermutung ist, dass ein Überstrom, eine viel zu hohe Spannung, das System schlagartig überlastete und zur kompletten Abschaltung führte. Als die Techniker das nachstellen wollten, trat der Effekt aber nicht noch einmal auf.

Mittlerweile steht die "Konrad Adenauer" wegen des Defekts in den Hangars der Lufthansa in Hamburg. Dort würden die Fachleute von Lufthansa Technik, die die Regierungsjets umbauen und regelmäßig warten, zu gern herausfinden, was den Transformator so beschädigt hat. Für die Lufthansa ist dies auch für die eigenen Flieger interessant, ein gutes Dutzend der A340 hat man dort jeden Tag im Einsatz.

Experten jedenfalls warnen davor, den Vorfall auf die leichte Schulter zu nehmen. "Das ist schon ein sehr spezieller Systemausfall", meint Gerhard Hüttig, früherer Leiter des Fachgebiets Flugführung an der TU Berlin. Auch Ralf God vom Institut für Flugzeugkabinensysteme der TU Hamburg sieht "viele Fragezeichen". Dass der Gleichrichterausfall zum Komplettausfall führe, sei "eigentlich unvorstellbar".

Merkel möchte eine ähnliche Situation nicht wieder erleben

Ein erfahrener Pilot des Lufthansa-Konzerns sagte, der beschriebene Vorfall sei für die Crew "nicht gerade lustig". Er sei im Flugsimulator mit einer vergleichbaren Situation konfrontiert worden - und schon dort stark unter Stress geraten. "Ich wusste hinterher nicht mehr, wie ich heiße", so der Pilot. Auch die Landung des fast vollgetankten Airbus in Köln sei zwar technisch machbar gewesen - aber eben auch risikoreich. Die Piloten, so der Kollege, hätten sicher "ganz schön geschwitzt".

Kanzlerin Merkel möchte eine ähnliche Situation nicht wieder erleben. Am vergangenen Mittwoch ließ sie sich im Bundeskabinett von Verteidigungsstaatssekretär Thomas Silberhorn den Untersuchungsbericht vortragen und wollte wissen, was nun zu tun sei. Silberhorn berichtete von Ideen für den Kauf von einem oder sogar zwei neuen Langstreckenflugzeugen. Am besten geeignet wären wohl Airbus-Jets vom Typ A330 oder A350, die eine große Reichweite haben.

Merkel hörte ruhig zu. Dann wendete sie sich an das Wehrressort und den Finanzminister, man solle doch bitte schnell eine Lösung finden. Man kann davon ausgehen, dass dies nach der Weisung der Kanzlerin recht schnell passiert. Wohl auch deshalb ließ Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen am Samstag sogleich per "BamS" mitteilen, sie plane bereits eine Neuanschaffung und werde mit dem Finanzminister schon bald über das Budget dafür reden.

Nach Erscheinen des Beitrags meldete sich am Samstagabend ein Sprecher des Ministeriums und teilte mit, am Samstag habe es ein Treffen von Fachleuten gegeben. Dort sei man sich einig gewesen, das Problem sei über einen Austausch des Transformators und der Konfiguration "restlos" zu beheben. Nach dieser Reparatur sollen beide A340 "ab Mitte kommender Woche" wieder einsatzbereit sein.

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