Kanzler-Kritik Schröder beklagt sich über Drohbriefe

Die Nerven liegen blank. Bundeskanzler Schröder hat sich erstaunlich offen über Drohbriefe an seine Familie beklagt. Für ihn sind diese Auswüchse die Folge der politischer "Hetze" und "offenen Ehrabschneiderei" in der Boulevard-Presse gegen die Regierungspolitik.


Gerhard Schröder sieht sich und seine Familie infolge der Berichterstattung in der Boulevardpresse bedroht
DPA

Gerhard Schröder sieht sich und seine Familie infolge der Berichterstattung in der Boulevardpresse bedroht

Berlin - In der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin" sagte Schröder am Freitagabend: "Das, was wir gegenwärtig an unverkennbaren Drohbriefen kriegen, schlägt dem Fass den Boden aus." Er sei sehr für harte Kritik der Presse an Politikern, wenn sie etwas Falsches oder vermeintlich Falsches täten, sagte der Kanzler.

Aber: "Der ganze Klamauk, der jetzt gemacht wird, jene Trittbrettfahrer, die meinen, den politischen Prozess als Ulk darstellen zu müssen, das ist schon unschön", kritisierte Schröder. "Das, was es gegenwärtig in weiten Teilen der Boulevard-Presse an offener Ehrabschneiderei, nicht nur mir gegenüber, sondern Politikerinnen und Politikern insgesamt gegenüber gibt, das schadet der demokratischen Kultur in Deutschland." Er mache sich wirklich Sorge um die Frage, "wie entwickelt sich bei dieser Art, die vermehrende Hetze gegen den politischen Prozess, gegen Politik insgesamt, die demokratische Kultur in Deutschland".

Einen, den er mit seinen Anwürfen meinen wird, ist Stimmenimitator Elmar Brandt, der mit seinem "Steuersong" inzwischen die Charts domniert. Für 500.000 verkaufte Exemplare seiner CD hat der Komiker jetzt eine Platin-Platte bekommen. Die Auszeichnung wurde dem 31-Jährigen vom Bund der Steuerzahler vor dem Bundeskanzleramt in Berlin überreicht. "Früher sind die Leute auf die Straße gegangen. Heute schlägt man den Kanzler mit den eigenen Mitteln. Die Leute rufen bei Radiosendern an und wünschen sich den Steuersong oder kaufen sich die CD", sagte Brandt laut eine Mitteilung der ARD-Sendung "Report aus München".

Weitaus belastender als alles andere sei, so der Kanzler, dass die Art von Hetze gegen Politiker und ihre Folgen bis weit in den Familienbereich hineingingen. Das seien Menschen, die sich emotional weniger schützen könnten, obwohl sie zum Glück gut bewacht seien.

Vor einer Woche hatte Doris Schröder-Köpf wegen der harschen Kritik an der Regierungspolitik Angst um ihren Mann bekundet. "Meine Sorge ist, dass die verbale Hetze irgendwann in körperliche Angriffe mündet", hatte sie gesagt.



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